Integration und Hilfe:"Barrieren bestehen nicht nur aus Treppenstufen"

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Integration und Hilfe: Angelika Roick baut ein Übersetzungsbüro für leichte Sprache auf, das das Förderzentrum Fortschritt in Feldafing betreibt.

Angelika Roick baut ein Übersetzungsbüro für leichte Sprache auf, das das Förderzentrum Fortschritt in Feldafing betreibt.

(Foto: Arlet Ulfers)

Behörden sind verpflichtet, Informationen in leichter Sprache zur Verfügung zu stellen. Das "Förderzentrum Fortschritt" möchte dabei nun mit einem Übersetzungsbüro in Feldafing helfen.

Von Tim Pohl, Feldafing

"Die jetzt beginnende Adventszeit birgt für viele Menschen ein hohes Stresspotential." Für die meisten Menschen mag dieser Satz simpel und leicht verständlich sein. Für diejenigen mit Leseschwierigkeiten kann er jedoch schnell zu einem unüberwindbaren Hindernis werden. Deutlich einfacher wäre diese Formulierung: "Jetzt ist Advent. Viele Menschen haben viel zu tun. Für viele Menschen ist das stressig." Einfache Wörter. Kurze Sätze. Bessere Verständlichkeit. Das ist das Prinzip von leichter Sprache, die Menschen mit Benachteiligung beim Textverständnis unterstützen soll. Das genannte Beispiel kommt von Angelika Roick, die aktuell für das Förderzentrum Fortschritt ein Übersetzungsbüro für leichte Sprache aufbaut.

Das Zentrum setzt sich für Inklusion in allen Lebensbereichen ein. Schwerpunkt sind 38 Kindertagesstätten rund um München, in denen benachteiligte Kinder inklusiv gefördert werden. Aber auch eine Wohngruppe und ein mobiler Fachdienst für therapeutische Hilfe werden angeboten. "Es liegt in unserem Interesse, Menschen mit Behinderung von klein bis groß bestmöglich zu unterstützen und Barrieren abzubauen. So reiht sich ein Übersetzungsbüro für leichte Sprache ideal in unser Angebot ein", erläutert Tatijana von Quadt, Geschäftsführerin vom Fortschritt.

Integration und Hilfe: Die Erzieherin will dabei helfen, auch Gesetzestexte. Schreiben von Behörden und Gebrauchsanleitungen verständlich zu machen.

Die Erzieherin will dabei helfen, auch Gesetzestexte. Schreiben von Behörden und Gebrauchsanleitungen verständlich zu machen.

(Foto: Arlet Ulfers)

In dem Übersetzungsbüro sollen künftig Texte von Behörden und Unternehmen in leichte Sprache übersetzt werden. Das können beispielsweise Gesetzestexte, Betriebsanleitungen oder auch Ausschreibungen sein. Der Auftraggeber erläutert, welche Informationen dringend an die Zielgruppe vermittelt werden sollten, und Roick überträgt diese Themen in leicht verständliche Texte. "Bei der Übersetzung gibt es genaue Regeln, die befolgt werden müssen", erläutert sie. Da gehe es nicht nur um die Schreibweise, sondern auch um das Layout und Bebilderung. Je nach Art und Anspruch des Textes erfordere eine Übersetzung unterschiedlich viel Zeit.

Integration und Hilfe: In dem Übersetzungsbüro sollen künftig Texte von Behörden und Unternehmen in leichte Sprache übersetzt werden.

In dem Übersetzungsbüro sollen künftig Texte von Behörden und Unternehmen in leichte Sprache übersetzt werden.

(Foto: Franz Xaver Fuchs/Starnberger SZ)

Bei komplexen Themen müssten auch die Übersetzer erstmal einges mehr über das Thema in Erfahrung bringen: "Ein medizinischer Fachtext erfordert sicherlich mehr Aufwand als eine Ausschreibung für den Christkindlmarkt." Die fertige Übersetzung wird dann Menschen aus der Zielgruppe vorgelegt, um festzustellen, ob der Text ausreichend vereinfacht wurde. Die Menschen könnten etwa eine geistige Behinderung haben, Deutsch lernen oder auch ältere Personen sein, die nur schlecht sehen können. Hier kann der Fortschritt durch sein großes Netzwerk auf viele potenzielle Testleser zurückgreifen.

Auch die Geschäftsführerin ist von dieser Idee begeistert, die Barrieren abbaut

Roick brachte die Idee für das Büro in Eigeninitiative ins Rollen. Seit mehreren Jahren arbeitet sie bereits als Erzieherin in frühkindlichen Einrichtungen. "Mich hat es schon immer fasziniert, wie der Mensch innerhalb von nur zwei Jahren fähig ist, eine grammatikalisch richtige Sprechweise zu erlernen." Die Faszination für die Sprache hat sie motiviert, während der Corona-Pandemie eine Ausbildung zur Übersetzerin für leichte Sprache abzuschließen. Als sie ihre Idee der Geschäftsführerin vorstellte, war diese begeistert: "Barrieren bestehen nicht nur aus Treppenstufen - auch Texte können für viele Menschen eine Herausforderung darstellen. Daher ist dieser Zuwachs sehr viel Wert."

Seit Januar 2018 sind öffentliche Behörden durch das Behindertengleichstellungsgesetz dazu verpflichtet, Informationen auf Verlangen in leichter Sprache zur Verfügung zu stellen. Problem: Viele Leute, denen leichte Sprache helfen könnte, wissen nichts von dieser Verpflichtung. Und auch auf der Seite von Unternehmen herrscht offenkundig Nachholbedarf: "Alles, was Geld kostet, wird vermieden. Erst recht, wenn niemand nachfragt", so Roick.

Das neue Sprachkonzept ist bei vielen Menschen noch nicht genügend bekannt

Außerdem spüre sie, dass das Konzept der leichten Sprache in der breiten Gesellschaft nicht ausreichend bekannt sei. Dabei könnten viel mehr Menschen davon profitieren als nur die Kernzielgruppe. Jeder achte Erwachsene habe Probleme mit dem Lesen und Schreiben. "Das Thema ist sehr schambesetzt, da Lesen mit Intelligenz gleichgesetzt wird", sagt Roick. Umso wichtiger sei es, dass Menschen sich Informationen selbst erschließen und somit ihre Autonomie zurückholen. Und auch für jene, die keine großen Probleme mit dem Lesen hätten, könne die leichte Sprache einen Mehrwert bieten: "Wer blickt bei Anwaltstexten schon direkt durch, wenn man nicht in dem Gebiet bewandert ist?", fügt von Quadt hinzu. Daher sei es unverzichtbar, das Konzept der leichten Sprache bekannter zu machen: "Je mehr Leute solche Übersetzungen anfragen, desto höher wird der Druck auf die Unternehmen, diese in ihrer Kommunikation zu etablieren", wünscht sich Roick.

Der Übersetzungsdienst ist noch nicht gestartet, aber es gebe schon genügend Interessenten, die sich gemeldet hätten - auch wenn man noch keine Namen nennen möchte. Ob das Büro wie geplant im Januar seine Arbeit aufnehmen kann, steht noch nicht fest. Man habe im August einen Antrag auf staatliche Förderung gestellt und hoffe nun auf einen positiven Bescheid bis zum Ende des Jahres. Angelika Roick und der Fortschritt sind jedenfalls startklar.

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