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Filmstar am Starnberger See:Wo Hans Albers seine Pulle versteckt

Felix Felzmann weiß fast alles über den Filmstar. Er hat die bundesweit größte Sammlung an Fotos, Filmplakaten und Kostümen zusammengetragen.

Von Sabine Bader

Da schwingt sich in Petershausen im Landkreis Dachau ein 14-jähriger Bub auf sein Moped und knattert mehr als zwei Stunden über die Landstraßen in Richtung Starnberger See. Sein Name ist Felix Felzmann, und sein Ziel ist das Anwesen des Schauspielers Hans Albers in Garatshausen. Dort angekommen, pirscht sich Felix an der Hecke entlang, will einen Blick auf das Grundstück erhaschen. Durch ein Loch im Gestrüpp erspäht er sein Idol - im Bademantel. Er nimmt all seinen Mut zusammen und ruft: "Herr Albers, Herr Albers!" Der antwortet prompt: "Komm rin, min Jung." Und öffnet ihm das große Tor zum Garten. Felix ist am Ziel seiner Wünsche. Er darf den Filmstar hinunter zum Bootshaus begleiten. Dort ratschen die beiden wie alte Vertraute. Als nach gut einer Stunde Albers' Haushälterin Lieschen mit einer Schiffsglocke zum Essen bimmelt, fordert der Schauspieler den Buben auf, zu bleiben. Doch Felix lehnt unter dem Vorwand ab, er müsse jetzt heim. "Ich hätte keinen Bissen runtergebracht, so aufgeregt war ich", erinnert sich Felzmann.

Er erzählt die Geschichte, als wäre sie gestern passiert. Dabei ist sie viele Jahrzehnte her und aus ihm ist ein renommierter Albers-Kenner geworden, der in Planegg lebt und an diesem Samstag seinen 80. Geburtstag feiert. Er hat bundesweit die größte Sammlung über den Schauspieler zusammengetragen. Sie umfasst ungezählte Fotos, Fanpostkarten, Filmplakate, Schallplatten, Bücher, handsignierte Programmhefte, Kostüme und persönliche Gegenstände wie eine Pfeife und ein Gästebuch. Entdeckt hat er die Raritäten in Antiquariaten, bei Antiquitätenhändlern und auf Flohmärkten. Einen großen Teil davon hat Felzmann 1996 an das Filmmuseum in Potsdam verkauft - für 105 000 Mark.

Sammler Felix Felzmann grüßt in Hans-Albers-Manier vor dem ehemaligen Bootshaus des Filmstars in Garatshausen. Der Hanseat liebte das Wasser und den Starnberger See. In seiner Landhausvilla erholte er sich von anstrengenden Dreharbeiten. Die reetgedeckte Hütte war sein Lieblingsort.

(Foto: Arlet Ulfers)

Fast wäre die Sammlung zuvor in Albers' Heimatstadt Hamburg gelandet. Denn ein Kneipier, der auf der Reeperbahn ein Lokal à la "Große Freiheit Nr. 7" eröffnet, will sie kaufen und in der darüber liegenden Etage ein Albers-Museum einrichten. Drei Jahre lang fährt Felzmann jedes Wochenende nach Hamburg, führt Besuchergruppen durch die eilig konzipierte Ausstellung, spielt Akkordeon und schmettert in Albers-Manier auf der Reeperbahn Lieder wie "Hoppla, jetzt komm ich". Heute gesteht er: "Dabei kann ich gar nicht Akkordeon spielen. Ich hatte ein Instrument mit einem eingebauten Band." Einmal lässt während seines Auftritts die Batterie nach. "Das Band wurde langsamer, und ich musste auch langsamer singen. Das war peinlich", erinnert er sich. Kurze Zeit später geht der Kneipier pleite, der Traum vom Albers-Museum auf der Reeperbahn platzt, und Potsdam kommt zum Zug.

Ein Umstand, über den Felzmann heute froh ist. In den Genuss einer kleinen Kostprobe seines Wissens und seiner Sammelleidenschaft sind die Bürger im Fünfseenland bereits 1992 gekommen, bei der 1250-Jahr-Feier von Garatshausen. Felzmann präsentiert ihnen dort in einem eigenen Zelt ausgewählte Fotos, Plakate und Exponate.

Auch wenn Felzmann jahrelang in München am Gärtnerplatztheater, der Kleinen Komödie, dem Deutschen Theater und am "Platzl" Bühnenluft schnuppern darf - mal als Kulissenschieber, Garderobier oder Statist, mal als Autor, Schauspieler und Regisseur - einen Beruf will er daraus nie machen. Er ist gelernter Kaufmann und hat diese Entscheidung nie bereut. Bis zu seiner Pensionierung arbeitet er als Geschäftsführer in einem Lederwarenhandel in der Kaufingerstraße in München.

Ob als Baron von Münchhausen, Sherlock Holmes oder als der tolle Bomberg - Hans Albers ist jahrzehntelang ein gefeierter Star. Von seinen Filmen erzählen die Plakate, die Felix Felzmann gesammelt hat. In seinem Archiv befinden sichaber auch Tausende Bilder anderer großer Schauspieler.

(Foto: Arlet Ulfers)

Für Felzmann, der ohne Vater aufwachsen muss, ist Albers ein Vorbild. Ein Pfundskerl, ein echter Lebemann, der gut aussieht, singen kann und es zu etwas gebracht hat. "Das hat mir imponiert", sagt er. Felzmann stammt aus dem Sudetenland. Mit seiner Mutter und dem ein Jahr älteren Bruder kommt er als Fünfjähriger nach Petershausen. Freundlich empfangen wird die kleine Familie dort nicht gerade. Im Gegenteil: Die Bauern wollen die Ankömmlinge verjagen, bedrohen sie mit Mistgabeln. Dennoch sagt Felzmann heute, er habe eine schöne Kindheit verbracht. Seine Liebe zum Film verdankt er seiner Mutter. Sie besucht mit den beiden Buben leidenschaftlich gern die sogenannten Wanderkinos, die zu jener Zeit, da es am Land noch keine festen Filmtheater gibt, in den Sälen der Wirtschaften Projektoren aufstellen und sonntags die neuesten Streifen flimmern lassen.

Felzmann trifft Albers übrigens als Jugendlicher noch einmal - vor dem Gärtnerplatztheater. Er steht draußen, weil er kein Geld für die Vorstellung hat, und bittet den Star um ein Autogramm. Der gibt ihm seine Brille zum Halten, während er schreibt. "Ich habe wie Espenlaub gezittert - aus Angst, sie fallen zu lassen", erinnert er sich. Felzmann besucht auch Albers' Haushälterin Lieschen später noch diverse Male zum Kaffeetrinken. Bei einem dieser Besuche entdecken sie eine Pulle mit Hochprozentigem im Reetdach des Bootshauses, die Albers dort vor seiner Lebensgefährtin Hansi Burg verborgen hat, um die Flasche später heimlich zu leeren. "Jetzt haben wir mit ihr auf sein Wohl angestoßen", sagt Felzmann.

Ein Hanseat am Starnberger See

Er hat ein Faible für Bayern - besonders, wenn das Ambiente maritim ist: Der Starnberger See ist darum wie geschaffen für Hans Albers (1891 bis 1960). Am Westufer in Garatshausen kauft sich der Schauspieler und Sänger 1933 ein großes Seegrundstück mit Landhausvilla, das ehemalige Gesindehaus der Familie Thurn und Taxis. Darin verbringt er seine zweite Lebenshälfte. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, der Schauspielerin Hansi Burg, Tochter seines jüdischen Mentors Eugen Burg, erholt er sich am See von anstrengenden Dreharbeiten. Albers ist zu diesem Zeitpunkt bereits ein gefeierter Star. In mehr als 100 Stumm- und Tonfilmen wie "Münchhausen", "Der blaue Engel" und "Große Freiheit Nr. 7" bekleidet er Paraderollen. Albers ist der blonde, blauäugige Held, was ihm den Spitznamen "der blonde Hans" einträgt. Dass er aber eine Halbglatze hat und auf ein blondes Toupet zurückgreifen muss, beweist ein seltenes Foto, das derzeit in einer Ausstellung im Tutzinger Ortsmuseum zu sehen ist. In seiner Freizeit in Garatshausen trägt der Hanseat gerne bajuwarisches Räuberzivil - kurze Lederhose, Joppe, Strohhut. Die Nazis bedrängen Albers, sich von Hansi Burg zu trennen. Er kommt der Aufforderung offiziell nach, lebt aber weiter mit ihr zusammen in Garatshausen. Ende 1938 wird es für sie zu gefährlich, sie geht ins Exil nach London. Albers bleibt und spielt weiter. Wenn er gerade nicht spielt, flüchtet er sich gern an seinen Lieblingsort, ins Bootshaus, trinkt Cognac und pflegt Affären. Im Mai 1945 taucht unvermittelt eine Frau in britischer Offiziersuniform in Garatshausen auf. Es ist Hansi Burg. Sie befördert die aktuelle Geliebte postwendend an die frische Luft und zieht wieder ein. Der Hausherr, so erzählt Albers-Kenner Felix Felzmann, soll sich während der Auseinandersetzung der Damen verflüchtigt und gesagt haben: "Mal sehen, welche von beiden nachher noch da ist." 15 Jahre, bis zu seinem Tod, leben er und Burg noch gemeinsam in Garatshausen. 1973 verkauft Hansi Burg, die das Anwesen geerbt hat, das Grundstück an den Freistaat, mit der Auflage, es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Doch stattdessen zieht 1978 die Fischereianstalt ein. Diese muss das Gelände zwar 2009 räumen, betreten darf man es aber bis heute nicht. Seit mehr als zehn Jahren steht die Landhausvilla nun leer, das Gelände ist recht zugewachsen. Seit Mai dieses Jahres steht das Haus unter Denkmalschutz. bad

Das reetgedeckte Bootshaus ist von Anfang an Albers' Lieblingsplatz. Hier, mit Blick auf den See, findet er seine ganz persönliche Freiheit, während aus den Grammophon "La Paloma" erschallt. Und spätestens wenn ein Dampfer vorbeifährt und er den Kapitän aus dem Bordlautsprecher schnarren hört, "hier wohnt der berühmte Schauspieler Hans Albers", wirft er seinen Bademantel ab und springt zum Erstaunen der Fahrgäste nackt in die Fluten.

Albers schwimmt auch im Winter gern und lässt dafür das Eis vor seinem Uferstreifen aufhacken. Von einheimischen Handwerkern erfährt Felzmann, dass der Mime in späteren Jahren bei einer dieser verwegenen Aktionen sogar kurz ohnmächtig wird und sie ihn aus dem Wasser fischen müssen. Natürlich nicht, ohne ihm ernsthaft einzuschärfen, derartige Ausflüge künftig zu unterlassen.

In seinem Archiv im Keller seines Hauses lagert der Sammler Hunderte Filmplakate, Tausende Fotos und Bilder.

(Foto: Arlet Ulfers)

Wer glaubt, Felzmann würde sich ausschließlich für Albers interessieren, der irrt gewaltig. Er ist ein Sammler durch und durch. "Langsam muss ich aufhören, ich darf einfach nichts mehr kaufen", sagt er problembewusst. In seinem Archiv im Keller seines Hauses lagert er Hunderte Filmplakate, Tausende Fotos und Bilder, alle fein säuberlich einsortiert in Mappen dicht an dicht. Der Raum ist gesteckt voll mit Raritäten von Johannes Heesters über Heinz Rühmann, Romy Schneider und Marika Rökk, bis hin zu Lilo Pulver, Zarah Leander, Paul Hörbiger und natürlich Hans Albers. Von Letzterem hat er sich etliche gute Stücke zurückbehalten. Wer dort im Bücherregalen stöbert, findet neben Wälzern über Kabarett, Theater und Zirkus ("als Kind wollte ich Clown werden") auch Bände mit Micky-Maus-Heften.

Seine Sammlung mit rund 35 Hüten von Prominenten, darunter Luis Trenker und Udo Lindenberg, hat er an das Hutmuseum in Lindenberg im Allgäu verkauft. Wen wundert es, dass die dortigen Kuratoren an einer der Kopfbedeckungen ganz besonders interessiert waren - wegen der Namensgleichheit zum Ausstellungsort.

Seit mehr als 30 Jahren leben Felzmann und seine Frau Gloria in Planegg. Dass der Freistaat das Albers-Grundstück nie öffentlich zugänglich gemacht hat, obwohl dies im Kaufvertrag mit Albers' Lebensgefährtin Hansi Burg so vereinbart ist, findet Felzmann "ein Jammer" und den Stichweg, den der Staat vor dem Zaun anlegen ließ, damit Albers-Fans wenigstens einen Blick auf das Gelände erhaschen können, "einen Witz". Überhaupt fährt Felzmann nicht mehr gern nach Garatshausen. "Der Garten ist total heruntergekommen", findet er. "Das macht mich traurig. Albers würde sich im Grabe umdrehen, denn er liebte seine selbstgezüchteten Rosen sehr."

© SZ vom 05.09.2020

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