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Filmproduktion:Mit einer Menge Fantasie

Erfüllt sich einen Lebenstraum: Axel Werner (li.) mit Filmproduktionsleiter Peter Mang in der Schlosserei von Otto Erb in Walchstadt.

(Foto: Sophie Linckersdorf)

Der zuletzt international erfolgreiche Komponist Axel Werner dreht den zweiten Teil seines Musikzyklus "The Blue Hour" mit Tänzern aus Belgien, Kolumbien und den USA. Schauplatz ist eine Schlosserei in seinem Heimatort Wörthsee.

Von PATRIZIA STEIPE, Wörthsee

"One, two, three, four", zählt Komponist Axel Werner, dann setzt Klaviermusik ein und vier Tänzer beginnen, synchron die Kurbeln von gußeisernen Maschinen zu drehen oder mit dem Hammer den Rhythmus mitzuschlagen. Ursprünglich sollte der zweite von zwölf Teilen des Musikzyklus "The Blue Hour" im Deutschen Museum gedreht werden. Das musste wegen Corona abgesagt werden. Auf der Suche nach einer authentischen Werkstatt ist Werner auf die Schlosserei von Otto Erb in seinem Heimatort Wörthsee gestoßen. Die staubige, düstere Atmosphäre ist allerdings künstlich und wird durch Lichteffekte und eine Nebelmaschine erzeugt.

Immer wieder unterbricht Werner, um den Künstlern seine Vorstellungen zu erläutern und sich mit Maged Mohamed abzustimmen, der die expressive Choreografie geschrieben hat. Währenddessen macht Kameramann Frank Meyer Probeaufnahmen. Im Display der Kamera bekommt man bereits eine Ahnung von der starken Wirkung, die die Bilder später auf dem Bildschirm entfalten werden. Mal werden Details in Szene gesetzt, dann wieder nimmt die Kamera einzelne Tänzer wie den im Gegenlicht postierten Aufseher in den Fokus.

Ursprünglich hat Werner seinen Musikzyklus "Blue Hour Collection" für die Bühne geschrieben. "Wegen Corona mussten wir andere Wege gehen, um Kultur medial erlebbar zu machen", sagt er. Eigentlich ist der 53-Jährige selbständiger Unternehmensberater. Aber Musik ist seine Leidenschaft. "Er hat bereits im Gymnasium ein Musical komponiert", berichtet Ehefrau Sabine. Sie ist ebenso wie die 15-jährige Tochter Teil der Filmcrew.

Mit seiner Tanzproduktion erfüllt sich Werner nun einen Lebenstraum. Am Klavier interpretiert er seine balladenhaften Kompositionen selbst. Die mit romantischen sowie jazzigen Elementen durchsetzten Melodien kann man zwischen Erik Satie und George Gershwin verorten. Produktionsleiter Peter Mang aus Pähl erklärt den Ansatz: "Wir verschmelzen Musik, Tanz und Film zu einem Kunstwerk aus einem Guss". Die mystische Stimmung sei es, die den Zuschauer packt. "Mit feinen Stilmitteln regen wir große Gefühle an", drückt es Werner aus.

Und das mit großem Erfolg. Der erste Tanzfilm "Come Closer" (www.come-closer.org) mit dem originellen Setting nächtens auf der Landebahn des Flughafens Penzing und dem Thema Nähe, Sehnsucht und Ferne ist während des ersten Lockdowns entstanden. Welturaufführung war beim Fünfseen-Filmfestival 2020. Der dreiminütige Film ist international extrem erfolgreich und hat 27 Ehrungen und Preise in 14 Ländern eingefahren. In Schweden bekam er die Auszeichnung als "Best Cinematography Music Video". "Best Music Video" war er in Großbritannien, Florida, Italien und in der Slowakei. Und in Venezuela gab es Preise für den "Best Experimental Short Film" und für die "Best Choreography".

Als Arbeitstitel für den neuen Tanzfilm hat Axel Werner die Jahreszahl 1871 gewählt. Ihn fasziniere das Spannungsfeld zwischen der durch Ausbeutung, Krankheiten und Kriegen geprägten "Hölle des ausgehenden 19. Jahrhunderts" und der "unglaublichen Kunst", die damals entstehen konnte, "wenn sich der freiheitliche Geist der Menschen in die innere Fantasie zurückzog", so Werner. Als Beispiele führt er Künstler wie Van Gogh, Wagner und Schubert, aber auch die Logen und die Mystiker an. Durch die Fantasie sei die Welt erträglicher geworden, ein Phänomen, das in allen Krisenzeiten greift.

In "1871" flüchten die Tänzer in eine geistige Märchenwelt. Dafür geht es in den Kurfürstensaal von Kloster Fürstenfeld mit seiner ganzen barocken Pracht. Die Tänzer Amelie Lambrichts aus Belgien und David Valencia aus Kolumbien sind auch beim zweiten Film dabei. Joaquin Angelucci aus Australien, Alexander Hille und Anna Greenberg aus den USA ergänzen das internationale Team. Für die beiden Szenen sind ein Tag zur Vorbereitung und einer für die Aufnahmen vorgesehen. Schließlich müssen der Werkstattbetrieb und der Unterricht für die Polizeihochschüler im Kurfürstensaal weiterlaufen. "Das hat etwas von Olympia", sagt Mang über den ehrgeizigen Zeitplan. Wenn alles glatt läuft, dann soll der Tanzfilm Anfang Mai online zu sehen sein.

© SZ vom 23.03.2021
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