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Lager für Displaced Persons in Feldafing:Aufbruch ins Leben

Tibor Diamantstein wurde bei Tutzing aus einem Todeszug befreit und als einer der ersten Bewohner ins DP-Lager nach Feldafing gebracht. Der renommierte Immunologe wollte nie als Holocaust-Überlebender definiert werden. Seine Tochter Eva erforschte die Geschichte des Ortes.

Von Katja Sebald

"Ich wollte den Deutschen zeigen, dass ich ein Mensch bin", antwortete Tibor Diamantstein kurz vor seinem Tod auf die Frage seiner Tochter, warum er in Deutschland geblieben war. Er hatte mehrere Konzentrationslager überlebt und wurde am 30. April 1945 von amerikanischen Soldaten bei Tutzing aus einem Häftlingszug befreit. Der damals 16-Jährige gehörte zu den ersten Bewohnern des Lagers Feldafing für sogenannte Displaced Persons (DP) - Menschen, die durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft und den Krieg ihre Heimat verloren hatten. Im Jahr 2000 kam seine Tochter Eva Diamantstein als Stipendiatin ins Künstlerhaus Villa Waldberta nach Feldafing, um an ihrem Theaterstück "Nachtmahl" zu arbeiten, einem Projekt über NS-Täterinnen. Sie blieb ein Jahr, recherchierte zur Geschichte des Ortes und suchte nach Zeitzeugen. Rückblickend sagt sie: "Es war für mich, als ob sich ein Kreis schließt."

Im Feldafinger Lager für Displaced Persons gab es mehrere Schulen - hier sind Rabbiner und Schüler einer Talmud-Tora-Schule zu sehen.

(Foto: Arlet Ulfers)

Von 1934 bis zum Kriegsende war Feldafing Sitz einer Eliteschule der NSDAP. Es gab ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau und ein Lager für russische Zwangsarbeiter. Die Häftlinge arbeiteten auf der Baustelle des riesigen Schulgeländes am südlichen Ortsende. In den Baracken und den Gebäuden der Schule entstand in der unmittelbaren Nachkriegszeit das DP-Lager. Auch die Villa Waldberta und andere Privathäuser waren Teil davon.

Unter den Bewohnern, die hier auf die Rückkehr in ihre Heimatländer oder den Aufbruch in ein neues Leben warteten, war auch Tibor Diamantstein. Zusammen mit seiner Familie, die zu einer ungarisch-jüdischen Minderheit in Neumarkt am Mieresch in Siebenbürgen gehörte, war er 1944 nach Auschwitz deportiert worden. Auf Anraten seines Vaters hatte er sich gegenüber den NS-Schergen drei Jahre älter gemacht, deshalb brachte man ihn in ein Arbeitslager. Seine Familie wurde ermordet, nur er und eine seiner Schwestern überlebten. Tibor Diamantstein kehrte von Feldafing aus zunächst nach Rumänien zurück, kam dann aber wieder nach München. Er heiratete, studierte Biochemie und wurde ein renommierter Wissenschaftler. Diamantstein, der zuletzt an der FU Berlin und an der Charité Professuren innehatte, gilt als einer der Begründer der modernen Immunologie.

Diamantstein im Jahr 1945, das Bild wurde vermutlich im DP-Lager Feldafing aufgenommen.

(Foto: Privat)

"Mein Vater wollte nicht als Holocaust-Überlebender definiert werden", sagt Eva Diamantstein. "Er hat es gehasst, wenn jemand von außerhalb ihn darauf angesprochen hat." Nur die drei Jahre, denen er vielleicht sein Überleben zu verdanken hatte, habe er bis zuletzt in seinem Pass behalten: Er war nicht 1925, sondern erst im September 1928 geboren. Wie lange ihr Vater in Feldafing war, weiß sie nicht. Aber sie weiß aus seinen Erzählungen, dass er dort seinen besten Freund verloren hatte: Ein Junge namens Gyuri, mit dem er alles Leid geteilt hatte, war kurz nach der Befreiung gestorben. Sein Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Feldafing.

Tibor Diamantstein in den Fünfzigerjahren mit seiner Tochter Eva.

(Foto: Privat)

Sie sei auch für ihren 1995 verstorbenen Vater nach Feldafing zurückgekehrt, sagt Eva Diamantstein, die als Theaterregisseurin und Schriftstellerin in Berlin lebt. Vor zwanzig Jahren befragte sie alteingesessene Feldafinger, die in unmittelbarer Nähe der Reichsschule und des DP-Lagers gelebt hatten. Von den Interviews verfasste sie Protokolle. Auch vor dem Krieg habe man von den jüdischen Nachbarn wenig gewusst, erzählte ihr eine alte Dame. Ja, man habe die Köchin einer jüdischen Familie übernommen, als diese keine Bediensteten mehr haben durfte. Aber sonst habe man wenig Kontakt zu den Bewohnern anderer Villen gehabt. Eine andere wies sie schon Telefon ab: "Fragen Sie jemand anders, ich will da nichts sagen. Da gibt's andere, die Sie fragen können."

Man habe ihr viele Lügen aufgetischt, sagt Eva Diamantstein rückblickend. "Manche Menschen waren sehr freundlich zu mir, aber sie haben mir nicht unbedingt freundliche Dinge erzählt." Andere habe allein ihr Name abgeschreckt, der so "orientalisch" klinge. An das DP-Lager wollten sich die wenigsten erinnern, erst recht nicht an das KZ-Außenlager. Die Kinder sollten sich damals vom Villenviertel fernhalten, erzählte ihr ein alter Feldafinger. Er sagte: "Die KZler haben wir nie gesehen. Die waren ja da oben, da gleich am Ende von der Thurn-und-Taxis-Straße, bei der Tutzinger Straße. Die Fundamente von den Baracken, die kann man heute noch sehen, wenn man gut hinschaut. Auch die Lager von den Fahnenstangen."

75 Jahre nach Kriegsende hätte in Feldafing die erste Gedenkveranstaltung stattfinden sollen. Sie fällt wegen der Corona-Pandemie aus. Die Zeitzeugen, die Eva Diamantstein vor zwanzig Jahren befragte, leben nicht mehr. Ausstellung und Buch, die sie zu diesem Thema plante, kamen nicht zustande. "Für Alex Owtscharow" heißt ein Gedicht, das sie einem der Häftlinge des Außenlagers widmete, der in Feldafing ermordet wurde. An die Bewohner des DP-Lagers erinnert in Feldafing nur der jüdische Friedhof. Bei einem ihrer Besuche habe sie dort einen alten Herrn getroffen, der einen Schäferhund zwischen den Gräbern sein Geschäft verrichten ließ. Sie sagt: "Ich habe ihn angesprochen, er fand nichts dabei."

© SZ vom 30.04.2020
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