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Europawahl:Landkreis Starnberg mit höchster Wahlbeteiligung in Bayern

71,9 Prozent gehen wählen. Und es gibt mehr Superlative: Grüne und FDP schneiden am besten ab, die AfD sehr schlecht. Professorin Ursula Münch erklärt die Ergebnisse.

Dass im Fünfseenland mehr Bürger an die Urnen gehen als anderswo in Bayern, das hat Professorin Ursula Münch erwartet. Dass es bei der Europawahl so viele werden, damit hat die Direktorin der Akademie für politische Bildung in Tutzing nicht gerechnet. Die Wahlbeteiligung lag im Landkreis bei 71,9 Prozent. Das bedeutet nicht nur einen Rekord für ganz Bayern, selbst im bundesweiten Vergleich rangiert der Landkreis an dritter Stelle. Mehr Menschen stimmten nur im saarländischen Landkreis St. Wendel und in Münster ab. Im Vergleich zur vergangenen Europawahl stieg die Beteiligung um 20 Prozentpunkte. In absoluten Zahlen: Knapp 70 000 Menschen machten am Sonntag ihr Kreuzchen, 20 000 mehr als im Jahr 2014.

Der Wahlsonntag bescherte Starnberg noch mehr Superlative: Die Grünen erreichten mit 25,9 Prozent nach der Landtagswahl erneut ihr bayernweit bestes Ergebnis in einem Landkreis. Noch mehr Wähler gab es nur in den Unistädten München, Würzburg, Erlangen, Bamberg und Regensburg. Die FDP freut sich über einen bayernweiten Rekord von 5,8 Prozent. Und die AfD erzielt im Landkreis Starnberg mit 6,4 Prozent ihr bayernweit viertschlechtestes Ergebnis in einem Kreis.

Die Rekordwahlbeteiligung interpretiert die Politik-Professorin als Pro-EU-Votum. Zwei Faktoren machten die Menschen im Fünfseenland besonders empfänglich für dieses Europagefühl. Zum einen sei die Bevölkerung im Schnitt formal höher gebildet und genieße einen höheren Lebensstandard als anderswo. Zum anderen beinhalte die Wirtschaftsstruktur "Global Players" und "Hidden Champions" - Unternehmen, die im Landkreis dem Namen nach vielleicht gar nicht einmal sehr bekannt sind, die aber in ihrem Segment zu den Weltmarktführern gehören. "Solche Unternehmen profitieren von den Möglichkeiten der EU", sagt Münch. Stichwort: Export, Stichwort: Digitalisierung - kein Wunder, dass Mitarbeiter solcher Betriebe zur Wahl motiviert sind, wenn manche Europa in Gefahr sehen.

Der Faktor Bildung spiele auch beim Rekordergebnis der Grünen eine Rolle, erklärt Münch. Akademiker tendierten eher zu der Ökopartei. Dazu komme die Bilderbuchlandschaft zwischen Starnberger See und Ammersee. Wenn man in so einer "begnadeten Gegend" leben dürfe, könne man eher die Verpflichtung empfinden, diese auch zu erhalten. Dank "Fridays for Future" hält die Politikwissenschaftlerin es sogar für möglich, dass Eltern im Wahllokal für ihre Kinder ein "Stellvertreter-Votum" abgegeben haben - zumal Stimmberechtigte bei der Europawahl experimentierfreudiger seien und ihrer Stammpartei leichter untreu würden. Sollte der Klimawandel aber von der Agenda verdrängt werden, könne sich das "verdammt schnell" ändern, mahnt Münch die Grünen - zumal der Auftritt der lokalen Politprominenz bei der Europawahl kaum eine Rolle für die Stimmabgabe spiele.

Der Faktor Wirtschaft wiederum könne der FDP zugute gekommen sein, wobei Münch die 5,8 Prozent als "kein besonders berühmtes Ergebnis" bewertet. Immerhin gebe es im Landkreis noch aktive Ortsvereine, was die Partei zumindest im Gespräch halte. Mit den gegenteiligen Effekten von Bildung und Wirtschaft lasse sich auch das schlechte Abschneiden der AfD im Landkreis erklären. Wähler mit niedrigerer Bildung und in Gebieten mit höherer Arbeitslosigkeit tendierten dazu, sich Sorgen um die Zukunft zu machen, was wiederum den Rechtspopulisten in die Hände spielt.

Nach der Kommunalwahl in zehn Monaten dürfte die politische Landkarte anders aussehen als heute. Ob die Grünen dann auch Bürgermeister stellen könnten? "Natürlich, sagt Münch. Allerdings genüge dann nicht nur das richtige Programm, dann müssten auch gute Kandidaten dazukommen. Vorteil Grüne: Während sich andere Parteien nach Mitgliedern sehnen, verzeichnen sie Zulauf - im vergangenen Jahr plus 20 Prozent auf 250 Mitglieder. Und diesen könnten sie laut Münch sogar attraktive Listenplätze für die Gemeinderäte anbieten.

© SZ vom 28.05.2019

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