Wirtschaft im Landkreis StarnbergFliegen ohne abzuheben

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Virtueller Flug in einem nachgebauten Cockpit: Michael Fischbach (rechts) und David Markovic sehen in ihren Spezialbrillen eine Stadtansicht von Köln.
Virtueller Flug in einem nachgebauten Cockpit: Michael Fischbach (rechts) und David Markovic sehen in ihren Spezialbrillen eine Stadtansicht von Köln.
Franz Xaver Fuchs
  • Die Firma Reiser in Mörlbach baut Flugsimulatoren für höchste Ansprüche, wobei eine Helikopter-Trainingsanlage etwa vier Millionen Euro kostet.
  • Das Unternehmen beschäftigt mittlerweile etwa 250 Mitarbeitende an drei Standorten und wuchs durch einen 65-Millionen-Euro-Auftrag von 45 auf 230 Beschäftigte.
  • Der neue H145 D3 XR-Simulator kombiniert virtuelle Realität mit haptischen Cockpits und ist für den Bayerischen Innovationspreis nominiert.
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Die Firma Reiser in Mörlbach in der Gemeinde Berg baut Flugsimulatoren für höchste Ansprüche. Da kostet eine Anlage zum Training in einem Helikopter-Cockpit schon einmal vier Millionen Euro. Eine Neuentwicklung ist für den Bayerischen Innovationspreis nominiert.

Von Michael Berzl, Berg

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„Oh, wow! Das ist noch mal ein ganz anderes Level.“ Die beiden Probanden im Cockpit kommen aus dem Staunen nicht mehr raus. „Schau mal, wie viele Knöpfe da sind auf dem Stick“, sagt der 31-jährige David Markovic, der sich angehender Pilot nennt, zu dem 14-jährigen Schüler Michael Fischbach aus Gilching. Bei der Firma von Wolfgang Reiser in Mörlbach in der Gemeinde Berg erleben sie gerade einen Helikopterflug über Köln. Ohne abzuheben. Sie haben klobige XR-Brillen auf dem Kopf und dürfen selbst steuern; passieren kann da nichts. „Ich versuche mal zu landen“, kündigt Markovic an. Die Maschine, in der sie sitzen, kostet etwa vier Millionen Euro, erklärt der 72-jährige Firmengründer.

Zwei Generationen treffen da aufeinander: Hier der 14-jährige Montessorischüler, der seit Kindesalter von Flugsimulatoren begeistert ist, mit neun Jahren eine erste Anlage in einem Holzkasten in seinem Kinderzimmer zusammengebastelt hat und schließlich in der Bautrocknungsfirma seines Vaters Markus Fischbach im Gilchinger Gewerbegebiet die Nachbildung eines A-320-Cockpits aufstellen durfte. Dieses Gerät stammt aus einer Konkursmasse und stand davor in einer Eventlocation in München. Michael hat daran viel repariert, hat die Anlage mit Enthusiasmus und in zahllosen Arbeitsstunden ausgebaut und erweitert. Mit dem Ergebnis ist der Bub sehr zufrieden, als „Süddeutschlands bester Flugsimulator“ preist er die Anlage auf seiner Homepage an. Und stolz erklärt der Teenager: „Ich bringe mir so viele Sachen selber bei, die andere Leute in einer Ausbildung lernen.“

Auf der anderen Seite der 72-jährige Firmengründer, ehemaliger Bundeswehrsoldat und gelernter Elektromechanikermeister, der sein Unternehmen über Jahre kontinuierlich ausgebaut hat und mittlerweile etwa 250 Mitarbeitende an drei Standorten in Höhenrain und Mörlbach in der Gemeinde Berg beschäftigt. Aus dem aktiven Geschäft hat sich Reiser zurückgezogen und nun Zeit für eine Art Hobby: In einer seiner Hallen in Mörlbach unweit der Garmischer Autobahn baut er jetzt sein eigenes Motorflugzeug.

Die Reiser Simulation und Training GmbH gehört nach eigenen Angaben seit mehr als 30 Jahren zu den Vorreitern in der Entwicklung und Produktion moderner Trainingssysteme für die Luftfahrt. Im Konferenzraum erhalten der junge Besucher und sein Flightinstructor im Schnelldurchlauf erst einmal eine Lektion in Firmengeschichte. Knapp eine Stunde lang erzählt Reiser ohne Pause, wie alles begonnen hatte. Wie er sich nach seiner Zeit als Berufssoldat bei der Bundeswehr in Fürstenfeldbruck in einer kleinen Werkstatt selbständig gemacht hat, von der ersten Konstruktion eines Wärmetauschersystems für die Firma Baasel Lasertechnik, damals noch in Starnberg, von den ersten Simulatoren, die er gebaut hat, von der ersten Werkstatt in Höhenrain, von den ersten Gesprächen mit Eurofighter-Entwicklern.

Firmengründer trifft Technikfreak: Wolfgang Reiser mit Michael Fischbach in der neuen Halle in Mörlbach.
Firmengründer trifft Technikfreak: Wolfgang Reiser mit Michael Fischbach in der neuen Halle in Mörlbach.
Franz Xaver Fuchs

Und schließlich von dem Riesenauftrag vor einigen Jahren, der die Belegschaft seines Unternehmens ungefähr vervierfacht hat. Damals sei es um ein Volumen von 65 Millionen Euro gegangen, erzählt Reiser noch heute begeistert. Ein 1200 Seiten dickes Vertragswerk habe er für den Nachbau eines kompletten Transporthubschraubers unterzeichnet. „Das war gigantisch. Das war ein irrsinniger Schub für unsere Firma.“ Die Belegschaft wuchs von 45 auf 230 Beschäftigte. Viele Hürden seien zu überwinden gewesen, „aber es hat alles besser geklappt, als ich geglaubt habe“.

Das ist nun alles schon ein paar Jahre her. Was heute hier in einer Werkhalle am Rand von Mörlbach in der Gemeinde Berg steht, ist Hightech für höchste Anforderungen, auch für jene der Rüstungsindustrie. Der ADAC zählt zu den Kunden, eine auf einen Anhänger montierte Apparatur ermöglicht Rettungskräften, das Abseilen aus einem Hubschrauber zu üben. Techniker können Wartungsarbeiten an einem Helikopter trainieren.

Piloten können in Maschinen aus dem Hause Reiser 80 Prozent ihres Trainings absolvieren. Anders ausgedrückt: Eine Simulation aus dem Hause Reiser ist so gut, dass damit große Teile der Ausbildung stattfinden können. In einer der Hallen in Mörlbach steht zum Beispiel ein kompletter Helikopter. Abheben wird der allerdings nie. Der Rumpf ist bis ins Detail dem Original nachgebaut, dient aber lediglich Übungszwecken. Techniker können daran tausenderlei Wartungsarbeiten trainieren; das sei sinnvoller und auch billiger, als eine echte Maschine dafür am Boden zu lassen, erklärt Reiser. Schräg gegenüber stehen nachgebaute Cockpits von Kampfflugzeugen; die sind abgedeckt, fotografieren darf man die nicht.

In der  Montagehalle wird die originalgetreue Nachbildung eines Transporthubschraubers zusammengebaut, der als Trainingsobjekt für Wartungspersonal dienen wird.
In der  Montagehalle wird die originalgetreue Nachbildung eines Transporthubschraubers zusammengebaut, der als Trainingsobjekt für Wartungspersonal dienen wird.
Franz Xaver Fuchs
Dieses Bild zeigt die XR-Brille beim virtuellen Anflug auf die Landebahn eines Flughafens.
Dieses Bild zeigt die XR-Brille beim virtuellen Anflug auf die Landebahn eines Flughafens.
Franz Xaver Fuchs

Ganz in der Nähe geht Michael Fischbach in Biberkor in die neunte Klasse der Montessori-Schule. „Schultechnisch bin ich jetzt nicht so der Burner“, gibt er zu, als er seinen Flugsimulator im Eingangsbereich zur Firma seines Vaters vorführt, in den er mehr als 2500 Arbeitsstunden investierte. Vor allem Deutsch sei nicht seine Stärke, das Technische eher seine Leidenschaft. Er beschäftigt sich mit Luftfahrtsystemen und Triebwerksbau, Avionik, Elektronik und Mechanik. Für ein einwöchiges Schülerpraktikum durfte er zur Firma Reiser und wurde nun zum Firmenrundgang mit Probeflug eingeladen.

Der H145 D3 XR-Simulator ist mit XR-Brillen ausgestattet. Deren Technik ist in der Lage, virtuelle Realität mit der wirklichen Umgebung zu verbinden. Da vermischt sich beides: die Darstellung einer Stadtansicht von Köln beispielsweise und die Wiedergabe des Blicks auf die eigene Hand am Schalthebel. Das macht die Illusion nahezu perfekt. Da kann einem schon schwindlig werden, wenn beim Probeflug die Maschine zu schwanken scheint – und dies, ohne dass sich tatsächlich etwas bewegt. Außerdem können alle möglichen Komplikationen und Unfälle eingespielt werden; ein Triebwerksausfall etwa oder ein Brand, Unwetter oder auch ein Nachtflug können simuliert werden.

Künstliche Intelligenz und virtuelle Realität werde auch in ihrer Branche eine immer größere Rolle spielen, sagt Geschäftsführer Johannes Hain. Wenn die Simulatoren immer besser werden, können sie immer größere Teile des Pilotentrainings übernehmen. Das spart natürlich Geld. Eine Übungsstunde in einem Simulator könne bis zu 1400 Euro kosten, rechnet Reiser vor, im Original seien es 3000 bis 6000 Euro. Gerade entsteht in Mörlbach eine weitere, größere Halle. Darin haben Maschinen Platz, die auch Flugbewegungen nachahmen. „Jedes Jahr ändern sich die Sichtsysteme, neue Brillen kommen hinzu, neue Technologien“, sagt Reiser. In seiner Firma seien mittlerweile schon 45 Softwareentwickler beschäftigt.

Dieser Flugsimulator mit Sitzen für Passagiere steht im Eingangsbereich zu Fischbach Services in Gilching: Alexander Rosam und Michael Fischbach tüfteln dort immer wieder an weiteren Verbesserungen.
Dieser Flugsimulator mit Sitzen für Passagiere steht im Eingangsbereich zu Fischbach Services in Gilching: Alexander Rosam und Michael Fischbach tüfteln dort immer wieder an weiteren Verbesserungen.
Nila Thiel

Der H145 aus Berg ist für den Bayerischen Innovationspreis nominiert, der gemeinsam vom Wirtschaftsministerium und der Industrie- und Handelskammer verliehen wird. Was die Entwicklung aus dem Hause Reiser auszeichnet, klingt in Fachsprache so: „Als weltweit erstes System kombiniert er Mixed-Reality-Visualisierung mit einem vollständig haptischen Cockpit sowie einer modularen roll-on/roll-off-Technologie, mit der unterschiedliche Cockpits auf einer gemeinsamen Simulatorplattform betrieben werden können.“

Was man tun muss, um in dieser Liga mitzuspielen? Da hätte der 72-jährige Firmengründer zum Abschluss des Besuchs in Mörlbach noch einen wichtigen Ratschlag für den 14-jährigen Schüler: „Schulbank drücken, Abschluss machen, danach ein Studium. Praxis und Theorie, anders wird es nicht gehen. Autodidaktisch kommt man nicht weit. Da stößt man bald an harte Grenzen.“

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