Fünfseen-Filmfest:Die Sehnsucht des Diebes

Lesezeit: 2 min

"Sister" handelt von einem Jungen, der Skifahrer bestiehlt und Geborgenheit sucht. Das Starnberger Publikum schließt den Film von Ursula Meier sofort ins Herz.

Blanche Mamer

StarnbergDie Regisseurin Ursula Meier ist ganz vertieft in ihr Smartphone, scrollt sich durch die neuesten Sportnachrichten von den Olympischen Spielen. Sport war mal ihre Welt, früher, da trainierte sie eisern Leichtathletik. Bevor sie mit 15, 16 das Kino für sich entdeckte. Aufgewachsen in der Nähe von Genf, wollte sie ins Ausland. Sie studierte Regie an der Filmhochschule im wallonischen Louvain-la-Neuve und ist Belgien treu geblieben. Heute lebt sie meist in Brüssel, ist oft in Paris. "Ich habe mich in Brüssel verliebt, ich finde die Stadt surrealistisch. Und die Belgier sind so komisch, sie haben einen eigenen Humor, der mich sehr anspricht und den ich auch bei mir wiedererkenne", sagt sie. Gleich für ihren ersten langen Spielfilm "Home" mit Isabelle Huppert hat Meier 2009 den Schweizer Filmpreis bekommen. Im Februar wurde ihr neuer Spielfilm "Sister" (L'enfant d'en haut) bei der Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Jetzt kam sie nach Starnberg, zum Fünfseen-Filmfestival, um ihren Film vorzustellen.

62. Berlinale: Photocall 'L'Enfant D'en Haut'

Lebt in Brüssel und liebt den Humor der Belgier: die Schweizerin Ursula Meier. Foto: Maja Hitij/dapd

(Foto: dapd)

Das Publikum liebte ihn sofort, vor allem aber den 12-jährigen Simon, der in einer trostlosen Siedlung im Tal unterhalb eines glitzernden Skigebiets für Reiche wohnt. Er stiehlt ihnen Teile der Ausrüstung, Skier, teure Sonnenbrillen und Accessoires, und verkauft sie für wenig Geld an seine Freunde. Mit dem Verdienst kann er zum gemeinsamen Lebensunterhalt für sich und seine Schwester Louise beitragen.

Zunächst habe sie nach einem Stoff gesucht für den Buben, der in "Home" den Sohn von Huppert spielte, erzählt Meier. Kacey Mottet Klein war damals, nach Castings mit mehr als 1000 Kindern, zufällig unter den Zuschauern beim Marathon in Lausanne entdeckt worden und hatte sich als Naturtalent entpuppt. "Die Idee für die Industrie-Siedlung im düsteren Tal und die Gondelbahn zum Berggipfel, wo sich die reiche Touristen vergnügen, hatte ich während einer Dokumentation, die ich für Arte drehte", berichtet sie. "Ich hatte schon mit dem Schreiben begonnen, als eine alte verschüttete Erinnerung hochkam. Als kleines Mädchen war ich bei einem Skiausflug mit anderen Kindern, als der Skilehrer uns einen Buben zeigte, der abseits stand und ärmlich aussah. Er sagte, passt auf eure Sachen auf, das ist ein Dieb." Sie habe das Gesicht des Buben nicht gesehen, erinnere sich nur ganz vage, doch die Geschichte habe wohl in ihr gewartet.

Die Figur von Louise sei dann auch ziemlich bald klar gewesen. "Es geht nur vordergründig um die Diebereien. Die Zuschauer erkennen bald, dass die eigentliche Geschichte von der Sehnsucht nach Liebe, Wärme und Geborgenheit handelt und vom Wunsch in einer Familie Halt zu finden." Das haben auch die internationalen Verleiher verstanden, der Film wurde sogar nach Amerika, Korea und Brasilien verkauft. Starnberg war schön, aber kurz, doch die Zeit reichte für einen Sprung in den See. Gestern ist sie zum Filmfestival nach Locarno abgereist, Ende August ist sie in der Jury des Festivals von Venedig.

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