Segel-ExperimentAuf den Spuren der alten Ägypter

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Dominique Görlitz schippert mit seinem Schilffloß "Dilmun S" über den Starnberger See. Er will Sponsoren für seine waghalsigen Fahrten auf den Weltmeeren gewinnen.

Von Otto Fritscher, Starnberg

Ein viereckiges Ra-Segel, zwei Rümpfe aus Schilfbündeln, von Hanfseilen zusammengehalten, ein Deck aus Holzplanken und als Mast zwei Fichtenstämme, an den vier Ecken neun Bretter, die ins Wasser hinuntergelassen und wieder heraufgezogen werden können, dienen als Schwerter. Dilmun S heißt dieses urtümliche Floß, das Dominique Görlitz gebaut hat. Als Vorbild dienten Flöße, mit denen die Ägypter um das Jahr 3500 vor Christus bereits Südamerika erreicht haben sollen, davon ist Görlitz überzeugt. Oder die Ägypter kannten zumindest Handelsreisende, die mit diesen Flößen Tabak ins Pharaonenreich brachten, sagt er. Seit mehr als 30 Jahren widmet sich der 51-jährige Chemnitzer dem Bau solcher Schilfboote und unternimmt mit ihnen waghalsige Fahrten - doch davon später mehr.

Görlitz hat das sechs Meter lange Floß auf dem Gelände des Bayerischen Yachtclubs (BYC) in Starnberg "eingewassert", wie die Segler sagen. Die Jungfernfahrt auf dem See steht natürlich dem Club-Präsidenten zu. Michael Steiner fühlt sich sichtlich wohl an Bord dieses seltsamen Gefährts. "Na ja, ein bisschen kippelig ist es schon", sagt er und lacht. Aber als Segler - und das wird sich später bei der Ausfahrt erweisen - werde er nicht seekrank.

Was war die gefährlichste Situation, die Görlitz auf seinen abenteuerlichen Fahrten je erlebt hat? Er denkt kurz nach. Nein, nicht Windstärke 10 oder schwerer Seegang hätten beinahe zu einer Katastrophe geführt, sondern menschlicher Leichtsinn. Es war 2007 auf dem Törn von New York ostwärts über den Atlantik, bei dem kurz vor den Azoren die Abora III aufgegeben werden musste, weil ein Sturm das gesamte Heck abgerissen hatte und das Schilffloß nicht mehr steuerbar war. Nach einem Notruf wurde die Besatzung von einem portugiesischen Schiff geborgen. Aber Tage zuvor hatten zwei Mann, die gerade frei hatten, eine Schildkröte vorbeischwimmen sehen, die offenbar von einem Hai verletzt worden war. Sie sprangen in das Dinghi, ein kleines Beiboot, vergaßen aber, dass kein Außenborder daran befestigt war. Wie besessen paddelten sie hinter der Schildkröte her, um sie zu fangen und an Bord zu grillen. Derweil wurde das Floß immer weiter weggetrieben von den Paddlern, "keine Chance, gegen den Wind anzusegeln", sagt Görlitz. Die beiden paddelten buchstäblich um ihr Leben - und schafften es mit letzter Kraft.

Dagegen nehmen sich die Törns auf dem Starnberger See wie Kaffeefahrten aus. Görlitz hätte sich an diesem heißen Mittwoch etwas mehr Wind gewünscht. Drei bis vier Windstärken seien ideal, aber lange Zeit blies nur ein Lüftchen. Gerade genug für "volles Tuch", also um das Ra-Segel zu füllen. Mit an Bord bei der sechsköpfigen Besatzung der Seeshaupter Christian Stelzmüller, 40, vom Segelclub Oberland. Er möchte nächstes Jahr zumindest eine Etappe der geplanten Tour von Sotschi über das Schwarze Meer, durch den Bosporus und dann über das Mittelmeer nach Alexandria mitsegeln - eine alte Handelsroute. Noch zwei Tage bleibt Görlitz am Starnberger See. Geholt hat ihn Robert Stark, Chef des Yachtausstatters Marine Pool aus Planegg. Die Firma ist auch Sponsor des Bayerischen Yachtclubs.

Frage an Görlitz, der mit dem legendären Kontiki-Segler Thor Heyerdahl bis zu dessen Tod im Jahr 2002 zusammengearbeitet hat. Was denn das Schwierigste an solchen Expeditionen sei? "Ganz klar das nötige Geld zusammenzubekommen", erklärt Görlitz, der Biologie und Humanmedizin studiert hat, sich selbst aber als "Experimentalarchäologen" bezeichnet. Über die genauen Kosten für das Projekt Abora IV hüllt er sich in Schweigen.

Nächste Woche fliegt Görlitz nach Bolivien, um am Titicaca-See Schilf für die Abora IV zu schlagen. "So um die zehn Tonnen von Teichsimse", sagt er, die dann vor Ort zu Bündeln gerollt und nach Sotschi verschifft werden. Die Abora IV wird sein 13. Schiff. Elf Schilfboote sind buchstäblich verfault. Zwei bis drei Jahre halten sie im Wasser. Die Dilmun S, die vor Starnberg kreuzt, dient als Übungsboot für die Crew, die dann auf der größeren Abora segeln soll. Und die Dilmun soll helfen, Sponsoren zu gewinnen. Ihre Außenhaut ist zwar mit Schilfbündeln verkleidet, darunter verbergen sich aber zwei Rümpfe aus Styropor. "Das hat ähnliche Lufteinschlüsse wie Schilf", erklärt Görlitz. Ein Fake? Görlitz lacht. Alle zwei Jahre ein neues Schauboot komplett aus Schilf zu bauen, sei zu teuer.

© SZ vom 07.06.2018 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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