Festival:Freiheit, Gleichheit, Jazz

Festival: Gleiches Recht für alle (von links): Erich Lutz (Saxophon), die Sängerin Gwen, Lorenz Huber (Kontrabass) und Thomas Elwenspoek (Schlagzeug) beim Auftritt im Gilchinger Rathaus.

Gleiches Recht für alle (von links): Erich Lutz (Saxophon), die Sängerin Gwen, Lorenz Huber (Kontrabass) und Thomas Elwenspoek (Schlagzeug) beim Auftritt im Gilchinger Rathaus.

(Foto: Arlet Ulfers)

Ein Vergnügen unter Freunden: Die Band "Erich Lutz & Friends" zeigt bei der Gilchinger Kulturwoche, worauf es in der Musik wirklich ankommt

Von Reinhard Palmer, Gilching

Wenn der Gilchinger Saxophonist zu "Erich Lutz & Friends" einlädt, dann ist mit "Friends" auf und vor der Bühne zu rechnen. Diese Konzerte haben etwas von Familienfeiern an sich, sodass schon mal ein "Happy Birthday" für Angela aus dem Publikum zu hören sein kann. Der Rathaussaal füllte sich bei der 7. Kunst- & Kulturwoche denn auch bis auf den letzten corona-konformen Platz.

Dass Lutz' Auftritte so beliebt sind, liegt mitunter daran, dass es inhaltlich immer in erster Linie ums Vergnügen am Jazz geht. Das hat zur Folge, dass die Musiker keinem Bühnenstress ausgesetzt sind. Und ohne Leistungsdruck können sie schon mal zaubern. Jedenfalls fiel es wohl kaum jemandem auf, dass die japanische Pianistin Masako Sakai wegen einer Verletzung nur drei Finger ihrer rechten Hand benutzen konnte. Nach einem vielversprechenden Karrierestart als klassische Pianistin wechselte sie erst spät zum Jazz, für den sie aber dadurch eine großartige Spieltechnik mitbrachte. Aus dem Schongang für die Hand gewann sie zudem eine besondere Qualität, die auf einer prägnanten Reduktion basierte und mit bestechender Klarheit der Formensprache überzeugte.

Dass Reduktion zugleich meist mehr Eindringlichkeit bedeutet, machte sich auch Schlagzeuger Thomas Elwenspoek zunutze. Er verzichtete von vorneherein auf ein imposantes Set, brachte nur das Nötigste mit und setzte auf raffinierte Detailarbeit. Ob mit Besen oder mit Sticks: Er schöpfte die spieltechnische Möglichkeiten weitgehend aus, um nah an den Themen Klangwirkungen und mit spieltechnischen Varianten rhythmische Effekte in Szene zu setzen. Das war umso bereichernder im Quintett, da das Ensemble nicht auf durcharrangierte Homogenität setzte, sondern sich der spielfreudigen Vielfalt öffnete: Jedem Ensemblemitglied blieb genug Freiheit, Besonderheiten im Spiel wie im musikalischen Charakter einzubringen.

Als instrumentaler Frontmann stand Lutz vor allem für die melodische Ausprägung, satt im Klang, aber nicht durchgehend auf scharfes Powerplay ausgerichtet. Überhaupt: Die fünf Musiker waren sich der Wichtigkeit einer dramaturgischen Entwicklung im Programm bewusst. Beide Konzerthälften waren im Repertoire jeweils auf gemächliche, aber stete Intensivierung angelegt, sodass Lutz erst kurz vor der Pause, respektive dem Schluss einen Gang in rockiger Schärfe zulegte, um ein imposantes Finale zu forcieren. Vereinfacht dargestellt, denn der Plan war im Detail komplexer: Akzente zwischendurch sorgten auf dem Weg zum Höhepunkt in gewichtigen oder mitreißenden Nummern für Energieaufladung, um Spannung zur finalen Entladung aufzubauen.

Eine bestimmende Rolle spielte hier die Sängerin Gwen, die mit ihrer warmen, souligen Stimme die Themen und Melodien mit reizvollen Details und Scat-Gesang umspielte und genreübergreifend zwischen traditionellem Jazz, Latin, Rock, Pop, Funk und Soul changierte. Das war sehr erfrischend, denn ihr Gesang forderte auch die Instrumentalisten dazu heraus, ihr in den Charakterwechseln zu folgen. Besonders deutlich Kontrabassist Lorenz Huber, der - ob gezupft oder mit dem Bogen gestrichen - mit spieltechnischer Meisterschaft brillierte. Gerade weil das Ensemble jedem Spieler Freiräume ließ, war für Gleichberechtigung der Instrumente gesorgt. Lutz nahm sich am per se dominanteren Saxophon auch immer wieder zurück oder setzte aus. Solche Varianten taten der Gesamtwirkung gut. Ein nur mit dem Kontrabass begleitetes "Sittin' On The Dock Of The Bay" mit Gwens souliger Lässigkeit gehörte denn auch zu den Höhepunkten des Abends. Und immer wieder wunderbare Blues-Nummern, etwa "All Blues" von Miles Davis, oder ein kraftvolles "Mercy, Mercy, Mercy" von Joe Zawinul. Den rockig groovenden Bluessong "My Babe" hob sich das Quintett um Erich Lutz fürs Finale auf, musste dann aber doch noch ein funkiges "Cold duck Time" nachlegen.

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