In der Werkstatt riecht es nach frischem Holz. Mehrere Werkbänke sind aufgestellt. Auf ihnen liegen Holzstücke und angefangene Schnitzereien. Unzählige Messer in verschiedenen Größen hängen ordentlich sortiert im Kasten. Dazwischen stehen Maschinen wie eine Drehbank und mitten im Raum ein Holzofen, der mit den Spänen und Holzabfällen gefüttert wird. Man könnte meinen, man besucht Schreinermeister Eder und seinen Kobold Pumuckl.
Doch die Werkstatt in Hadorf bei Starnberg ist keine Schreiner-, sondern eine Schnitzerwerkstatt. Auf Regalen, Tischen, in Vitrinen und an der Wand stehen und hängen unzählige Arbeiten von Martin Reichart: Ein Heiliger Florian mit gefalteter bayerischer Fahne, winzige Krippen, einmal in einer getrockneten Granatapfelschale und einmal in einer Wurzel, dazu eine Sonnenblume mit filigranen Blütenblättern.
Am liebsten schnitzt Reichart Lindenholz. Es hat eine gleichmäßig weiche Struktur, im Gegensatz zur Fichte mit ihren harten und weichen Jahresringen. Aktuell ist er dabei, ein grobes Stück Zirbenholz in einen Ochsen zu verwandeln. Vorsichtig klopft er mit dem Knüpfel, einer Art Schlägel, auf das Schnitzmesser, um eine Kerbe in das Holz zu schlagen. Zirbenspäne fallen zu Boden. Ein fertiger Ochse liegt als Muster daneben. Die runden Ohren stehen ab, die Muskeln sind fein definiert. Das Tier hat einen freundlichen Ausdruck.
Egal, ob Tier oder Mensch: Gesichter sind Reicharts Spezialität. In einem großen Krippenschrank stehen seine jüngsten Schnitzarbeiten. Neben der Heiligen Familie sieht man Hirten und Holzarbeiter. Sie haben Charakterköpfe, jede Figur einen individuellen Gesichtsausdruck. Es ist wohl diese Fähigkeit, die Reichart einen ungewöhnlichen Auftrag beschert hat.


Wenn die Herrgottschnitzer aus Oberammergau den perfekten Fußballer schnitzen würden, dann würde der FC-Bayern-Star Thomas Müller herauskommen, sagte Sportfunktionär Karl-Heinz Rummenigge einmal flapsig. Der Verein nahm das wörtlich und gab den Auftrag an Reichart weiter. Der Sportler sollte mit einem Bein auf einem Fußball stehen und mit Trikot, Lederhose, Janker, Haferlschuhen und Hut bekleidet sein. Den Hut strich Reichart gleich. „Das Typische am Müller sind doch seine Haare“, sagt er. Das machte den Auftrag nicht einfacher, denn egal welches Foto oder welchen Fernsehbeitrag er ansah, „die Frisur von Müller war immer etwas anders“. Reichart entschied sich für den etwas zerzausten Look mit einem nach oben gerichteten Haarschüppel.


Der geschnitzte Fußballstar war im Frühsommer fertig, doch da die Figur zu Müllers Rekordspiel überreicht werden sollte, fand die Übergabe erst im November statt. Beim Champions-League-Spiel gegen Dinamo Zagreb in der Münchner Allianz-Arena war es dann soweit. Müller, der als Junior beim TSV Pähl gekickt hatte, bestritt sein 710. Vereinsspiel und hatte damit Torwart-Legende Sepp Maier überholt. Feierlich wurde die 40 Zentimeter große Figur auf dem Rasen überreicht. Schnitzer Reichart und Maler Franz Schindler aus Froschhausen waren als Ehrengäste geladen.
Noch heute leuchten Reicharts Augen, wenn er von dem Gefühl erzählt, auf dem Rasen zu stehen und von 70 000 Fußballfans bejubelt zu werden. Das Jubiläumstrikot mit der Nummer 5 und Müllers Unterschrift hat einen Ehrenplatz in der Werkstatt, obwohl Reichart eigentlich ein „Blauer“ ist, wie der TSV-1860-Schokoosterhase auf dem Regal belegt.


Der Auftrag bescherte dem Schnitzkünstler schlaflose Nächte. Den passenden Gesichtsausdruck zu finden, war eine Herausforderung, der musste anhand dutzender Fotografien gefunden werden. Klar war nur, dass Müller lächeln sollte. Am Ende kam Reichart auf 80 Stunden Schnitzarbeiten, dazu unzählige Fotostudien und 20 Stunden Formen am Modell. Die Plastilinfigur steht in der Werkstatt in der Nähe einer König-Ludwig-Büste – auch eine Auftragsarbeit. Ein Königstreuer wollte den König Ludwig ohne Kinnbart, „so wie er zuletzt aussah“, erklärt Reichart.
Das Handwerk hatte Reichart schon als Jugendlicher gelernt. Mit 16 Jahren begann er seine Ausbildung an der Staatlichen Berufsfachschule für Holzbildhauer und Schnitzer in Oberammergau. Drei Jahre arbeitete er danach dort bei einem Schnitzer, bevor er Anfang der Neunzigerjahre nach Hadorf zurückkehrte und sich selbständig machte. Aus dem Kuhstall neben dem Elternhaus wurde eine Werkstatt. Die Landwirtschaft betreibt Reichart immer noch im Nebenerwerb. Auf den Feldern baut er Getreide an, im Sommer weiden Pensionsrinder auf seinen Wiesen und aus dem Wald holt er Holz. Die Kontakte nach Oberammergau sind bis heute geblieben.


Sein Vorbild ist der 1602 in Weilheim geborene Bildhauer und Schnitzer Georg Petel. Reichart zieht aus dem Bücherschrank einen dicken Bildband heraus und zeigt auf Fotos von Zeichnungen und Figuren. Die Gesichter zeigen eine eindrucksvolle Intensität und Detailtreue. „Einfach großartig“, schwärmt Reichart und gibt zu, dass er sich immer wieder Details von dem Künstler aus dem Frühbarock abschaut.
Er selbst ist ein Fan der barocken Vergänglichkeit. In der Werkstatt sieht man mehrere geschnitzte „Tödleins“. Es sind Knochenmänner, teilweise mit Hautfetzen, die den Tod personifizieren. Manche haben eine Sense dabei oder sitzen auf einem Pferd. Ein mannshohes Anatomie-Skelett steht als Anschauungsobjekt in einer Ecke. Seinem Sohn hat Reichart als Schaltknauf im Auto einen Totenkopf geschnitzt – quasi als Memento mori an das endliche Leben. Auf die hölzernen Grabtafeln für den Friedhof schnitzt Reichart aber keine barocken Skelette, sondern Lebensbäume oder die betenden Hände von Dürer, wie es der Kunde eben wünscht.
Nichts gibt es zweimal. Alle Arbeiten sind Unikate
Reichart hat keine Webseite und keine Auftritte in den sozialen Medien. Seine Aufträge bekommt er meist über Mundpropaganda. Mal soll er für die Hauskrippe einen Esel schnitzen, der in eine bestimmte Richtung schaut, dann einen Hirten in einer bestimmten Pose – und manchmal soll die Figur wie der Auftraggeber oder eines seiner Familienmitglieder aussehen. Reichart holt sein Fotobuch und zeigt auf die Holzfigur, die den Großvater zeigt, oder auf das Ensemble mit Oma und den Enkelkindern. Im Gegensatz zu der Massenware, die oft angeboten wird, sind es bei Reichart persönliche Unikate.
„Meine Geschäftsnische ist die Auftragsarbeit, die Sonderanfertigungen und -größen.“ Das hat seinen Preis. Wenn man jedoch die Stunden berechnet, die der Perfektionist Reichart aufwendet, ist der Stundenlohn recht mager. Für einen Ochsen braucht er beispielsweise zehn Stunden. Wenn es seine knappe Zeit erlaubt, dann schnitzt Reichart eigene Krippenfiguren. Er möchte einen Raum der Werkstatt als Ausstellungsraum einrichten.
Doch das Schnitzhandwerk ist heute nicht mehr so nachgefragt. In den Neunzigerjahren hat Reichart viel auf Weihnachtsmärkten verkauft. „Das geht heute nicht mehr so leicht“, bedauert er. Die traditionellen Familienkrippen, die von Generation zu Generation weitervererbt werden, liegen nicht mehr im Trend. Vielleicht wäre eine Krippe voller Fußballstars eine neue Geschäftsidee.

