Familienleben im Hause Wittelsbach Der Märchenkönig und sein Bruder

Jean Louis Schlim beleuchtet die schwierige Beziehung zwischen Ludwig II. und Otto I.

Von Sylvia Böhm-Haimerl, Pöcking

Sie hätten nicht unterschiedlicher sein können. Was sie jedoch verband, war ihre tragische Regentschaft: Die bayerischen Könige Ludwig II. und Otto I. Vor zwei Jahren hat der Autor und Ludwig-Kenner Jean Louis Schlim das Buch "Im Schatten der Macht" über Otto I. verfasst. Die Chefin des Kaiserin-Elisabeth-Museums in Possenhofen, Rosemarie Mann-Stein, hatte daraufhin den Anstoß gegeben, die Beziehung der beiden Brüder zueinander zu untersuchen. Schlim kam am Samstag nach Pöcking, um erstmals seine Erkenntnisse zu diesem Thema zu präsentieren. "Es ist die Tragödie großer Leute, die isoliert sind", so das Fazit des gebürtigen Luxemburgers, der 1977 nach München zog, um vor Ort über die Wittelsbacher-Familie forschen zu können.

Ludwig (links) und Otto mit ihren Eltern.

(Foto: Nila Thiel)

König Ludwig II. wurde zum Kronprinzen erzogen, ihm wurde immer gesagt, er sei etwas Besonderes. "Ludwig wurde getrimmt auf seine Rolle als autokratischer Fürst", erklärte Schlim. Er sei eitel gewesen, träumerisch und kreativ, er zeichnete gut und konnte die gesamte Werke Schillers auswendig. Er war 1,93 Meter groß, gutaussehend und schlank. Otto war nur 1,70 Meter groß, blond, extrovertiert und praktisch. Er schaute zu seinem Bruder auf. Otto liebte Spiele und nahm an Maskeraden teil, das tat Ludwig nie. Otto liebte das Soldatenleben und ist auf allen Fotos als Jugendlicher mit einem Gewehr zu sehen. Ludwig indes liebte das Theater und Wagner und hasste die Jagd und alles Militärische. Er zog sich in seine Träumereien zurück, während Otto die Welt des Amüsements und die Tänzerinnen am Gärtnerplatztheater bevorzugte. Laut Schlim war Otto "ein bisschen ein Draufgänger". In Spanien konnte nur mit viel Geld ein Duell verhindert werden.

Jean Louis Schlimm ist eigentlich Luxemburger. Aber er ist nach München gezogen, um näher an den Wittelsbachern zu sein. Über das Adelsgeschlecht forscht er seit vielen Jahren.

(Foto: Nila Thiel)

Fest steht für Schlim: Das Leben der beiden Prinzen war kein Zuckerschlecken. Weil ihre Mutter Königin Marie nichts mit ihren Kindern anfangen konnte und ihr Vater König Maximilian II. nicht wusste, was er mit seinen Söhnen reden sollte, wurden die beiden Prinzen von den Hofdamen erzogen. Später übernahm der Soldat Graf de la Rosé die Erziehung. Ludwig liebte seinen Bruder zwar, sah ihn aber eher als seinen Stellvertreter. "Möglicherweise plante er, dass Otto die Regentschaft übernimmt, weil er selbst nicht regieren wollte", glaubt Schlim. Doch Otto wurde immer wunderlicher, bis er wegen "Schwermut" in Schloss Fürstenried eingeschlossen wurde. "Es war tatsächlich Schizophrenie", erklärte der Autor. Ludwig distanzierte sich von seinem Bruder. Offenbar befürchtete er, dass mit ihm auch etwas nicht stimme, glaubt Schlim. Denn er habe sogar seinen Leibarzt Bernhard von Gudden befragt, ob ihn das gleiche Schicksal treffen könne. Vom Cousin der beiden Brüder, Ludwig III., kommt Gegenwind. Er sei überzeugt gewesen, er sei der bessere König, sagte Schlim. Immer wieder stänkerte er gegen Ludwig II. Schlim: "Ludwig III. setzte alles daran sich selbst an die Macht zu bringen."

Nach dem Tod Ludwig II. wurde Otto I. König, regierte aber nie, weil er dazu nicht fähig war. Prinzregent Luitpold führte für ihn die Amtsgeschäfte fast 30 Jahre lang. Erst nach dem Tod des Prinzregenten 1912 gelang es Ludwig III., an die Macht zu kommen - für wenige Jahre bis zur Revolution 1918.