Feldafing Der Albtraum von den eigenen vier Wänden

Sieht von außen respektabel aus, ist aber innen noch immer Baustelle: ein Mehrfamilienhaus in Feldafing, das zum Streitfall geworden ist.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Die Bauarbeiten an einem Mehrfamilienhaus ziehen sich wegen Firmenpleiten und Klagen seit fünf Jahren hin - für die Käufer ein Fiasko.

Von Martina Grießbacher, Feldafing

Wie aus dem Traum vom Eigenheim ein nicht enden wollender Albtraum werden kann, dafür ist die Bauruine im Ortszentrum von Feldafing ein Beispiel. Die Bauarbeiten an dem Mehrfamilienhaus dauern bereits knappe fünf Jahre an; fertiggestellt ist das Gebäude bis dato noch immer nicht.

Doch die Baustelle auf dem Grundstück gibt es schon viel länger: Vor mehr als zwölf Jahren war dort das Gebäude, in dem zuvor die Feldafinger Post ihren Sitz hatte, abgerissen worden. Seitdem war diese Grube Teil des Ortsbildes. Spöttisch wurde sie auch als "Schwimmbad" bezeichnet, weil sie im Laufe der Zeit öfters voll Wasser lief. Mit dem Start des aktuellen Bauprojekts sollte die Geschichte endlich der Vergangenheit angehören. "Schwimmbad" ist das Grundstück heute zwar keines mehr - seit Baubeginn bringen aber ganz andere Dinge Probleme.

Wäre alles nach Plan gegangen, dann wäre die Wohnung von Reingard Sorgenfrei aus Stockdorf als eine der ersten bezugsfertig geworden. Ende September 2014 sollte es so weit sein, doch zu diesem Zeitpunkt begannen die Bauarbeiten gerade erst. Die Errichtung des Wohnhauses kam nie richtig in die Gänge - mehrere Baufirmen gingen währenddessen pleite. Dann übernahm ein Bauträger aus dem Schwarzwald das Projekt. Die Arbeiten gingen trotzdem nur schleppend voran, angeblich weil der Mann die Rechnungen der von ihm beauftragten Bauunternehmen nicht beglich. Wenig später schlitterte auch diese Firma in die Pleite. Im Dezember 2018 wurde das Insolvenzverfahren eröffnet. So verstrich immer mehr Zeit, und die Fertigstellung der zehn Wohnungen und der Gewerbeeinheit im Erdgeschoss rückte immer weiter in die Ferne. Doch das ist offenbar nur die Spitze des Eisbergs: Die Bauarbeiten seien nicht nur verzögert, sondern auch zu großen Teilen nicht ordnungsgemäß durchgeführt worden, sagt Jochen Twiehaus vom gleichnamigen Ingenieurbüro aus Tutzing.

Um diese Odyssee zwischen Terminverschiebungen und Mietersatzzahlungen so schnell wie möglich zu beenden, haben sich die Käufer der zehn Parteien nun zusammengetan. Wie von den betroffenen Personen zu erfahren ist, soll in dieser Causa so einiges nicht mit rechten Dingen zugegangen sein.

"Ich weiß nicht, wie viele Nächte ich wegen all dem schon nicht geschlafen habe", berichtet Riccardo Lavorerio, der mittlerweile seit mehreren Jahren eine finanzielle Doppelbelastung stemmen muss: die Miete für eine Wohnung in München und die Raten für seine noch immer nicht fertiggestellte Eigentumswohnung in Feldafing. Die Gesamtkosten für alle zehn Parteien des Hauses belaufen sich laut den Kaufverträgen auf etwas mehr als vier Millionen Euro. Etwa 3,5 Millionen Euro haben die Käufer nach eigenen Angaben in mehreren Raten im Laufe der vergangenen Jahre bereits bezahlt. Die Bauverzögerung habe sie bisher etwa 250 000 Euro gekostet, beispielsweise für Mieten und Lagerkosten. "Seit mittlerweile drei Jahren ist der Großteil meiner Sachen eingelagert", erzählt Christian Waxenberger, der wegen eines vermeintlich bevorstehenden Umzugs seine Wohnung in München aufgegeben hat und seitdem in einem 16 Quadratmeter großen Zimmer lebt. "Es ist ein Desaster", sagt auch Nico Hamaus aus München. Seine Mutter hatte im Jahr 2012 den Kaufvertrag für ihre Wohnung unterschrieben, etwa zwei Jahre später sollten die Räume bezugsfertig sein. Hamaus' Großmutter sollte dort einziehen, doch durch die Verzögerungen beim Bau kam alles anders. "Inzwischen sind meine Oma und auch meine Mutter verstorben", sagt Hamaus.

Im Inneren des Gebäudes ziehen sich die Bauarbeiten seit fünf Jahren in die Länge.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Die Käufer, die inzwischen eine Wohnungseigentümergemeinschaft ins Leben gerufen haben, werfen dem Bauträger, dessen Insolvenzverwalter und der involvierten Bank vor, seit der Pleite zusammenzuarbeiten, um die Fertigstellung des Objekts durch verschiedene Maßnahmen zu behindern und zu verzögern. Zudem soll der Bauträger durch ein kompliziertes Firmengeflecht gewerbsmäßigen Betrug betreiben, so der Vorwurf. Aus diesem Grund haben die Eigentümer bei der Polizei Starnberg Anzeige gegen den Bauträger erstattet, der Fall wird aktuell bei der Abteilung für Wirtschaftskriminalität in Fürstenfeldbruck behandelt. Zudem wurde eine Beschwerde über das Verhalten der Bank bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht und eine Aufsichtsbeschwerde gegen den Konkursverwalter beim zuständigen Gericht eingebracht.

Doch der Insolvenzverwalter weist alle Vorwürfe gegen ihn zurück. Was seine Rolle in diesem Fall betrifft, gebe es bei den Eigentümern ein großes Missverständnis. "Ich vertrete die Interessen des Bauträgers. Ich muss Dinge tun, die wirtschaftlich sind", stellt er klar. Er hatte auch einen Plan: Nachdem die bestehenden Kaufverträge aufgelöst wurden, sollte die gesamte Immobilie verkauft und den Betroffenen mit dem Erlös ihr bereits investiertes Geld zurückgezahlt werden. "Mit dieser Lösung wären die Käufer mit einem blauen Auge davongekommen", erklärt er. Auch wenn er nicht verstehe, warum sein Angebot nicht angenommen wurde, habe er kein Interesse daran, etwas zu blockieren, und auch zu keiner Zeit versucht, das Projekt zu behindern. "Ich kann die Vorwürfe gegen mich nicht nachvollziehen", sagt der Insolvenzverwalter.

Auch das Engagement des Ingenieurbüros Twiehaus ist ein Streitpunkt. Dieses wurde zu Beginn des Insolvenzverfahrens vom Insolvenzverwalter beauftragt, das Objekt zu begutachten und den Baufortschritt festzustellen. Da Twiehaus einige Zeit später auch den Auftrag für die Fertigstellung des Mehrparteienhauses von der Eigentümergemeinschaft erhalten hat, soll er die Erkenntnisse aus der Begutachtung, die der Insolvenzverwalter bezahlte, als Grundlage für seine Baupläne benutzt haben. Der Insolvenzverwalter reichte deshalb eine Unterlassungsklage gegen Twiehaus ein.

Der Bauträger war trotz mehrmaliger Anfragen für ein Statement nicht zu erreichen. Die beteiligte Bank verwies auf das Bankgeheimnis und äußerte sich nicht zu dem Fall.

Momentan wird in Feldafing wieder gebaut. Die Wohnungseigentümer setzen alles daran, dass das Gebäude so schnell wie möglich fertiggestellt wird. Doch dafür müssen sie noch mal Geld in die Hand nehmen, auch um vorangegangene Arbeiten nachzubessern. Insgesamt werde noch rund eine Million Euro investiert werden müssen, schätzt Twiehaus. Und es wird auch noch einige Monate dauern, bis das Haus schlussendlich bezugsfertig ist - ganz zu schweigen davon, wie lange sich die Rechtsstreitigkeiten noch hinziehen werden.

Auch für die Gemeinde Feldafing ist es das oberste Ziel, das dort möglichst bald jemand einzieht. "Seit ich Bürgermeister bin, gibt es diesen Schandfleck mitten im Ort. Es wird Zeit, dass es endlich zu einem vernünftigen Abschluss kommt", sagt Bürgermeister Bernhard Sontheim.