Evangelische Kirche in Starnberg"Wir sind dem Alzheimer auch dankbar"

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Pfarrer Hans Martin Schroeder erkrankt 2017 an Demenz. Kurz darauf ziehen er und seine Frau nach Rosenheim. Manches ist seither für sie mühseliger geworden - und doch sind die beiden oft guter Dinge

Von Susanne Schröder/epd

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Als der evangelische Pfarrer von Starnberg, Hans Martin Schroeder, den Gläubigen 2017 eröffnet, dass er an Alzheimer erkrankt ist, sind alle bestürzt. Da ist die Diagnose nicht einmal ein halbes Jahr alt und Schroeder 59. Zu diesem Zeitpunkt haben er und seine Frau Elke bereits die Weichen gestellt: Die Eheleute werden Starnberg verlassen, nach Rosenheim ziehen, wo sie sich kennengelernt, längere Zeit gelebt und Freunde gefunden haben. Hier fühlen sie sich heimisch.

Seit November 2017 leben sie nun hoch über den Dächern der Rosenheimer Innenstadt. Bis Corona mit seinen Beschränkungen kam, organisierte Elke Schroeder hier in unregelmäßigen Abständen "Kultur im Salon", Künstlerevents mit bis zu 60 Gästen im privaten Kreis. Sogar der oberbayerische Musikkabarettist Josef Brustmann war hier mit seinem Programm "Das Leben ist kurz, kauf sie dir, die roten Schuh" - womit Elke Schroeder beim Thema ist. "Das Leben passiert jetzt, ich weiß nicht, was morgen oder in drei Jahren sein wird", sagt die 72-Jährige. Also genießt sie die gemeinsame Zeit mit ihrem Mann und verweigert trotzig alle Spekulationen über die Zukunft. "Wir sind dem Alzheimer auch dankbar, sonst hätten wir nicht so viel Freiraum geschaffen für uns beide", sagt sie. Nach der Diagnose hatte er den vorgezogenen Ruhestand beantragt.

Wenn Hans Martin Schroeder über seinen Krankheitsverlauf der letzten drei Jahre spricht, bekommt man den Eindruck eines japanischen Stockkämpfers. Statt die Attacken des Alzheimer mit Gewalt abzublocken, lenkt er sie elegant an sich vorbei. Zu tun, was geht, ist sein Motto. Nicht zu hadern über das, was verloren ist. In der Rosenheimer Anfangszeit ist er zum Beispiel gern allein zum Einkaufen gegangen, doch das hat er aufgegeben. Der 63-Jährige zieht ein schmales schwarzes Portemonnaie aus der Gesäßtasche und klappt es auf: "Wenn ich an der Kasse stehe und mit EC-Karte zahlen soll - das macht mich total nervös", sagt er und zeigt auf die vielen Fächer des Geldbeutels. Also geht er jetzt eben mit seiner Frau. Auch andere alltägliche Handgriffe fallen ihm schwer: Wo stehen beim Tischdecken die Gläser? Welcher Handschuh muss an welche Hand? Wie isst man eine Weißwurst? "Auch der Weg ins Unterhemd ist manchmal schwierig", erzählt seine Frau, "und die Schnürsenkel. . . " . . . oh ja!" ruft ihr Mann. Elke Schroeder ist froh, dass ihr Mann in solchen Situationen um Hilfe bitten und sie auch annehmen kann.

Sie selbst sei dankbar, dass sie die Kraft für den Haushalt und für die Unterstützung ihres Mannes habe. "Es ist ein Geschenk, dass wir so gut und gern miteinander können", sagt sie. Doch nicht nur Alltagstätigkeiten, auch manche Vorhaben sind in den letzten Jahren gebröckelt. Die ausgedehnten Tandemtouren sind passé - "ich habe mich im Verkehr nicht mehr so sicher gefühlt", sagt Hans Martin Schroeder. Stattdessen unternehmen beide lange Wanderungen im Umland.

Seine Passion des Briefeschreibens hat er zur Seite gelegt - von Hand geht es nicht, und mit dem PC dauert es so lang, bis ein Wort fertig da steht. Stattdessen liest er viel und beide singen im Chor der Erlöserkirche - ein fester Termin in der Woche, der beiden gut tut. Auch die Idee, hin und wieder als Pfarrer bei Gottesdiensten auszuhelfen, ließ sich nur ein paar Monate lang verwirklichen. "Wenn etwas auf dem Altar lag, wusste ich plötzlich nicht mehr, wozu", sagt der Pfarrer.

Seine Frau erinnert sich an eine Hochzeit auf der Burg Pappenheim, für die sie regelrecht trainiert hätten. "Während der Trauung sagte mein Mann plötzlich: Elke, würdest du bitte mal kommen?" Sie sei also zwischen all den Gästen nach vorn gelaufen, wo ihr Mann sie fragte, wie es nach diesem Text nun weitergehe. "Und ich sagte: Jetzt hast du das Gedicht gelesen, jetzt sprichst du über den Trauspruch." Hans Martin Schroeder hört der Anekdote mit gespitzten Lippen und belustigtem Blick aufmerksam zu. Spätestens nach diesem Erlebnis sei jedoch klar gewesen, dass Einsätze als Pfarrer für ihn eine zu große Belastung sind.

Aber ist das so einfach, die Dinge loszulassen? "Manchmal bin ich schon traurig, wenn ich die Uhr nicht lesen kann", sagt er. "Aber dann lass ich es gehen - es hilft ja auch nicht." Er sei froh, dass ihn der Alzheimer nicht jähzornig mache. Wie stark andere Demenzerkrankungen Menschen verändern könnten, wisse er noch aus seiner Zeit Starnberger Pfarrer. "Dein Wesen bleibt dir", sagt seine Frau. So geht das Leben der Schroeders mit Alzheimer weiter, vielleicht manchmal mühselig, oft heiter. In jedem Fall offen und dankbar. Tag für Tag aufs Neue.

© SZ vom 01.06.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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