Konzert:Innigste Empfindungen

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Sie spielten und sangen in der ausverkauften Peter-und-Paul-Kirche: Radovan Vlatkovic, Franziska Hölscher, Kit Armstrong, Christian-Pierre La Marca und Mauro Peter (von links). (Foto: Franz Xaver Fuchs)

Bei den Feldafinger Musiktagen brillieren Musiker und Tenor Mauro Peter bei Liedern und Kammermusik von Schubert und Schumann.

Von Reinhard Palmer, Feldafing

Als Ausfallersatz für Mischa Maisky angefragt zu werden, ist schon eine Adelung höchsten Ranges. Man kann es daher der Cellistin Harriet Krijgh wohl kaum verübeln, dass sie diese Ehre in Linz den Musiktagen Feldafing vorzog. Aber – respektable Leistung der Veranstalter – es ist gelungen, kürzestfristig einen Musiker für ihren Part zu finden und aus Paris einzufliegen, der hier im Freitagskonzert quasi ohne Vorbereitungszeit und ohne Programmänderung in der ausverkauften Peter-und-Paul-Kirche für Begeisterung zu sorgen vermochte. Christian-Pierre La Marca ist ein überaus einfühlsamer, feinsinnig erspürender Klangbildner, der sich in Schumanns Fantasiestücken op. 73 auch mit Kit Armstrong auf eine Duo-Homogenität verlassen konnte.

Der Pianist und mit der Geigerin Franziska Hölscher künstlerischer Leiter der Musiktage Feldafing ist für seine gestalterische Universalität bekannt und spielte mit La Marca nicht zum ersten Mal. So ging es schon im ersten Satz an die innigsten Empfindungen im bewegten Wogen von überaus plastischer Tongestaltung, die schon mal mit einer satten Substanz für Höhepunkte sorgte. Wie leichtfüßig indes das darauffolgende heitere Tänzchen mit Armstrongs perlender Zartheit! Die Wendung zum leidenschaftlich-temperamentvollen dritten Satz hätte nicht wirkungsvoller kontrastiert werden können – dann auch noch mit einem melancholisch sinnierenden Einschub vor der satt-fulminanten Reprise.

Die hochemotionale Dramaturgie spannte sich so zwischen atemberaubender Empfindsamkeit und konzertanter Wucht. Aber im Grunde stand an diesem Konzertabend der Tenor Mauro Peter im Mittelpunkt, denn den Hauptteil im Programm nahm Liedrepertoire ein, aus Schumanns Feder mit der Dichterliebe op. 48 (Liederkreis nach Heinrich Heine), die der runden, warmen Stimme des Schweizer Lied-, Oratorium- und Operninterpreten ein breites Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten bot. Das weite Spektrum von La Marca fand so im Liederzyklus eine Entsprechung, wobei Peters geradezu baritonale Substanzfülle ans Violoncello nahtlos anzuknüpfen vermochte. Die dem Text folgende suggestive Wirkung steigerte sich schon bis zur Bildhaftigkeit. Wie wonnig erklang „Im wunderschönen Monat Mai“, wie frisch und spritzig „Die Rose, die Lilie, die Taube, die Sonne“, wie kraftvoll und dramatisch „Ich grolle nicht“! Es erstaunte nicht wenig, wie treffsicher La Marca eng am Text die Ausdrucksnuancen formte, stimmig unterlegt von Armstrongs wendiger Tastenzauberei.

Schumanns Zykluskonzept griffen die beiden Interpreten mit einem dramaturgischen Bogen auf, schaukelten die inhaltliche Intensität über humorvolle Forschheit von „Ein Jüngling liebt ein Mädchen“, süßliche Romantik in „Am leuchtenden Sommermorgen“, banges Klagen des „Ich hab’ im Traum geweinet“ bis hin zu hymnisch-beschwingtem „Aus alten Märchen“ hoch, um schließlich mit einem zarten Ausklang des Liedes „Die alten, bösen Lieder“, das im Verlauf so ziemlich alle Empfindungen des Zyklus noch einmal aufgriff, abzuschließen. Zwei Zugaben waren unumgänglich.

Radovan Vlatkovic bescherte den Zuhörern mit seinem Horn schon vor der Pause Glück. (Foto: Franz Xaver Fuchs)

Bei den Schubertliedern vor der Pause spielte ein hier nicht sichtbarer Protagonist eine Rolle: Wolfgang Renz als Bearbeiter. Er setzte die Klavierbegleitung jeweils für ein kleines Ensemble. Keine vollständigen Zyklen, sondern offenbar lediglich die Lieder, die ihm dafür geeignet schienen. Einige für ein Klaviertrio, „Auf dem Strom“ dann für Horn und Klavier. Lange Zeit setzte das Konzertpublikum ausschließlich auf Originalkompositionen. Mittlerweile ist eine Öffnung zu Bearbeitungen hin eine willkommene Bereicherung der Konzertprogramme. Der Erfolg von Renz ist ein deutlicher Beweis für die Akzeptanz. Seine Bearbeitungen sind allerdings sehr behutsam und eng ans Original gelehnt.

Dennoch: Schubertlieder zusätzlich mit Violine und Cello begleitet, fallen deutlich romantischer, ja schwärmerischer aus. Bisweilen ergaben sich zwei- bis dreistimmige Melodieführungen, was schon mal geradezu opernhaft anmuten konnte. Lyrische Lieder wie „Wanderers Nachtlied“, „Nacht und Träume“, ja selbst „Der Lindenbaum“ gerieten so überaus schönmalerisch. Die Arie „Der Abend sinkt aus stiller Flur“ des Eginhard aus der Oper „Fierrabras“ fügte sich daher nahtlos in den Liederreigen ein. Die heiter beschwingte „Fischerweise“ frischte die Stimmung mit schwärmerischer Leichtigkeit auf.

Das Finale vor der Pause sollte aber mehr Gewicht erhalten. „Auf dem Strom“ eignete sich dafür nicht nur aufgrund der reichhaltigen Nuancierung Peters in der Erzählung, die einen dramatischen Höhepunkt bot und zum Schluss mit breiter Feierlichkeit versöhnte. Der Einsatz von Horn, klanglich von Radovan Vlatković mit ergreifend warmer Substanz geformt, verlieh dem Lied zudem Gewicht und mit Armstrongs Klavierpart eine geradezu orchestrale Anmutung. Eine fulminante Beglückung schon vor der Pause.

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