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Fotograf George E. Todd:Der Mann mit den drei Leben

Zum fünften Todestag des preisgekrönten Bildkünstlers präsentiert seine Nachlassverwalterin ausgewählte Werke in Herrsching und Weßling

Von Katja Sebald, Weßling/Herrsching

Am schönsten platziert ist vielleicht das Bild, das die verwitterte Veranda eines Farmhauses in New Mexiko zeigt. Es hängt im Schaufenster des Parkettgeschäfts an der Gautinger Straße in Weßling. Und wenn die Ladentür offen steht, dann möchte man meinen, es wäre das Bild, das so fein nach Holz duftet. Zu seinem fünften Todestag sind die Fotografien von George E. Todd noch einmal in und um Weßling zu sehen, auch im Haus der Bayerischen Landwirtschaft gibt es eine kleine Ausstellung.

Die Weßlinger Kunsthistorikerin Susanne Flesche hat 2016 den künstlerischen Nachlass von George E. Todd mit mehr als 30 000 Negativen und über 1000 Fotografien geerbt. Mit dem von ihr gegründeten "The George E. Todd Archive" hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, das Werk des Künstlers durch Ausstellungen in Erinnerungen zu halten. Eine große Retrospektive zum 95. Geburtstag, die sie im Weßliger Pfarrstadl zeigen wollte, musste sie zweimal verschieben. Jetzt hat sie eine "coronataugliche" Ausstellungsvariante im öffentlichen Raum realisiert: Für das Foyer im Haus der Bayerischen Landwirtschaft, wo Todd viele Jahre lang unterrichtete, hat sie eine Auswahl von 16 selten gezeigten Landschaftsaufnahmen aus den USA und Kanada zusammengestellt. Außerdem zeigt sie an zehn verschiedenen Stationen in Weßlinger Geschäften und Unternehmen jeweils ein Foto, das zum Ausstellungsort passt. "Die Verbindung zwischen Bild und Ort ist rein assoziativ", erläutert - gerade darin besteht jedoch der ganz besondere Reiz dieses kleinen Kunstparcours.

So fand sie etwa in den Beständen eine Aufnahme vom Innenraum eines Cafés, die Todd auf einer Italienreise in Follonica machte. Durch das Fenster blickt man aufs Meer. Dieses Bild hängt jetzt im Verkaufsraum im "Café am See". Wer möchte, kann sich nun vom Weßlinger Seeufer direkt in die Maremma träumen. Auch im Gasthaus "Il Plonner", in dem bekanntlich italienisch gekocht wird, hängt eine Landschaftsaufnahme aus der Toskana. Passend zum etwas höher gelegenen Oberpfaffenhofen ist hier ein Landgut auf einem Hügel zu sehen. Ein kleines Stückchen Heimatgeschichte erzählt Susanne Flesche mit dem Foto von den Windmühlen in La Mancha, das sie im Kiosk Wasserberghäusl zeigt: In unmittelbarer Nähe zur ehemaligen Badeanstalt befand sich einst auf dem Brunnenhaus ein Windrad.

"One Life and two others": So hatte George E. Todd die große Ausstellung zu seinem 90. Geburtstag im Weßlinger Pfarrstadel überschrieben. Seiner eigenen Einschätzung nach habe er nicht nur ein einziges spannendes und erfülltes Leben gehabt, es seien mindestens drei gewesen. 1925 in Grimsby in England geboren, absolvierte er zunächst ein Kunststudium in London, das jedoch durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ein abruptes Ende fand. Bei der Royal Airforce entdeckte er seine Liebe zur Technik und arbeitete auch nach dem Krieg weiter in einem Forschungslabor. Weniger bekannt ist seine Karriere als Motorradrennfahrer in den Fünfziger Jahren.

1972 kam George E. Todd nach Deutschland, wo er bei der DLR in Oberpfaffenhofen über viele Jahre mit Weltraumforschungsprojekten beschäftigt war. Ebenso lange lebte er mit seiner Frau Pat bis zu deren Tod zusammen in Hochstadt. Seit 1990 widmete er sich ganz der Fotografie - und zwar ausschließlich der analogen Fotografie. Seine Leidenschaft galt dem Mittel- und Großformat. Seine Fotos waren in mehr als sechzig Ausstellungen zu sehen und wurden auch in zahlreichen Bildbänden veröffentlicht. Für seine künstlerische Arbeit wurde Todd mit zahlreichen Auszeichnungen geadelt, unter anderem mit der Aufnahme in die Deutsche Gesellschaft für Photographie.

Die kleine Präsentation ist so leise und zurückhaltend, aber nichtsdestotrotz eindrucksvoll wie George E. Todd selbst es war. Fast ist es, als begegne man ihm selbst auf diesem Spaziergang. Zumindest für seine Bilder scheint es zu den drei Leben nun noch ein viertes zu geben - der kundigen Nachlassverwalterin sei Dank.

Zu sehen bis zum 20. Juli im "Haus der Bayerischen Landwirtschaft" in Herrsching sowie in Weßling in der Bahnhofstraße 15, in der Hauptstraße 15 b, 19, 49 und 59, in der Gautinger Straße 1, 52, 61, und 65 sowie in der Oberen Seefelder Straße 1.

© SZ vom 22.06.2021
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