Fünfseen-Filmfestival:Alles von Reitz

Fünfseen-Filmfestival: Mit diesem Kinderspielzeug, einem kleinen Filmprojektor, fing alles an: Regisseur Edgar Reitz.

Mit diesem Kinderspielzeug, einem kleinen Filmprojektor, fing alles an: Regisseur Edgar Reitz.

(Foto: Edgar Reitz Filmstiftung)

Die große Rückblende startet mit "Mahlzeiten", dem einst in Venedig gefeierten Erstling des Münchners. Bis Ende des Jahres sind im Kino Starnberg seine Spielfilme und die große Hunsrück-Saga zu sehen

Von Blanche Mamer, Starnberg

Als er acht war, hat er von seinen Eltern einen Filmprojektor geschenkt bekommen. Das Stück gibt es immer noch, es ist auf dem Flyer zu seiner großen Werkschau in den Breitwand-Kinos abgebildet, bei der drei Monate lang, an jedem Mittwoch und Sonntag, Edgar Reitz' Filme gezeigt werden. "Ob meine Eltern damit meine Berufswahl präjudiziert haben, weiß ich nicht", sagt Edgar Reitz am Mittwoch beim Start der Retrospektive. "Mahlzeiten", sein Debütfilm von 1966/1968, der bei den Filmfestspielen in Venedig 1967 gleich gefeiert wurde und den Preis als bester Erstling bekam, steht für den Jungen Deutschen Film, ist aber in Vergessenheit geraten.

"Das war für mich damals ein Riesending. Die Anerkennung ermöglichte mir, dass ich zehn Jahre davon leben konnte", sagt der 85-Jährige, der viel jünger wirkt. Vier Jahre habe er an dem Drehbuch geschrieben, das immer weiter wuchs, 600 Seiten waren es schließlich. Als die Finanzierung stand, suchte er ewig lange nach einer Hauptdarstellerin. "Eigentlich wollte ich ja Jeanne Moreau, die Muse des französischen Kinos, die ich verehrt habe. Doch ihre Gagenforderung war so hoch wie mein ganzes Budget", erzählt Reitz und lacht verschmitzt. Ihr ähneln sollte die Schauspielerin schon. Nach vielen Probeaufnahmen entdeckte er zufällig ein Foto von Heidi Stroh, einer noch völlig unbekannte Schauspielerin, die in Rom lebte und bei ihrer Ankunft erst mal einen peinlichen Auftritt hinlegte. Aber die Rolle dann doch bekam.

Sie spielt die 20-jährige Elisabeth, Fotoschülerin in Hamburg, die den etwas älteren Medizinstudenten Rolf (Georg Hauke) trifft. Es ist Liebe auf den ersten Blick, sie folgt ihm überall hin, kann nicht ohne ihn sein. Sie wird schwanger, es wird geheiratet, das Kind kommt, und die kleine Familie scheint glücklich. Elisabeth wird wieder schwanger, Rolf gibt das Studium auf, hat verschiedene Aushilfsjobs, geht nach Holland, um auf einer Werft mehr Geld zu verdienen. "Die Kinder purzeln nur so", sagt das kleine Mädchen im Kurzfilm "Kinder", den Reitz als Vorprogramm zeigt. Das trifft genau auf Elisabeth zu. Sie bekommt fünf Kinder, hat dazwischen eine Abtreibung und ist erst Ende 20! "Die Geschichte ist sehr ambivalent", sagt Reitz. Er habe den Film mit Hassliebe gedreht, doch er stehe immer noch dahinter: "Das ist jetzt 50 Jahre her! Wir waren sehr jung, die Situation war ganz anders als heute. Die Filmbranche war extrem nachwuchsfeindlich. 1962 hatten wir bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen Rabatz gemacht, und nur langsam haben wir uns aus der Provinzialität herausgearbeitet."

Formal und von den Bildern her ist der Film immer noch richtig jung. Man merkt, dass er damals viele Industriefilme gedreht hat, ein Auge hat fürs Detail. Viele Bilder könnte man heute als Werbung für Kosmetika nehmen, damals eine total neue Sicht. Die Geschichte selbst hat einige Brüche und darf nicht zu nah auf die Logik hin seziert werden. Wer finanziert die Großfamilie? Zuwendungen von ihrem Vater, heißt es einmal kurz. Elisabeth tänzelt in ihrem Chanel-Kostümchen durch Galerien und über Blumenwiesen, ruht sich aus, trifft sich mit Freunden. Doch wo hat sie die Kinder gelassen? Einmal sieht man die Fünf, wie sie auf dem Boden hockend, aus kleinen Schälchen Spaghetti fischen. Einmal sieht man sie mit Rolf toben. Kurz gesagt: trotz der leisen Kritik eine wunderbare Wiederentdeckung.

Allein im September und Oktober laufen 18 Reitz-Filme im Kino Starnberg, vorwiegend die Teile der Hunsrück-Saga "Heimat" und "Die zweite Heimat", aber auch Frühwerke wie "Cardillac" und "Stunde Null". Die nächsten Termine: 16. September, 11 Uhr, "Geschichten aus den Hunsrückdörfern", 19. September, 20.15 Uhr, "Mahlzeiten".

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