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Film:Selbstbewusst ins Rampenlicht

Luisa Wöllisch ist Schauspielerin mit Down-Syndrom. Im Kinofilm "Die Goldfische" spielt die 22-jährige Tutzingerin ihre erste Hauptrolle.

Als Kind mimt Luisa Wöllisch im Krippenspiel ihrer Tutzinger Pfarrgemeinde einen Engel, übernimmt später Rollen im Montessori-Schultheater in Biberkor und gehört heute zum Ensemble der Freien Bühne München. Fragt man sie, wie sie sich selbst vorstellt, kommt eine klare Ansage: "Ich bin Luisa, 22 Jahre alt, komme aus Tutzing, meine Hobbies sind Musicals besuchen, tanzen, singen, reiten und schwimmen. Mein Traum ist, eine bekannte Schauspielerin zu werden."

Das klingt geradlinig und natürlich für eine junge Frau, die ehrgeizig ihre Karriere in die Hand nimmt. So selbstbewusst aufzutreten, war Luisa Wöllisch allerdings nicht in die Wiege gelegt. Sie ist ein "Downie", wie sie selbst sagt. Eine Frau mit dem angeborenen Gendefekt Trisomie 21, der geistige und körperliche Beeinträchtigungen mit sich bringt. Doch genau dieser Umstand hat der Tutzingerin jetzt ihre erste Hauptrolle in einem deutschen Spielfilm eingebracht.

Im rasanten Streifen "Die Goldfische", der am 28. März 2019 in die Kinos kommen soll, spielt sie an der Seite von Tom Schilling, Birgit Minichmayr und Jella Haase in einer Gruppe Behinderter. Oder besser gesagt: Sie ist die einzige echte Behinderte, alle anderen spielen behindert. "Und Luisa hat uns wirklich alle umgehauen", sagt Regisseur Alireza Golafshan. "Sie ist eine absolut professionelle Schauspielerin, die halt zufällig das Down-Syndrom hat." Auch Strapazen - Dreh diesen Sommer bei mehr als 30 Grad in einem rosa Fellmantel und Fahrt zu Acht im Dieselbus ohne Klimaanlage - habe sie cool weggesteckt.

Luisa Wöllisch Tutzing Film Die Goldfische

Luisa Wöllisch (2.v.re.) ist die einzige der Filmcrew, die behindert ist. Ihre Mitspieler im Streifen "Die Goldfische" müssen es spielen. Im März 2019 kommt er ins Kino.

(Foto: Jürgen Olczyk / Sony Pictures)

Am Küchentisch ihres Zuhauses in Tutzing begrüßt Luisa Wöllisch - stämmige Figur, lange, braune Haare, großflächiges Gesicht mit sanften Augen - die Besucherin freundlich-zurückhaltend. Ein Gespräch mit der Zeitung, das ist neu für sie. Als die Reporterin ihrerseits bekennt, die Situation sei auch für sie ungewohnt, denn jemanden mit Down-Syndrom habe sie noch nie interviewt, ist das Eis gebrochen. "Fragen Sie einfach alles. Und Sie können gern nur Luisa sagen", ermuntert und löst ihre vor der Brust verschränkten Arme. Mutter Eva Wöllisch sitzt mit am Tisch. Das schwierige Austarieren wird spürbar zwischen einer liebevollen Mutter, die ihrem Kind helfen will und doch weiß, dass die Tochter ihren eigenen Weg gehen muss - und der jungen Erwachsenen, die sich behaupten will. Erzählt Luisa, dass sie früher mit dem großen Bruder beim Opa Tiere nachgespielt und sie eigene Sendungen mit einem Aufnahmegerät produziert haben, staunt die Mutter: "Ach, davon wusste ich ja gar nichts!" Luisa schüttet sich darüber lachend aus, die raue Stimme überschlägt sich vor Vergnügen. Wenn Luisa ein bestimmter Ausdruck nicht einfällt - "Mama, wie hieß das nochmal, wo ich das Praktikum gemacht habe?" - ergänzt die Montessori-Lehrerin, dass das nach dem Schulabschluss ein Gastronomie-Praktikum in der Menterschwaige war.

Gastro, Kindergarten und Altenheim entpuppten sich nicht wirklich als Luisas Welt. "Wir wollten nicht, dass sie irgendwo nur untergebracht ist, sondern einen Beruf findet, der sie erfüllt", beschreibt die 54-jährige Mutter die schwierige Suche. Aufgeblüht ist Luisa erst, als sie einen Platz im Ensemble der Freien Bühne München ergattert hat. In diesem "Theater für alle" arbeiten auf der Bühne und dahinter Menschen aller Altersklassen, verschiedener Herkunft, mit und ohne Behinderung zusammen. Luisa Wöllisch konnte dort als Erste eine dreijährige Schauspiel-Ausbildung absolvieren, als berufsqualifizierende Maßnahme unterstützt von der Arbeitsagentur. Neben Bühnenauftritten bekam sie ihre erste Kinorolle in der Kriminalkomödie "Grießnockerlaffaire". Eine Szene am Friedhof, Fahrt im Bus, drei Tage Dreh.

Ihr großer Coup aber ist jetzt eine Hauptrolle in "Die Goldfische". Worum es geht: Das Leben von Banker Oliver (Tom Schilling) auf der Überholspur ist jäh zu Ende, als er nach einem Unfall querschnittsgelähmt in der Reha aufwacht. Seine Realität verdrängt er zunächst, dann inspiriert sie ihn zu einem riskanten Plan. Mit einer Wohngruppe behinderter Menschen ("Die Goldfische") macht er sich auf den Weg nach Zürich, um eine beträchtliche Menge Schwarzgeld zu retten. Für die Rolle der "Franzi", einem toughen Mädchen mit Down-Syndrom, hatte die Crew schon landauf, landab Laienschauspielerinnen gecastet. Vergeblich. Bis die Scouts bei der Freien Bühne München auf Luisa stießen. Sie studiert als Playback-Song "Atemlos" von Helene Fischer ein, choreografiert sich selbst einen Tanz. Und überzeugt alle mit einer fünf Minuten langen Improvisationsszene. "Da hat sie uns zugetextet, ohne dass ihr einmal der Atem ausging", erinnert sich Alireza Golafshan.

Tutzing Luisa Wöllisch

Sie weiß, was sie will: Luisa Wöllisch.

(Foto: Heiner Welchert/oh)

Eine Geschichte, in der Behinderte benutzt werden, um an ein Ziel zu kommen - gab es Bedenken bei Luisas Familie, als die Zusage kam? "Zuerst war ich skeptisch", bekennt Eva Wöllisch. Dann habe sie das Drehbuch gelesen. Das Ganze sei so absurd und witzig und auch mit Tiefgang, dass sie als Agentin ihrer Tochter das Okay gab. Unterstützt von einem Praktikanten zog sie unter anderem in Zürich und auf einer Kamelfarm in Bayern die 30 Drehtage durch. "Das war wie im Märchen, Fünf-Sterne-Hotels und ein Fahrer, der mich abgeholt hat", schwärmt sie begeistert. Ihren Text lernte sie, indem sie ihn aufs Handy sprach und immer wieder abhörte. Ihre Rolle gefiel ihr, "weil die Franzi so eine Selbstbewusste ist wie ich. Da musste ich mich nicht groß vorbereiten". Nur äußerlich wurde sie als Typ verändert, jeden Morgen eine halbe Stunde in der Maske. Eine Prozedur, die sie genoss. Und das Arbeiten mit Stars wie Jella Haase auf Augenhöhe: "Die waren alle total nett und superoffen." Richtig unangenehm war ihr nur eine Szene, in einem Rapsfeld bei Dießen: "Ich musste da durch, mit so einer dünnen Strumpfhose. Das hat so gestochen, und ich musste weiter. Das Feld war so uneben, ich hab nichts gesehen, bin auf meinen hohen Turnschuhen immer wieder umgeknickt und der Raps ging mir so bis zum Hals", sagt sie und unterstreicht ihre Erzählung gestenreich. In der Filmfamilie fühlte sich Luisa gut aufgehoben, ging mit zum Feiern bis zum frühen Morgen und weinte am Ende ein bisschen, als man auseinanderging. Im neuen Jahr trifft sich das Team wieder, zum Nachsynchronisieren im Tonstudio.

Ihre erste größere Filmgage gibt Luisa das finanzielle Polster, um von zu Hause auszuziehen. In Tutzing ist es der 22-Jährigen "zu langweilig", sie möchte abends in München mit Freundinnen ins Kino oder zu Theateraufführungen. Ihr Traum: eine betreute WG. Doch für viele Einrichtungen sei sie "zu fit", wie ihre Mutter sagt. Neben der Wohnungssuche konzentriert sich Luisa auf ihren neuen Job als Schauspiel-Dozentin an der Freien Bühne München. Dort wartet zudem eine neue Hauptrolle auf sie. Luisa soll die "Lulu" spielen, Aufführung in der Black Box des Gasteigs. "Sicher ein außergewöhnliches Projekt", wie Bühnengründerin Angelica Fell sagt. Dank Luisas phänomenaler Bühnenpräsenz könne es gelingen. Sie sieht in der jungen Schauspielerin ein absolutes Vorbild, "eine Role-Model" für viele Menschen mit Beeinträchtigung, die auf Bühnen und im Film öfter sichtbar werden sollen.

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