Festival:Mit Kopf und Fuß

Starnberg, Literarischer Herbst 2021

Freuen sich auf den "Literarischen Herbst" im Landkreis: Die künstlerischen Leiter Elisabeth Carr und Gerd Holzheimer präsentieren wieder ein vielseitiges Programm für ein überschaubares Publikum. Neben der 3G-Regel setzen die Macher auf ihre selbst erfundene 3A-Regel: attraktiv, angenehm und anspruchsvoll.

(Foto: Georgine Treybal)

Der Literarische Herbst startet nach der Corona-Zwangspause wieder durch. In sieben Lesungen geht es unter anderem um Erkenntnisse der Gehirnforschung, Schuhwerk und den einst inkognito reisenden Kaiser Joseph II.

Von Peter Haacke, Starnberg

Es sind die Geister an besonderen Orten, die Elisabeth Carr und Gerd Holzheimer heraufbeschwören: Gute wie böse, umtriebige und revolutionäre, besonnene und visionäre. Der "Literarische Herbst" lässt sie für einen Moment auferstehen und wieder verschwinden. Oft hinterlassen sie Erhellung, zuweilen Besinnung, stets gute Unterhaltung. Und trotz nahezu unveränderten Grundkonzepts gelingt es Carr, der Starnberger Gralshüterin der Kultur, und Holzheimer, Schriftsteller und Herausgeber der Zeitschrift "Literatur in Bayern", immer wieder aufs Neue, ein treues Publikum in den Bann zu ziehen.

Zur Neuauflage der Reihe, die 2002 zum hundertjährigen Landkreis-Jubiläum erstmals stattgefunden hatte, sind vom 16. Oktober bis zum 27. November sieben Lesungen an teils ungewöhnlichen, teils bewährten Orten geplant, die den Blick in die Vergangenheit richten, um Mut für die Zukunft zu machen. Jede einzelne Veranstaltung ist ein Unikat, für die laut Carr die "3A-Regel" gelten soll: attraktiv, angenehm und anspruchsvoll.

"Wir machen weiter, natürlich sind wir da", schreiben die künstlerischen Leiter Carr und Holzheimer im Vorwort ihres Programmhefts - und es klingt fast ein bisschen trotzig: Im Vorjahr musste das Programm pandemiebedingt drastisch abgespeckt werden, diesmal finden alle Veranstaltungen Corona-konform statt unter Schirmherrschaft von Landrat Stefan Frey.

Zum Auftakt widmet sich Peter Weiß am Samstag, 16. Oktober, dem Leben des Widerstandskämpfers Albrecht Haushofer, der sich unter anderem in Machtlfing vor den NS-Schergen versteckte. Die Veranstaltung beginnt mit einer kleinen Exkursion auf den Spuren des Haushofer-Fluchtweges. Im Anschluss folgt auf dem Hartschimmelhof - ein Original-Schauplatz - eine Lesung mit Werken verschiedener Autoren, darunter Stefan Zweig, Carl Friedrich von Weizsäcker, Carl Orff und Annemarie Schwarzenbach.

Ebenfalls unter Leitung von Weiß geht es von 22. bis 24. Oktober in Haus Buchenried der Münchner Volkshochschule (Leoni) um das "kulturelle Wiedererwachen in der Nachkriegszeit" und die Frage, ob es für die Künstler nach 1945 tatsächlich eine "Stunde Null" gegeben hat. Im Fokus stehen Glanz und Gloria sowie Krisen und Abgründe unterschiedlichster Persönlichkeiten wie Hans Albers, Hildegard Knef, Ingeborg Bachmann oder Johannes Mario Simmel, aber auch die Freigeister der "Gruppe 47". Die Anmeldung für dieses Seminar erfolgt über die VHS.

Etwas heitere Kost verheißt eine literarische Schuhschau mit Judith Huber am Samstag, 30. Oktober, mit dem Titel "Der aufrechte Gang. Let's go oder Schuhe bewegen!" Ob nun Pantoffel, Stöckelschuh, Gummistiefel oder die Frage, was es bedeutet, im Traum einen Schuh zu verlieren: Schuhe begleiten die Menschheit durchs Leben. Der Abend, der sich poetisch ganz und gar Absatz und Sohle widmet, findet im Schuhhaus Linse, dem einstigen Starnberger "Schlosstheater", statt: einem Haus, das bald Vergangenheit sein wird.

Als wahre Kunstkammer gilt das Haus des Malers und Baumeisters Richard Lipps (1857 bis 1926) in der Possenhofener Straße 21. Sein Atelier stattete er mit unzähligen Fundstücken aus, sein Garten galt als "botanische Sehenswürdigkeit". Ur-Großneffe Hans Lipp lädt am Samstag, 13. November, zum Rundgang ein. Das geistige Umfeld der damaligen Zeit offenbaren Texte von Gustav Meyrink, Friedrich Alfred Schmid Noerr und Georg Queri.

In die gleiche Zeit fällt eine künstlerische Epoche in Bernried: Hier hatte sich 1899 eine illustre Gemeinschaft von Schriftstellern niedergelassen, darunter Korfiz Holm, Paul Cassirer oder Max Halbe. Zuvor hatten Maler wie Carl Spitzweg, Ludwig Richer, Moritz von Schwind oder Franz Defregger ebenso wie später Wilhelmina Busch aus St. Louis die anheimelnde Schönheit dieses Ortes entdeckt: Die legendäre "Dollar-Queen" kaufte von 1914 und 1952 nahezu ein Drittel des gesamten Gemeindegebietes zusammen.

Hans Jürgen Stockerl lädt am Freitag, 19. November, zunächst zum literarischen Gang durchs malerische Bernried ein, danach folgt eine Lesung im Barocksaal des Klosters.

Kann man Erkenntnisse aus Psychologie, Hirnforschung, Sprachwissenschaft und Philosophie mit Hilfe von Gedichten erläutern oder sogar besser verständlich machen? Professor Ernst Pöppel, einer der führenden Hirnforscher Deutschlands, meint: Ja! Er will am Sonntag, 21. November, in Schloss Kempfenhausen das Drei-Sekunden-Fenster in den Künsten unter dem Titel "Die anderen 3G: Gedicht, Geist, Gehirn" öffnen. Er zeigt, wie man durch die Forschungslandschaft auf einem parallelen Weg mit Gedichten wandern kann.

Aus historischer Sicht etwas in den Hintergrund geraten sind Leben und Wirken des österreichischen Kaisers Joseph II. (1741 bis 1790), der die Monarchie vom Kopf auf die Füße stellen wollte und unter anderem einen Klappsarg erfand. Als Graf Falkenstein bereiste er quasi inkognito ohne Pomp und Gefolge halb Europa, um auf der Suche nach Erkenntnissen für den Aufbau eines modernen Staates zu sehen, wie seine Untertanen wirklich lebten. Größerer Ruhm blieb ihm als Mitregent seiner Mutter Maria Theresia jedoch verwehrt. Monika Czernin präsentiert Joseph II. am Samstag, 27. November, in der Ferdinand-von-Miller-Straße 11 (Niederpöcking) als überraschend modernen Staatsmann, der versuchte, aufklärerisches Denken in die Tat umzusetzen.

Das Programm findet sich unter www.kunstraeume-am-see.de. Tickets können per E-Mail unter kontakt@kunstraeume-am-see.de (17 Euro; ermäßigt 7 Euro) oder unter 08151/559721 reserviert werden. Es gelten die aktuellen Corona-Regeln.

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