Süddeutsche Zeitung

Fünfseen-Festival:Was die Kinolandschaft nach Corona braucht

Lesezeit: 3 min

Marcus H. Rosenmüller, Pepe Danquart und Annika Pinske diskutieren beim Filmgespräch am See in der Akademie für Politische Bildung in Tutzing über die Zukunft des Films.

Von Renate Greil, Tutzing

Über die Zukunft des Films nach der Pandemie, die Filmförderung und ihre Leidenschaft für die große Leinwand diskutieren Regisseur und Drehbuchautor Marcus H. Rosenmüller, Oscar-Gewinner und Dokumentarfilmer Pepe Danquart und Regisseurin und Drehbuchautorin Annika Pinske beim diesjährigen Filmgespräch am See in Tutzing, moderiert von Anna-Elena Knerich vom Bayerischen Rundfunk. Festivalleiter Matthias Helwig sah in der Kooperation mit der Akademie für Politische Bildung Tutzing einen Höhepunkt, der diesmal fast den Abschluss des zehntägigen gutbesuchten Fünfseen-Filmfestivals setzte, bei dem viele Diskussionen geführt wurden.

Einen Rückgang der Besucherzahlen bei den Programmkinos um fast die Hälfte nannte Moderation Knerich dagegen als aktuelle alarmierende Zahl. "Nicht jeder Film, der gemacht wird, muss ins Kino", meinte Pepe Danquart dazu. Jede Woche würden zwanzig Filme starten, deshalb würde er sogar sagen, dass nicht jeder Film ins Kino dürfe. Zu seinen Anfangszeiten sei das noch anders gewesen, meinte der 1955 geborene Filmemacher: "Früher war das Kino ein Blick in die Welt, heute sind es zwei Stunden ohne Netzverbindung". Rosenmüller, Jahrgang 1973, dagegen würde sich wünschen, dass wieder mehr Kinos aufmachen. Er sei von Fernsehserien wie "Münchner Geschichten" und "Irgendwie und Sowieso" begeistert gewesen und es gäbe auch Fernsehfilme, die man auch gleich ins Kino bringen könnte. Gerade bei Festivals habe er schon herausragende Filme gesehen, die nur sehr geringe Besucherzahlen erreichen konnten. Drehbuchautorin und Regisseurin Pinske, Jahrgang 1982, deren Spielfilmdebüt "Alle reden übers Wetter" am 15. September an den Start geht, vertrat die Ansicht, dass manche Filme beim kleineren Format Fernsehen besser zur Geltung kommen. Sie forderte, dass Kinofilme mutiger und diverser sein sollten. Auf ihren Einwurf, ob jemand wie Rosenmüller noch einen Film für 25-Jährige machen sollte, kommentierte dieser: "Man trägt die Jugend noch mit, man vergisst es nur manchmal".

Die Filmförderung in Deutschland stand auch in der Diskussion. Pinske störte sich daran, dass ein Kinofilm, um eine Förderung zu bekommen, auch die Beteiligung eines Fernsehsenders brauche. Ein Problem sei dabei auch die Länge, die beim Fernsehen normalerweise auf 90 Minuten begrenzt sei. Die Diskussionen mit den Fernsehredaktionen, zum Beispiel um positive Frauenfiguren, seinen anstrengend, berichtete sie. In allen Bundesländern zu drehen, die dem jeweiligen Film Förderung gewähren, führe zu erheblichen Mehrkosten, kritisierte Danquart. Festivals seien als Schattenmarkt für Kinofilme wichtig, merkte er an. Rosenmüller berichtete, dass er schon Filme mit und ohne Filmförderung gemacht habe und manchmal von Anmerkungen aus den großen Gremien, die sich durch die Filmförderung ergeben, profitieren konnte. Ohne Förderung gehe es bei ihr nicht, bekannte Pinske, denn sie sei im Plattenbau im Osten aufgewachsen. Danquart erzählte zum Thema Verleih- und Kinoförderung aus der Erfahrung seines Films "Höllentour" heraus von der gängigen Praxis, auch gut laufende Filme aus dem Programm zu nehmen, wenn der Start eines Blockbusters anstehe. Auch erhielten Filme kaum noch die Zeit, von Mundpropaganda zu profitieren.

Es gibt die Forderung, dass in Schulen das Fach Film unterrichtet werden soll

Pinske erzählte, dass sie erst mit 18 Jahren ihren ersten Arthousefilm gesehen und erst spät realisiert habe, dass auch sie den Beruf der Regisseurin ergreifen könnte. "Es war ein sehr langer Weg", erzählte sie. Mit 18 Jahren habe er sein erstes richtiges Buch gelesen, berichtete Rosenmüller. Seit 2020 teilt sich Rosenmüller mit Julia von Heinz die Leitung des Studiengangs Regie Kino- und Fernsehfilm der HFF München und sagte, dass eigentlich nur Bewerbungen aus akademischen Kreisen eingehen. Danquart, der an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg unterrichtet, bemerkte einen starken Rückgang der Bewerberzahlen und stellte fest, dass nur fünf Prozent der Absolventen später in ihrem Berufsfeld arbeiten.

Es gäbe Forderungen, dass in Schulen das Fach Film unterrichtet werden soll, berichtete Knerich. "Bei uns wurde der Fernseher ins Klassenzimmer geschoben, wenn Unterricht ausfiel", erzählte Pinske. Um so mehr habe sie eine Diskussion mit einer französischen Schulklasse überrascht, die in beeindruckender Art und Weise über Filme diskutieren konnten.

Einen Film, der Emotionen hervorruft, mit anderen zusammen zu schauen, sei ein anderes Erleben, sagte Rosenmüller. Volle Häuser und ein Publikum von jung bis alt, wünschte sich Rosenmüller für die Zukunft des Kinos. Moderatorin Knerich fasste zum Schluss zusammen: Das Fach Film in den Schulen unterrichten, weniger Mitsprache der Fernsehsender und mit Mut und Leidenschaft Kinofilme machen.

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