Fünfseen-Filmfestival:Atemberaubendes Debüt

Lesezeit: 2 min

Franz Böhms Doku "Dear Future Children" auf dem Filmfest

Von Katja Sebald, Gauting

Während wir an den privilegierten Orten der Erde angesichts der Extremwetter-Ereignisse dieses Sommers schön langsam realisieren, dass der KIimawandel Gegenwart geworden ist, sind unzähligen Menschen in Afrika längst ihre Lebensgrundlagen entzogen, weil weite Landstriche unbewohnbar geworden sind. Während wir immer noch erstaunt auf die populistischen Menschenfänger schauen, die an unserer Demokratie sägen, hat das chinesische Schreckensregime längst Hongkong unter sein Joch gezwungen. Und während hierzulande Politiker von einem "klimagerechtem Wohlstand für alle" schwadronieren, haben in Chile ein Diktator und eine skrupellose Elite längst die arbeitende Bevölkerung abgehängt und sogar die Trinkwasserversorgung des Landes in die Hände von raffgierigen Privatunternehmen gegeben. "Dear Future Children", eine Dokumentation über drei junge Aktivistinnen auf drei verschiedenen Kontinenten, ist das in jeder Hinsicht atemberaubende Kinodebüt des Regisseurs Franz Böhm.

Böhm, 1999 in Gerlingen geboren, und sein Team arbeiteten fast zwei Jahre lang an dem Projekt, das überwiegend mit Hilfe einer Crowdfunding-Kampagne finanziert wurde. Zusammen mit der Editorin Daniela Schramm Moura stellte er den Film in der Festivalreihe "Kino & Klima" in Gauting vor. Für die buchstäblich hautnahe Reportage begleiteten er und sein Kameramann Friedemann Leis die Studentin Hilda, die in Uganda gegen Umweltzerstörung kämpft und dort die "Fridays-for-Future"-Bewegung anführt. Sie filmten unter schwierigsten Umständen das Mädchen mit dem Decknamen "Pepper" in Hongkong: Bei den Protesten gegen die chinesische Führung, die mit brutaler Polizeigewalt vorgeht, kämpfte die junge Frau an vorderster Front. Zu ihrem eigenen Schutz wird ihr Gesicht in der Dokumentation nicht gezeigt.

Fünfseen-Filmfestival: Protest mit Gasmaske in Santiago de Chile: eine Szene aus der Dokumentation "Dear Future Children".

Protest mit Gasmaske in Santiago de Chile: eine Szene aus der Dokumentation "Dear Future Children".

(Foto: Nightrunner Productions & Schube)

In Santiago de Chile schließlich trafen sie auf Rayen, die für mehr soziale Gerechtigkeit in ihrem Land auf die Straße geht und dabei ebenfalls ihr Leben riskiert.

Der Film begnügt sich nicht damit, die mutigen jungen Frauen zu ihren Beweggründen zu befragen. Vielmehr gewährt er dem Zuschauer mehr als schmerzhafte Einblicke in Lebensrealitäten, die von den üblichen Nachrichtenbildern nicht einmal angedeutet werden: Man sieht junge Menschen, die sich Gasmasken, Helme und Schutzbrillen aufsetzen, bevor sie das Haus verlassen, um gegen eine Regierung zu protestieren, von der sie mit Wasserwerfern, Tränengas und Gummigeschossen bekämpft werden.

Man wird Augenzeuge von Prügelattacken und Verhaftungen in Hongkong. Man erfährt von Aktivisten, die für Jahre hinter Gittern verschwinden, wenn sie das Land nicht rechtzeitig verlassen können. Man begegnet einer jungen Chilenin, der ein Auge weggeschossen wurde, und einer Familie, deren Sohn auf einer Demonstration starb. Man sieht auf verwackelten Handy-Aufnahmen die Schläger, die verzweifelten Ersthelfer und den sterbenden jungen Mann. Und schließlich trifft man auf die Afrikanerin, die mit ihren eigenen Händen unvorstellbar große Mengen an Plastikmüll aus den Flüssen schaufelt. Man hört sie über Menschen in ihrem Land sprechen, die noch nie etwas vom Klimawandel gehört haben oder ihn für gottgewollt halten. Man begleitet sie auf den Klimagipfel nach Kopenhagen, wo sie unter Tränen ihre Rede hält.

"Dear Future Children" ist im Januar dieses Jahres auf dem 42. Max-Ophüls-Preis-Filmfestival uraufgeführt und seither mit einer ganzen Reihe von Preisen ausgezeichnet worden, unter anderem erhielt der Film den Publikumspreis auf dem Hot-Docs-Dokumentarfilmfestival. Böhm berichtete beim Gespräch in Gauting von seinem Bemühen, dem Film das größtmögliche Publikum verschaffen. Dem kann man sich nur anschließen: Politiker und Wähler, Lehrer und Schüler, Eltern und Kinder, überhaupt jeder sollte diese aufrüttelnde Dokumentation sehen.

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