Advent Wie eine Gruppe von Pendlern Weihnachten in der S-Bahn feiert

Tag für Tag pendeln die Gautinger in der S 6 nach München. Darum begehen sie auch das Fest gemeinsam im Zug - mit Liedern, Glühwein, Strohsternen. Und alle singen mit.

Von Carina Seeburg

Der Glühwein duftet durch die Bahn. Christbaumkugeln funkeln mit goldenen Glöckchen um die Wette und an den Fenstern der S6 von Tutzing nach München prangen Strohsterne und filigrane Holzanhänger. Vergnügt hängt Susanne Reindl eine Lichterkette an die Kofferablage. Konrad Huber knipst die bunten Lämpchen an. Begeistert betrachten die beiden ihr Werk. "Das sieht super aus - so haben wir uns das vorgestellt", sagt Huber.

Reindl und Huber gehören zu einer Gruppe von Pendlern, die seit Jahren täglich um 7.22 Uhr von Gauting aus in die Landeshauptstadt zur Arbeit fahren. "Wir steigen in München an unterschiedlichen Stationen aus, aber ein Stück des Weges fahren wir immer gemeinsam", resümiert Huber. "Und wenn wir schon täglich einen Teil unseres Arbeitstags miteinander verbringen, dann sollten wir auch eine gemeinsame Weihnachtsfeier haben."

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"Alles begann mit dem Entschluss, auf dem Weg zur Arbeit gemeinsam Weihnachtslieder zu singen", erinnert sich Huber an den Beginn vor vier Jahren. Die positive Resonanz sei für alle überraschend gewesen. Menschen hätten ihre Smartphones zur Seite gelegt und spontan mitgesungen. Mit jedem Jahr sei ihre S-Bahn-Weihnachtsfeier etwas größer geworden. Die Gautinger Pendler scheuen keine Mühen: Am Donnerstag haben sie kleine Tische zwischen den Sitzgruppen installiert und liebevoll dekoriert. Tischdecken mit Schneemännern, rote Servietten und dazu Schalen mit selbst gebackenen Plätzchen, Christstollen und Tassen mit dampfendem Glühwein - mitten im Berufsverkehr.

Die Kulisse steht. Der Zug fährt los und die Feier beginnt mit einem Schlag. Drei, zwei, eins - Trompete und Gitarre setzen ein, und mit vollen Stimmen wird das erste Weihnachtslied angestimmt. "Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all." Und da kommen sie tatsächlich. Nicht nur die Kinder, sondern auch die Erwachsenen. Ein Lächeln huscht über das Gesicht einer älteren Dame, die etwas entfernt am Fenster sitzt. Zaghaft stimmt sie ein und blickt hinaus ins Schneegestöber. Sie beherrscht den Text, was nicht von allen Teilnehmern des spontanen Chors behauptet werden kann. "Bei den meisten Menschen ist einfach nach der ersten Strophe Schluss", lacht Huber verständnisvoll und verteilt Liederhefte unter den Neulingen.

Auf "Kling, Glöckchen, klingelingeling" folgt "Tochter Zion", dann "Feliz Navidad" - auf jedem Streckenabschnitt singen die Pendler ein anderes Weihnachtslied. Immer mehr Menschen sehen auf, kommen näher und singen mit. Ab und zu tönt ein "Bitte links aussteigen" aus den Lautsprechern und der Chor verliert ein paar Mitglieder. Zugestiegene blicken sich überrascht um und verhelfen dem Chor zu immer neuen Zusammensetzungen.

"Die S-Bahn kann ein Ort der Gemeinschaft und der Zusammengehörigkeit sein", ist sich Huber sicher. "Über Berufs- und Altersgruppen und auch über Nationalitäten hinweg treffen hier Leute aufeinander und kommen ins Gespräch." Viele der Pendler hätten über die Jahre hinweg Freundschaften geschlossen. Das Singen bringe Menschen noch leichter miteinander in Kontakt. "Das war die schönste S-Bahnfahrt des Jahres", sagt Patrick Hein, der von der rollenden Weihnachtsfeier überrascht wurde. "Ich bin auf dem Weg zur Arbeit und spät dran, das Singen hat mich gleich etwas versöhnlicher gestimmt", erklärt er lächelnd.

Dann holt auch die Gautinger der Alltag wieder ein. Der Hauptbahnhof ist längst vorbei. Einer nach dem anderen springt aus der Bahn. Tannenzweige und Christbaumschmuck werden rasch verstaut, Glühwein und Gebäck wandern in Körbe und Taschen. Ein paar Umarmungen. Fröhliches Winken. Dann, ganz schnell, ist es vorbei, der Wagon hat sich geleert. "Was bleibt ist das schöne Gefühl, dass man nicht der Einzige ist, der wieder auf die Arbeit muss", sagt ein verbliebener Pendler und steigt ebenfalls aus.

Ein Teil der Gautinger Pendler, die jeden Tag zusammen nach München fahren und am Donnerstag zusammen Weihnachten feierten - natürlich in der S6 (v.l.): Alexander Güntsch, Jörg Schranner, Christoph Ramm, Moritz Fischer und Konrad Huber.

(Foto: Nila Thiel)