Experimentelle Musik:Besessen von Ragas

Vor vier Jahren hat der Weilheimer Reiner Heidorn eine alte Sitar entdeckt - seitdem hört er nicht mehr auf zu üben.

Mareike Philipp

Fernöstliche Lebensphilosophie ist schwer in Mode. Halb Hollywood rennt zum Yoga, halb München übrigens auch. Begonnen hat der Boom in den sechziger Jahren, als sich verschrobene Weltenbummler im Dienste der Sinnsuche auf den Weg machten, um den Orient zu entdecken. Mit der Philosophie kamen auch die Musik und exotische Instrumente nach Europa und Amerika, mit denen die Pioniere der experimentellen Musik begannen, westliche Klangstrukturen und Vorstellungen zu sprengen.

Weilheim Heidorn

 Vor vier Jahre entdeckte Reiner Heidorn eine alte Sitar bei einem Freund auf dem Dachboden.

(Foto: Georgine Treybal)

Sie brachten von ihren Reisen aus Indien und Nordafrika traditionelle Instrumente mit und flochten deren fremde Klänge in ihre Musik ein. Eines der bekannteren dieser Instrumente ist die Sitar, eine Art Laute mit langem Hals und bis zu 21 Saiten. Einen ihrer großen Auftritte in der westlichen Popmusik hatte sie in dem Stones-Klassiker "Paint it Black", gespielt von Brian Jones.

Seitdem ist immer wieder der eigenwillig schnarrende Ton der Sitar zu hören, in der allgegenwärtigen Weltmusik, bei Goa und Fusion. Doch so weltoffen die Popmusik manchmal sein kann, so oberflächlich ist sie meistens auch, denn mit der klassischen Kunst des Sitar-Spielens hat das Ganze wenig zu tun.

"Die können keine Ragas spielen, und sie haben den theoretischen Auftrag, der dahinter steht, nicht geschafft," sagt dazu Reiner Heidorn. Um diesen Auftrag zu ergründen, bedarf es der hartnäckigen Versenkung in Theorie und Geschichte, Bedeutung und natürlich Handhabung des komplizierten Instruments - dazu bleibt dem Pop selbstverständlich keine Zeit. Das sieht man daran, dass es in ganz Europa kaum eine Handvoll Menschen gibt, die das klassische Sitarspiel beherrschen.

Einer von ihnen wohnt in Weilheim. Erst vier Jahre ist es her, dass Reiner Heidorn eine alte Sitar bei einem Freund auf dem Dachboden entdeckte. Seitdem ist er wie besessen von dem Instrument. Er übt täglich vier bis acht Stunden, wälzt Bücher über die Bedeutungen der Töne und hat das Glück, dass der Einzige, der in ganz Deutschland auf dem sehr schweren und seltenen Niveau Etawa Gaharana spielt und lehrt, in München lebt. So muss Reiner Heidorn zum wöchentlichen Unterricht nicht so weit fahren, obendrein ist er der einzige Schüler des bald 70-jährigen Japaners Tetsuo Nihei, der das Instrument auf sehr rationelle und klassische Art und Weise lehrt.

"Die meisten, die das Spielen lernen wollen, kommen zweimal und dann nie wieder," weiß Heidorn. Sitar-Stücke sind sperrig und lang für jemanden, der nichts darüber weiß. Deshalb will der 44-jährige Künstler aus Weilheim seine Musik verständlich machen, oft gibt er vor den Konzerten eine kurze Erläuterung, damit die Gäste während des Konzerts dann auch da bleiben. "Für Uneingeweihte ist das oft furchtbar", erzählt der Musiker, der in Weilheim eigentlich bisher nur als Maler bekannt war. Es gibt im klassischen Sitarspiel keine Lieder. Es gibt Ragas, die aus fünf bis sieben Tönen bestehen und daraus wird ein bis zu drei Stunden dauerndes Stück gebaut. "Während der etwa dreiviertelstündigen Einleitung sind die Töne eher unrhythmisch und meditativ, sozusagen eine emotionale Hinführung, dann wird es immer schneller und rhythmischer," sagt der Künstler. "Es gibt zirka 300 Ragas, davon hat jedes einzelne ein bestimmtes Wesen und wird nur zu einer bestimmten Tages- oder Nachtzeit gespielt. Wenn man es ernst meint. Um ein Raga zu erlernen, braucht man ein bis zwei Jahre täglichen Übens. Ich kann zweieinhalb, ein alter indischer Sitarspieler, der sein Leben lang nichts anderes gemacht hat, kann vielleicht zehn Ragas perfekt spielen."

Pro Monat gibt der 44-Jährige etwa vier klassische Konzerte, als Kontrastprogramm kombiniert er unter dem Namen Ragamatic mit dem Schlagzeuger Jörg Regenbogen sein Sitarspiel mit wummernden Elektrobeats, was für das Publikum leichter zugänglich ist. Und obwohl der Musiker oft in Yogazentren spielt, hat für ihn das Ganze weniger mit Esoterik zu tun, als mit eisenharter Disziplin. "Das Instrument hat einen Sinn, der erfüllt werden muss. Das sehe ich als eine Art Ehrenauftrag an: Es nach bestmöglichem Können zu spielen." Sein Können möchte er auch gerne weitergeben, Interessierte können daher bei ihm Unterricht nehmen - vorausgesetzt, sie verfügen über genügendAusdauer.

Mit Ragamatic wird Reiner Heidorn bald wieder zu hören sein, das nächste Mal am 5., 6. und 7. November mit der Bühnenshow "Vogelfrei" im Stadttheater Weilheim.

© SZ vom 23.10.2010
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