Amtsgericht Starnberg Familie lebt jahrelang mit falscher Identität - und steht nun vor dem Nichts

  • 14 Jahre lang führte ein ukrainisches Ehepaar in Pöcking mit seinen Kindern unter falschem Namen ein gutes Leben.
  • Weil es das schlechte Gewissen plagte, zeigte es sich selbst an und wurde unter anderem wegen des verbotenen dauerhaften Aufenthalts zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.
  • Ob die Familie nun weiter in Deutschland leben darf, ist fraglich.
Von Christian Deussing

Das Paar hat in Pöcking viele Freunde. Der Mann gründete eine kleine Firma für Trockenbau, die achtjährige Tochter ist eine gute Schülerin, und ihr kleiner Bruder spielt im Waldkindergarten. Eine glückliche Familie, die am Starnberger See heimisch wurde. So scheint es zumindest, denn die beiden Pöckinger hatten ein Geheimnis, unter dem sie immer stärker litten: Sie leben seit 14 Jahren illegal unter falschen Namen in Deutschland. Das Paar war mit gefälschten litauischen EU-Pässen aus ihrer Heimat Ukraine, die nicht zur EU gehört, über Tschechien eingereist und zunächst drei Jahre in Leipzig geblieben. Dann zog es den Handwerker mit seiner Partnerin ins Fünfseenland und er baute sich eine florierende Existenz in Pöcking auf.

Doch das schlechte Gewissen, hier unter falscher Identität den Freunden, Kollegen und Behörden etwas vorzuspielen, nagte an den Angeklagten, die sich wegen unerlaubten Aufenthalts am Donnerstag vor dem Amtsgericht Starnberg verantworten mussten. Sie hatten den Druck nicht mehr ausgehalten und erstatteten vor einem Jahr eine Selbstanzeige, um reinen Tisch zu machen - und um nicht ihre Kinder mit der "Lebenslüge zu belasten", wie es die Verteidiger formulieren. Nun könnte die Familie alles verlieren.

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Er habe jeden Tag Angst gehabt, dass der Schwindel auffliegen könnte. "Die Situation wurde für uns irgendwann unerträglich", erzählt der 44-jährige Trockenbauer, dem die Arbeitserlaubnis entzogen worden ist. Seine Familie muss seit einem Jahr von den Ersparnissen leben und das Geld wird knapp. Trotzdem hat der Mann nie Sozialhilfe beantragt. Seinen ukrainischen Führerschein musste der Familienvater nach einer Verkehrskontrolle bereits abgeben. Der Schein ist zwar echt, aber nicht auf den neuen Wohnort umgeschrieben.

Richter Franz von Hunoltstein fragt den Ukrainer, warum er nach seiner Abschiebung Ende der Neunziger erneut unbedingt nach Deutschland wollte? Der Mann berichtet, zwar nicht politisch verfolgt gewesen zu sein, aber mit dem "System und der Korruption" in der zerfallenen Ukraine nicht klargekommen zu sein. Und er habe trotz eines sehr guten Zeugnisses keinen Job erhalten. "Wir fühlten uns dort wie Aliens und wollten nach den Leipziger Jahren in Bayern Fuß fassen", betont der 44-Jährige vor Gericht. Seine Aussagen wirken glaubhaft und nicht wehleidig - trotz der äußerst ungewissen Zukunft, hier weiter leben und wie früher arbeiten zu dürfen.

Denn noch ist unklar, ob die Starnberger Ausländerbehörde gewillt ist, die Duldung nochmals um drei Monate zu verlängern oder eine Arbeitserlaubnis zu erteilen. Es gibt noch keine endgültige Entscheidung, doch die Anwältin des Kleinunternehmers befürchtet, dass die Familie ausreisen muss. Das Paar habe immer auf ein Einwanderungsgesetz gehofft, das seinen Status wohl legalisiert hätte. Doch es kam nicht dazu, und die Neubürger saßen in der Falle ihrer falschen Identität.

Wegen des verbotenen dauerhaften Aufenthalts und unerlaubten Fahrens ohne gültigen Führerschein wurde der Wahl-Pöckinger zu einer neunmonatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt; die Frau zu einem Monat weniger. Der Handwerker und seine 41-jährige Partnerin müssen zudem 120 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Das reumütige Paar nimmt das Urteil fast dankbar an, weil es spürt, dass der Richter wohlwollend ist. Er müsse aber diesen langen illegalen Aufenthalt bestrafen, um ein Zeichen zu setzen. Denn der Staat und die Ausländerbehörde sei auf richtige Personalien angewiesen, erklärte von Hunoltstein. Dieses Verfahren sei jedoch ein ganz besonderer Fall - mit "Muster-Angeklagten", die sehr gut integriert seien und sich vorbildlich verhalten würden. Er habe zwar keinen Einfluss darauf, würde es aber begrüßen, wenn das Paar hier bleiben dürfte.

Das würden sich auch viele Pöckinger wünschen, die sich engagiert für die Familie einsetzen.