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Filmkunst am Starnberger See:Die Gesichter der Migration

Die Regisseurin Susanne Mi-Son Quester will zum Perspektivwechsel animieren. In ihrer neuen Doku "Warum ich hier bin" erzählt sie die Geschichten geflüchteter Menschen.

"Es ist eine Einladung, miteinander zu reden und die Entdeckung, dass hinter jedem Menschen eine interessante Geschichte steckt", erklärt die Regisseurin Susanne Mi-Son Quester. Mit ihren Dokumentarfilmen möchte die Starnbergerin Menschen dazu anregen, die Perspektive zu wechseln und sich auf die Lebensgeschichten anderer einzulassen. Ihr neues Projekt befasst sich mit dem Thema Flucht und Migration: "Warum ich hier bin" erzählt die Geschichte von fünf Menschen, die aus ganz verschiedenen Gründen ihre Heimat verlassen haben, um in Deutschland neu anzufangen. "Migration ist ein Thema, das uns irgendwie alle betrifft."

"Das Bedürfnis, mich auszudrücken, kommt aus meiner Jugend", sagt Susanne Quester. Als junges Mädchen habe sie intensiv Cello gespielt, sogar als Jungstudentin am Münchner Konservatorium. Doch statt nach dem Abitur 1998 am Starnberger Gymnasium, an dem auch ihr Vater Ernst Quester unterrichtet hat, ins Vollstudium überzugehen, entschied sie sich für ein Dokumentarfilmstudium an der Hochschule für Film und Fernsehen in München. Dort lebt sie auch heute.

Was die 40-Jährige an Dokumentarfilmen besonders fasziniert, sind "die Begegnung mit den Menschen und das Erfahren von Dingen, die ich davor nicht wusste", wie sie sagt. "Am Anfang ist erst mal die Neugier, ein Interesse und eine gründliche Recherche", in dieser Hinsicht sehe sie sich eher als Wissenschaftlerin denn als Künstlerin. Erst der Vorgang, dieses erlangte Wissen in eine Form zu bringen, sei dann der künstlerische Prozess. Mit ihren Filmen möchte Quester neue Gedanken bei den Zuschauern auslösen und sie mit etwas konfrontieren, mit dem sie davor oftmals noch nicht in Berührung gekommen sind.

Ihr neuster Film, der in Co-Regie mit ihrer japanischen Kollegin Mieko Azuma entstand, macht genau das: "Warum ich hier bin" verdeutlicht nicht nur, dass Migration ein Thema ist, das viele Menschen betrifft. Sondern stellt auch das Verständnis von "Flüchtlingen" als eine homogene Gruppe in Frage, indem gezeigt wird, dass Menschen aus ganz unterschiedlichen Gründen ihre Heimat verlassen.

Die Eckpfeiler des Films sind der zehnjährige Ahmad aus Syrien, der mit einem Schlauchboot das Mittelmeer überquerte und mit seiner Familie jetzt bei Heidelberg lebt, sowie die 81-jährige Karin, die nach dem Zweiten Weltkrieg vor den Russen erst nach Litauen und dann nach Deutschland flüchtete. Ein Anliegen Azumas sei es gewesen, von Lena zu erzählen, die als Siebenjährige nach dem Erdbeben und der Nuklearkatastrophe in Fukushima 2011 mit ihrer Familie Japan verlassen musste. Quester wollte zudem das Schicksal von Leila porträtieren, die als Elfjährige den Ausbruch des Jugoslawienkriegs in Bosnien 1992 miterlebte und mit ihrem Vater nach Deutschland flüchtete. "Und dann hatten wir das Bedürfnis, noch eine richtig positive Geschichte zu erzählen", sagt Quester, das sei die Geschichte von Cacau, der nach Deutschland kam, um Fußball zu spielen, später sogar in der deutschen Nationalmannschaft.

Abseits jeglicher Statistiken und größerer Prozesse fokussiert sich der Film auf die Menschen selbst und erschafft dadurch eine ungewöhnliche Nähe zu den Geflüchteten. Die Worte der Protagonisten sind mit Animationen bebildert, da der Film für Kinder konzipiert wurde und so laut Quester eine größere emotionale und erzählerische Nähe erschaffen werden könne. "Ich habe schon immer Spaß gehabt, mit Kindern zu arbeiten", erzählt die Regisseurin über den Entschluss, einen Dokumentarfilm für junge Menschen zu machen. Bereits ihr erster Film "Finow", ist eine satirische Skizze der Kinder im Waldkindergarten Starnberg. In "Dienstag und ein bisschen Mittwoch" porträtiert sie den hektischen Schulalltag eines koreanischen Mädchens. Selbst in ihrer "wohl abstraktesten Arbeit", dem Film "Heidi's Land", der eigentlich nur Landschaftsbilder zeigt, kommen Kinder als einzige Menschen vor. Kindheit bedeutet für Quester "das Versprechen und die Erinnerung an Freiheit und Verspieltheit und auch, dass noch alles möglich ist". Questers Idee sei es dann gewesen, nicht nur über, sondern für Kinder Filme zu machen. Das Thema Migration sei dagegen die Idee von Azuma gewesen, denn die japanische Co-Regisseurin habe sich damit schon länger intensiv beschäftigt.

Mit viel Feingefühl lässt der Film die Menschen selber zu Wort kommen und ihre ganz persönlichen Erlebnisse erzählen. So erinnert sich Cacau, wie verwirrt er gewesen sei, dass es auf den Straßen in Deutschland immer so ruhig ist. Leila dagegen beschreibt, wie es ist, wenn eine Bombe direkt vor einem detoniert: "Es hat ausgeschaut wie ein Kleiderschrank." Und Karin erzählt, dass sie als "Wolfskind" zum Betteln nach Litauen ging und dort für drei Jahre von einer Familie aufgenommen wurde.

Heimspiel in Starnberg

"Ich freue mich, dass ich wie in einem Heimspiel hier meinen Film präsentieren kann", sagt Susanne Quester, bevor sie "Warum ich hier bin" im Kino Breitwand in Starnberg dem Publikum vorführt. Als Vorprogramm läuft an dem Abend ihr erster Film "Finow", den sie 2002 im Waldkindergarten Starnberg drehte. Der Vorstellung berührt die Zuschauer sichtlich, einige davon versammeln sich danach um die Regisseurin. "Der Film hat einen emotional sehr mitgenommen", bemerkt eine Besucherin. Beim Dokfest Leipzig, einem Dokumentarfilmfestival, wurde der Film vergangenen Oktober uraufgeführt und mit dem Prädikat "wertvoll" ausgezeichnet. Jetzt kann er im Internet unter www.warumichhierbin.de ausgeliehen und angeschaut werden. chal

Manchmal möchte man als Zuschauer gerne noch etwas tiefer in die Geschichten eintauchen, ein paar Details mehr erfahren, doch ist Vollständigkeit nicht der Zweck des Films. Viel mehr geht es darum, Flucht und Migration als vielfältiges Thema zu charakterisieren: "Es war uns wichtig, zu zeigen, dass es verschiedene Gründe gibt, die Menschen zur Flucht bewegen, und dass unsere Gesellschaft zum Großteil aus Menschen besteht, die irgendwann mal, und sei es in der vorletzten Generation, hierhergekommen sind."

Migration ist aber auch ein ganz persönliches Thema für Susanne Quester: Ihre Mutter sei kurz vor dem Ausbruch des Koreakriegs 1950 von Nord- nach Südkorea geflüchtet und Anfang der 1970er Jahre nach Deutschland gekommen, erzählt sie. In Starnberg habe ihre Mutter dann ihren Vater kennengelernt, der seit 2012 die Literaturzeitschrift "Starnberger Hefte" herausgibt, in denen auch schon Susanne Quester publizierte. Die Teilung Koreas und die Auswirkung auf die Menschen unmittelbar an der Grenze sind Thema in Questers Film "Paju: Die innere Teilung". "Ich fühle mich oft sehr fremd in Korea", erzählt Quester, die in Starnberg geboren und aufgewachsen ist. "Aber die Verbindung und das Interesse sind sehr stark." Sieben Jahre arbeitete die Regisseurin an diesem Projekt, lebte für einige Monate in Paju, einem Ort direkt an der koreanischen Grenze, und recherchierte auch über ihre eigene Familiengeschichte. Es ist ihr wohl persönlichster Film: "Es ist ein Projekt, das mir sehr am Herzen liegt."

Schon 2015 haben die Regisseurinnen mit der Arbeit an dem Film "Warum ich hier bin" begonnen - also noch vor der sogenannten Flüchtlingskrise. "Mir ist es ein größeres Anliegen, etwas authentisch und wahrhaftig wiederzugeben, als dass es ästhetisch schön ist", sagt Susanne Quester.

© SZ vom 27.02.2020
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