ZeitgeschichteVom Eliteschüler zum Kanonenfutter

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Autorin Helene Munson mit ihren Buch in der Evangelitischen Akademie Tutzing.
Autorin Helene Munson mit ihren Buch in der Evangelitischen Akademie Tutzing. Nila Thiel
  • Hans Dunker kam 1937 als neunjähriges Kind in die NS-Elite-Reichsschule Feldafing, wo aus Buben „Herrenmenschen“ gemacht werden sollten.
  • 1943 wurde er zur Flak eingezogen und später an die Ostfront geschickt, wo er Kriegstraumata erlitt.
  • Seine Tochter Helene Munson verarbeitete sein Kriegstagebuch im Buch „Die Feldafing-Jungs – Hitlers Kindersoldaten“ und las daraus in Tutzing.
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In der Reichsschule Feldafing sollten Buben zum NS-Führungsnachwuchs ausgebildet werden. Hans Dunker war einer von ihnen. Dann musste er an die Front und erlebte die Schrecken des Krieges. Seine Tochter Helene Munson hat in ihrem Buch „Die Feldafing-Jungs – Hitlers Kindersoldaten“ sein Tagebuch aufgearbeitet.

Von Sabine Bader, Tutzing

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Ein Jahr vor seinem Tod bietet ihr Vater Helene Munson an, sein Kriegstagebuch zu lesen. Doch die Tochter lehnt ab. Erst Jahre später liest sie die Aufzeichnungen dann doch – und kommt darin traumatischen Kriegserlebnissen ebenso auf die Spur wie der brutalen Erziehung der Nazi-Elite. Die Aufzeichnungen ihres Vaters Hans Dunker bewegen sie so sehr, dass sie sie in einem eigenen Buch aufarbeitet und historisch einordnet. Der Titel: „Die Feldafing-Jungs – Hitlers Kindersoldaten“.  Als sie in der Rotunde der Evangelischen Akademie Tutzing vor rund 100 Besuchern aus ihrem Erstlingswerk liest, ist sie nicht weit von dem Ort entfernt, der ihren Vater und andere so geprägt und traumatisiert hat.

Hans Dunker kommt 1937 nach Feldafing. Er ist zum damaligen Zeitpunkt neun Jahre alt. Ein Kind. Seine Eltern, die als Auslandsdeutsche in Peru leben, wollen ihrem Sohn eine „richtige deutsche Ausbildung“ angedeihen lassen und versuchen, den Buben auf die Elite-Reichsschule der NSDAP nach Feldafing zu schicken. Hier sollen aus den Buben „Herrenmenschen“ im nationalsozialistischen Sinne gemacht werden. Um jedoch aufgenommen zu werden, muss Hans umfangreiche Tests absolvieren und bestehen. Normale Gymnasialfächer werden unterrichtet, allerdings ohne bestimme Autoren zu lesen. Die Schüler sollen sich auch gesellschaftliche Kompetenzen aneignen. Opernbesuche stehen ebenso wie Golfspielen auf dem Programm. Darüber hinaus gibt es Schießtraining und beim Diskuswurf werden die üblichen Scheiben durch Attrappen von Handgranaten ersetzt. Wer versagt, fliegt von der Schule.

Rund 40 Napolas, nationalpolitische Lehranstalten, gibt es zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland. Die Reichsschule in Feldafing ist eine Eliteanstalt. Viele Nazi-Größen wie Martin Bormann und Julius Streicher schicken ihre Söhne nach Feldafing. Adolf Hitler beschreibt 1935 in einer Rede an die Hitlerjugend, wie er sich den deutschen Nachwuchs vorstellt: „Wir müssen einen neuen Menschen erziehen. In unseren Augen, da muss der deutsche Junge der Zukunft schlank und rank sein, flink wie ein Windhund, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl.“ Die NS-Führung fordert von den jungen Menschen absolute Härte und Unterordnung. „Feldafing war das Kronjuwel des Schulsystems, das die kommenden Nazi-Eliten ausbilden sollte“, beschreibt Autorin Munson. Und „die absolute Verführung“, sagt sie zu den Zuhörern.

Distanz zum Regime kommt bei den Jugendlichen nicht auf. Wie auch, wo sie doch ganzjährig dem Drill und Druck ihrer Lehrer ausgesetzt sind? Die Nazi-Propaganda wird indoktriniert, nicht nur in der geforderten Disziplin, sondern auch in Form von Liedern und Slogans. Aussprüche wie „Du bist nichts, dein Volk ist alles“ sollen die Bereitschaft der Kinder stärken, sich dem Gemeinwohl unterzuordnen.

Rund 100 Besucher sind zur Lesung in die Rotunde der Evangelischen Akademie Tutzing gekommen.
Rund 100 Besucher sind zur Lesung in die Rotunde der Evangelischen Akademie Tutzing gekommen. Nila Thiel

Der Vater der Autorin schreibt in seinen Aufzeichnungen: „1943 wurden wir zur Bedienung der Flugabwehrkanone, der sogenannten Flak, eingezogen. Das war das Ende unserer regulären Schulzeit. Alle deutschen Jungen zwischen 15 und 17 Jahren wurden von der Schule genommen.“ In der Endphase des Krieges wird auch Hans Dunker noch an die Ostfront ins Sudetenland geschickt. Dort muss er den Tod von Schulfreunden miterleben und wird selbst verwundet.

In jenem tschechischen Dorf, in Závada, beginnt auch die Autorin mit ihrer Recherche. In diesem Ort fand einst das Kampfgeschehen statt. Dramatische Geschehnisse auf dem Schlachtfeld, die der Vater in seinem Tagebuch eingehend beschreibt. Ergreifende Einträge, die die Autorin ihren Vater etwas besser verstehen lässt. „Mein Vater war schwierig, er hat das Schlachtfeld im Grunde nie verlassen“, erzählt Munson den Zuhörern in der Rotunde. „Wir tragen die Folgen von Geschichte in uns“, meint Akademiedirektor Udo Hahn. Und an das Publikum gewandt, sagt er: „Ihr seid nicht Schuld, aber ihr habt Verantwortung.“

Die Autorin möchte Verständnis für das Leid der Kindersoldaten

Helene Munson ist 1957 in Bonn-Bad Godesberg geboren und hat zwei Geschwister. Sie lebt heute in Berlin und hat eine Tochter. An der University of London hat sie Geschichte studiert, mit Schwerpunkt auf dem 20. Jahrhundert. An der Oxford Brookes University hat sie zwei Masterabschlüsse absolviert, in denen sie sich unter anderem mit der Rolle von Kindersoldaten in bewaffneten Konflikten befasst hat. Dass die „Feldafing-Jungs“ für sie auch zu diesen gehören, darauf deutet der Untertitel des Buches.

In der anschließenden Diskussion der Autorin mit den Zuhörern geht es auch um diesen Aspekt: Das Pöckinger Historikerpaar Marita Kauss und Erich Kasberger, das erst kürzlich die NS-Geschichte von Feldafing und der Eliteschule aufgearbeitet hat, kann sich einige Anmerkungen nicht verkneifen. „Ich darf eine Korrektur anbringen“, sagt Kasberger. „Es hat so geklungen, als ob die Reichsschule Kindersoldaten ausgebildet hätte. Das ist keinesfalls der Fall.“ Man habe eine Elite ausbilden wollen. Feldafing sollte eine „Modellschule“ für diese künftige Elite sein. „Mit Kindersoldaten sollte man hier vorsichtig sein“, sagt Kasberger. „Die wurden ab 1939 entsprechend ihrer Wehrpflicht eingezogen.“ Helene Munson entgegnet: „Ich möchte nur, dass man Verständnis dafür hat, dass Kindersoldaten gelitten haben.“

Helene Munson „Die Feldafinger-Jungs – Hitlers Kindersoldaten“, Osbung Verlag, 26 Euro.

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