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Feldafing:Farbe in den Heimalltag gebracht

Besuchsverbot und stark reduzierte soziale Betreuung: In Zeiten von Corona ist eine Blumenspende ein Ereignis für Senioren.

Das Lied kommt ganz spontan. Eine ältere Dame singt "Tulpen aus Amsterdam" an, all die anderen auf dem Balkon in der Pflegeresidenz Schloss Garatshausen stimmen mit ein. Dann rollen sie fünf große gelbe Plakate über dem Balkongeländer aus. Einzelne Großbuchstaben sind darauf geschrieben, sie ergeben ein Wort: Danke. Und ein breites Lächeln liegt auf ihren Gesichtern.

Danke. Gerichtet ist dieses Wort an Stefan Dorn, Inhaber der Andechser Gärtnerei "Manufaktur für Grünes". Er hat an diesem Tag mehr als 100 bunte Primeln und Narzissen ins Pflegeheim des Bayerischen Roten Kreuzes in Garatshausen gebracht. Und gleich im Anschluss auch in das Seniorenheim der Johanniter in Herrsching. Er hat die Blumen gespendet. Wegen des Coronavirus und des damit verbundenen Besuchsverbots: "Das muss ja für die Menschen, die in einem Heim betreut werden müssen, wie Gefängnis sein", sagt er.

Deshalb wollte Dorn ein wenig Farbe in das Leben der Bewohner bringen. Farbe in einer Zeit, in der der Alltag in so einem Heim schwer für die Menschen geworden ist, die sich ohnehin nicht mehr ganz so frei und unbeschwert bewegen können wie früher, als sie noch jünger und gesünder waren. Das probate Mittel, ihnen Wohlbefinden zu vermitteln, also alle Angebote in Sachen sozialer Betreuung und Unterhaltung, wie es im Fachjargon heißt, sind durch die Corona-Krise massiv eingeschränkt worden. Dabei spielt genau das - neben der physischen Pflege - eine wichtigen Rolle im Alltag der pflegebedürftigen Menschen.

Eine so große sogar, dass die sogenannte soziale Betreuung Bestandteil jeder Pflegeheimrechnung ist und von den Krankenkassen unterstützt und getragen wird. Daher wird es auch kaum ein Heim geben, in dem man sich dessen nicht bewusst ist. "Wir versuchen aus diesem Grund auch in diesen Zeiten alles, was irgendwie geht", sagt daher der Bereichsleiter Senioren und Pflege vom Bayerischen Roten Kreuz, Marcus Wicke.

Doch die Sorgen sind groß. Es fehlt in den Heimen an Ausrüstung. "Wir haben noch ungefähr 5000 Schutzmasken für die nächsten Wochen", sagt Wicke. Klar, das Landratsamt sei extrem bemüht, für Nachschub zu sorgen, ebenso der Bezirk. "Die Beschaffung ist eigentlich zentralisiert, aber auch wir suchen nach Quellen, um an Schutzausrüstung zu kommen", so Wicke. Denn genau das ist das Problem: Angst. Angst davor, dass Mitarbeiter den Virus einschleppen. Denn: "Haben Sie den einmal im Haus, dann wird das wie ein Flächenbrand, Sie haben keine Chance."Deshalb habe man beim BRK schon frühzeitig ein rigoroses Besuchsverbot erlassen, einen Tag bevor der bayerische Ministerpräsident Markus Söder seine Ausgangsbeschränkungen verkündete. "Trotzdem wäre es gut und wichtig, wenn alle Schutzmasken tragen könnten", meint Wicke auch im Hinblick darauf, dass es für Pflegekräfte bislang noch keine präventiven Tests gibt. Und im Hinblick auf die Heime in München, in denen das Virus bereits grassiert.

Frühlingsgrüße von Gärtner Stefan Dorn, Inhaber der Andechser Gärtnerei "Manufaktur für Grünes".

(Foto: Arlet Ulfers)

Panikmache ist aber beim BRK nicht angesagt - und ungefähr genauso gefürchtet wie das Virus selbst: "Lassen Sie uns sachlich darüber sprechen", sagt denn auch die Leiterin der Sozialen Betreuung beim BRK, Christine Gunz-Kahlau immer wieder. Sie verhehlt aber nicht, dass vieles schwierig geworden ist. Sie erzählt von Angehörigen, die sich unter die Balkone des BRK-Heims stellen, damit sie die Gesichter der Lieben wenigstens aus der Ferne persönlich sehen könnten. Dabei seien viele Bewohner ohnehin sehr einsichtig, erzählt sie. Viele zögen sich freiwillig in ihre Zimmer zurück, mieden den Kontakt zu anderen.

Dennoch ist die Sehnsucht nach Sozialleben groß. Beim BRK versucht man, den Pflegebedürftigen noch überschaubare Abwechslung zu bieten. Aber nichts ist mehr wie vor Corona. Da gab es die Besuche von Angehörigen, Freunden, Organisationen. Und da war auch das recht abwechslungsreiche Programm, das den Alltag in den Heimen bestimmte: Kinoabende, Singkreise, Gymnastik, Vorträge, Musikabende und Gottesdienste. Es wurde miteinander gekocht und miteinander gegessen. Es gab Unterhaltung, die je nach "Fähigkeiten und Interessen", so Gunz-Kahlau, wohnbereichsweise, also stockwerkweise, angeboten wurden, und da waren die Programmpunkte, bei denen sich auch die Bewohner quer über alle Etagen trafen.

Das ist das Konzept. Normalerweise. Doch seit gut zwei Wochen ist alles anders. Weil ältere Menschen Risikopatienten sind und weil die Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus so groß ist, sind die Unterhaltungsangebote in den Heimen massiv heruntergefahren worden. Für die Mitarbeiter bedeutet das, selbst aktiv zu werden, sich corona-sichere Beschäftigungsprogramme für die Bewohner einfallen zu lassen - oder Angebote, die sich normalerweise an größere Gruppen richten, auf wenige Teilnehmer zu beschränken, wie Gunz-Kahlau sagt. Denn ohne jede Bespaßung geht es nicht: "Das Leben wäre viel zu eintönig, das Miteinander und die soziale Betreuung sind wichtig für das Selbstwertgefühl und die Psyche."

Pflegeheim

Der Gärtner verschenkt an die Bewohner des Garatshauser Altenheims mehr als 100 Primeln und Narzissen.

(Foto: dpa)

Wenn alles wegfallen würde, würde die psychische Labilität schnell massiv steigen, davon ist sie überzeugt. Deshalb bietet Garatshausen zum Beispiels Ratespiele an, aber in großem Abstand und nur für zwei bis vier Leute: "Diese Angebote gibt es dafür häufiger." Ebenso wie Gymnastik oder Spazierengehen: "Da geht dann immer ein Betreuer mit einem Bewohner und das dann eben nur eine Viertelstunde lang - das geht wie am Fließband." Denn frische Luft und Bewegung sei auch für ältere Menschen für die Immunabwehr, die Lungen und die Mobilität wichtig, die es zu erhalten gelte. Die Bewohner zeigten für vieles großes Verständnis. "Es gibt zum Glück ja auch Telefon, mit denen sie Kontakt zu ihrer Familie halten können", sagt Gunz-Kahlau. Doch nicht alle haben Familie oder Freunde, die sich für sie interessieren oder ihre Zuwendung auf diese Weise zeigen.

Und das bestreitet auch Gunz-Kahlau nicht. Deshalb sei die Sache mit den Blumen von der Gärtnerei Dorn auch so eine "schöne Geste" gewesen. Eine Mitarbeiterin von ihr, Eva Spiegelburg, lebe in Andechs, kenne die Dorns, erzählt sie. Und sie habe das initiiert, wohlwissend, dass die Gärtnerei nun viele ihrer Waren nicht verkaufen könne. Für Dorn, und so sagt er das auch selbst, sei das eine "Win-win-Situation für alle". Für die Bewohner an diesem Tag war es jedenfalls ein großes Glück. Eine von ihnen, "Frau B.", wie sie Gunz-Kahlau nennt, sei immer schon eine große Blumenliebhaberin gewesen, erzählt die Sozialbetreuerin. Täglich sei sie im weitläufigen Schlosspark unterwegs, um Blumen, Gräser und Äste als Schmuck für ihr Zimmer zu sammeln: "Sie war von dem bunten Blumenmeer so überwältigt, dass sie das Lied "Tulpen für Amsterdam" anstimmte.

Aber schon Tage vor der Übergabe, am Montag, sei Erstaunliches passiert: In der Erwartung der Blumenpracht hätten sich angeregte Gespräche entwickelt über Pflanzen und den Frühling, über das, was man derzeit im Garten anpflanzen könne, und über das, womit man warten müsse bis nach den Eisheiligen, erzählt Gunz-Kahlau. Und genau dieser Austausch habe "den Selbstwert wieder gestärkt und die Lebensqualität gefördert". Und ein bisschen Farbe ins Heim zurückgebracht.

© SZ vom 07.04.2020

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