Jahrelang sind wahrscheinlich Tausende Autofahrer, Radler und Fußgänger daran vorbeigekommen. Wenn ihnen etwas ins Auge stach, war es der marode Zustand des unter Denkmalschutz stehenden Hauses. Die Rede ist von der Herrschinger Straße 21 in Andechs, wo sich das Gebäude jetzt in neuem Glanz zeigt – und schon bald mit Leben gefüllt werden soll. Das Haus gehört der Unternehmerfamilie Scheitz, die die mittlerweile weit über die Ortsgrenzen hinaus bekannte Molkerei „Andechser Natur“ führt – und genau die will sie jetzt in der kleinen Gemeinde hoch über dem Ammersee wieder sichtbarer, erlebbarer machen – in Form einer Bio-Gastronomie. Pächter werden derzeit dafür gesucht.
„Die Betreiberin oder der Betreiber sollen von Anfang an eingebunden werden“, sagt Wolfgang Scheitz, der Sohn der Molkerei-Geschäftsführerin Barbara Scheitz. „Ich will niemandem vorschreiben, wie er seine Gastronomie und sein Konzept hier realisieren kann.“ Wolfgang Scheitz hat während der Corona-Pandemie mit einem Freund einen Onlinehandel für regional gefertigten Mundschutz aufgezogen. Ziel war damals, lokalen Schneidereien zu neuen Aufträgen zu verhelfen. Mittlerweile hat er sein Studium abgeschlossen und einen ganz anderen Job angenommen: Der junge Wirtschaftsingenieur kümmert sich quasi rund um die Uhr um die Immobilie an der Herrschinger Straße: „Das ist zu meinem Vollzeitjob geworden“, sagt er, und es klingt nicht so, als hätte er diese Aufgabe ungern übernommen. Im Gegenteil: Man spürt vielmehr schnell, wie sehr Wolfgang Scheitz an dem Gebäude und seiner Geschichte hängt.
Da ist zum Beispiel der Sichtdachstuhl im eigentlichen, etwa 100 Quadratmeter großen Gastraum, der in dem ehemaligen Bauernhof einst ein Heulager war: „Schauen Sie sich das an: Das ist ein sogenannter Binderdachstuhl, etwas ganz Seltenes, weil es keinen First gibt wie sonst.“ Von der Statik her machte das die Sanierung recht aufwendig, weil so ein Dach aus mehreren dreiteiligen Holzeinheiten bestehe, erzählt Scheitz. Aber das war nicht der einzige Aufwand, der betrieben worden ist: Der einstige Anbau, in dem vor einigen Jahren noch eine Kaffeerösterei untergebracht war, musste abgerissen werden: zu viele verschiedenen Ebenen, an manchen Stellen so niedrig, dass selbst ein Mensch mit 1,70 Metern Größe nicht aufrecht durchkommen konnte. Dann waren da noch die Sanierung des Dachstuhls, der Einbau neuer Fenster, ein neuer Anstrich, die Trockenlegung der feucht gewordenen Keller und vieles mehr, was in einem alten Gemäuer, das Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut worden ist, so alles anfällt.
„Möglicherweise ist das Haus auch noch älter. Genau wissen wir es nicht, wir haben nur einen Ziegel gefunden, auf dem der Name der Ziegelei stand und eine Jahreszahl: 1845“, erzählt Scheitz. Auch wenn grundsätzlich wenig über das Haus in alten Chroniken und Archiven zu finden ist, ein paar Dinge sind dennoch bekannt: Dass es hier, direkt unter dem Heulager auf der in Richtung Ammersee gewandten Seite, einen Stall für acht Kühe gegeben hat. Bis heute sind in dem Raum die einstigen Tränken und Anbinderinge für die Tiere zu sehen. In ein Schmuckstück hat sich dieser Stall verwandelt. Was daraus werden soll, ist noch unklar: „Aber vielleicht will ja ein zukünftiger Pächter auch diesen Raum nutzen, mal schauen: Wir zwingen ihn dazu aber nicht.“


Direkt an die Räumlichkeiten der Gastronomie – die noch aus einem Nebenraum bestehen, Küche, Spülküche, Lager, Kühlräumen und Sanitäreinrichtungen – schließt sich der frühere Wohntrakt an, in dem derzeit zwei Ferienwohnungen entstehen. Eine dritte wird in dem Trakt des Gebäudes in Richtung Ortskern untergebracht. Dort war einst die Werkstatt des Orgelbauers Eisenschmid: Drei Generationen lang seien hier Orgeln gebaut worden, erzählt Scheitz. Dafür habe es sogar eine herausnehmbare Decke gegeben: „Orgeln müssen ja einmal stehen, bevor sie wieder für den Transport zu ihrem Bestimmungsort in Einzelteile zerlegt werden.“ Aus dieser Orgelbauerfamilie stammte auch die letzte Eigentümerin des Hauses: Ursula Beer. Sie starb mit mehr als 90 Jahren und wurde täglich von der Großmutter von Wolfgang Scheitz, Gertraud Scheitz, bekocht: „Die Uschi, wie wir sie nannten, hatte ja niemanden mehr, und meine Oma hat sich rührend um sie gekümmert.“ Nach ihrem Tod 2012 fiel das Haus wohl aus diesem Grund dann an die Familie Scheitz. Lange habe man überlegt, was man daraus machen könne, sagt nun Enkel Wolfgang. Vieles sei zu bedenken gewesen, eben weil das Haus unter Denkmalschutz stehe.

Die Idee, die Molkerei und ihre Produkte wieder in den Ort zurückzubringen, ist in gewisser Weise auch als Reminiszenz an die Vergangenheit zu sehen. „Andechser Natur“ ist einst, 1908, von den Urgroßeltern der Familie Scheitz zunächst als reine Käserei hinter der Dorfkirche von Andechs entstanden. 80 Jahre später wird die mittlerweile auf Bio umgestellte Molkerei in der Molkereistraße am Ortsrand neu gebaut und seither auch immer wieder mal erweitert. In der Herrschinger Straße, die mitten durch den Ort führt, wolle man nun mit der Erlebnisgastronomie ein Statement setzen und Kunden die Produkte der Molkerei näherbringen, erklärt Scheitz. Vermutlich bereits von April, Mai an, wenn die Sanierungsarbeiten abgeschlossen sind.
Einiges ist noch nicht fertiggestellt – zum Beispiel auch die Terrasse an der rückwärtigen Seite des Hauses. Dort gibt es auch einen 1200 Quadratmeter großen Obstgarten mit altem Baumbestand und alten, teilweise seltenen Sorten. Auch er soll künftig genutzt werden: etwa um sich im Schatten der Bäume auf Picknickdecken oder Liegen niederzulassen, dort zu feiern, kleinere Hütten oder Gondeln für den Winter aufzustellen, einen Kräutergarten anzulegen oder eben auch zu grillen: „Da ist vieles möglich“, meint Scheitz. Die Hauptsache für ihn ist nur eines: Dass die vielen Autofahrer, Radler und Fußgänger nicht mehr vorbeifahren, so wie früher. Sondern schon bald dort einkehren.
Weitere Informationen zu dem Objekt sind unter https://www.andechser-natur.de/de/genusshof abrufbar.

