Fünfseen-Filmfestival:Spielen auf Stelzen

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Fünfseen-Filmfestival: "Das Arturo-Projekt" feierte beim Fünfseen-Filmfest Weltpremiere.

"Das Arturo-Projekt" feierte beim Fünfseen-Filmfest Weltpremiere.

(Foto: Robert Fischer)

Robert Fischer dokumentiert in seinem Film "Das Arturo-Projekt" die Produktion des Brecht-Stücks "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui". Darin müssen die Darsteller gleich mehrere Aufgaben übernehmen - und lernen, Balance zu halten.

Von Sylvia Böhm-Haimerl, Starnberg

Wer glaubt, ein Schauspieler müsse nur einen Text lernen und den jeweiligen Charakter entsprechend darstellen, um in eine Rolle zu schlüpfen, wird in dem Dokumentarfilm "Das Arturo-Projekt" von Robert Fischer eines Besseren belehrt. Das "Theater Wasserburg", das Stelzentheater Landsberg "Die Stelzer", der kleine Wanderzirkus "Boldini" sowie verschiedene Musiker haben sich zusammengeschlossen, um gemeinsam das Brecht-Stück "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" aufzuführen. Regisseur, Produzent und Kameramann Robert Fischer, der auch für Schnitt und Ton verantwortlich war, hat die Truppe beobachtet und mit jedem Teilnehmer Interviews geführt. Herausgekommen sind 30 Stunden Filmmaterial, die zu einer eindringlichen Dokumentation zusammengeschnitten wurden, die das Engagement der Darsteller zeigt. Der Film wurde erstmals auf dem Fünfseen-Filmfestival gezeigt.

Was verbindet die Zirkus- und Theaterleute mit den Musikern? Es ist das Herzblut, mit dem sie sich für ihre Arbeit engagieren. Im Gegensatz zu großen Theater- und Filmproduktionen haben die Teilnehmer des Projekts keine Helfer oder Zuarbeiter. Sie sind für alles selbst verantwortlich und machen vor und hinter der Bühne mehrere Arbeiten gleichzeitig. Sie haben Einzel- und Doppelproben für Artistik, Schauspiel und Musik. Die Auftritte finden im Zirkuszelt der Familie Frank statt, die ebenfalls in der Theaterproduktion auftritt. Garderoben gibt es nicht, die Darsteller schminken sich hinter dem Zelt, bereiten kurz vor dem Auftritt den Text vor oder machen sich warm für die Zirkusnummern. Doch damit nicht genug: Die Schauspieler treten auch noch mit Stelzen auf. Sie müssen also nicht nur ihre Rollen einüben, sondern auch lernen, auf Stelzen zu gehen.

Fünfseen-Filmfestival: Im Gegensatz zu großen Theater- und Filmproduktionen haben die Teilnehmer des Projekts keine Helfer oder Zuarbeiter - sie schminken sich sogar selbst.

Im Gegensatz zu großen Theater- und Filmproduktionen haben die Teilnehmer des Projekts keine Helfer oder Zuarbeiter - sie schminken sich sogar selbst.

(Foto: Robert Fischer)

Und das ist gar nicht so einfach. Eine Schauspielerin, welche die Brechtlieder singt, erklärt, dass man beim Singen nicht einfach Luft holen und auch nicht stehen bleiben könne, sonst falle man um. Als ein Kamel während eines Auftritts einer Schauspielerin auf Stelzen zu nahe gekommen war, konnte sie einen üblen Sturz gerade noch vermeiden, weil ein Gerät in der Nähe stand, an dem sie sich festhielt. Als das Stück zwei Jahre nach der ersten Produktion 2019 erneut aufgeführt wurde, befürchtete man, dass die Schauspieler die Stelzen nicht mehr beherrschen würden - sie konnten es noch. Und ein Neuling, der als Ersatz hinzukam, lernte sehr schnell, auf einfachen Malerstelzen zu gehen, wie sie die Handwerker zum Streichen einer Decke verwenden. Auch die Zirkusleute mussten umdenken. Eine Seiltanznummer wird im Wortsinn zum Drahtseilakt. "Es geht nicht um den Effekt, wie beim Zirkus. Es geht um Ausstrahlung", bringt es eine Artistin auf den Punkt.

Fünfseen-Filmfestival: "Es geht nicht um den Effekt, wie beim Zirkus. Es geht um Ausstrahlung", sagt eine Darstellerin.

"Es geht nicht um den Effekt, wie beim Zirkus. Es geht um Ausstrahlung", sagt eine Darstellerin.

(Foto: Robert Fischer)

Da das Zirkuszelt lediglich über 250 Plätze verfügt, spielen die Vorstellungen laut Wolfgang Hauck nicht genug ein. Wirtschaftliches Arbeiten sei nicht möglich. Kurt Tykwer hatte die Idee, einen Dokumentarfilm zu diesem Projekt zu machen, das Theater, Zirkus und Artistik zusammengebracht hatte. Unterstützt wurde er von dem Leiter des Theaters Wasserburg, Uwe Bertram, und von Hauck, die aufgrund von Finanzierungsproblemen am Ende beide auf ihr Honorar verzichten mussten. Bezahlt wurden lediglich die 20 Mitarbeiter. Fördergelder gab es nicht. "Ich mag auf die Freiheit nicht verzichten", erklärte Fischer. Etwa auf die Möglichkeit, erst vor wenigen Wochen eine letzte Szene nachzudrehen. Zwar haben die Dreharbeiten selbst nur acht Wochen gedauert, der Film ist laut Fischer aber erst nach drei Jahren fertig geworden - auch, weil immer wieder das Geld ausging.

Das Arturo-Projekt ist am Montag, 19. September, im Stadttheater Landsberg zu sehen.

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