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Erinnerungen:Ein Haus wie aus der Zeit gefallen

Im Gästebuch des Hotels "Kaiserin Elisabeth" in Feldafing haben sich Kaiserliche Hoheiten und Könige, Filmstars und Schlagersänger, der Schah von Persien und Gottheiten wie der Dalai Lama verewigt

Von Manfred Hummel

Ein Schrei zerreißt die Stille des Flurs. Er ist so schrill, dass der Schirm einer Lampe zerspringt. Geschrien hat ein Mann mittleren Alters mit langen Haaren, unrasiertem Gesicht und großen, durchdringenden Augen. Nicht aus Angst, sondern aus Wut. Ausgelöst hat den Zornesausbruch sein Chauffeur. Bloß weil dieser die harmlose Frage stellte, ob er morgen den Rolls Royce vorfahren solle. Deshalb explodiert der Mann und brüllt: "Sie Kretin." Der da so tobt, ist der deutsche Schauspieler Klaus Kinski (1926 bis 1991). Bekannt wurde er durch seine obsessiven, psychopathischen Rollen in den Edgar-Wallace-Filmen und Filmen von Werner Herzog wie Fitzcarraldo oder dem Horror-Epos "Nosferatu - Phantom der Nacht". Auch Kinskis Wutanfälle sind Legende. Man schreibt das Jahr 1969. Zeugin der Szene im Vestibül wird Erika Borchard, Direktorin des vornehmen Hotels "Kaiserin Elisabeth" in Feldafing. 50 Jahre sind es jetzt, die Erika Borchard "ins Hotel geht", wie sie ihren Job beschreibt. Seit vier Generationen befindet sich der stattliche Bau an einer der schönsten Stellen des Villenortes im Besitz der Familie Kraft/Borchard.

Direktorin Erika Borchard

"Es fehlt eigentlich nur der Papst."

Kein Wunder also, dass sie so manche Anekdote aus der langen Geschichte des Hauses zu berichten weiß. Die Gästebücher illustrieren ihre Erzählungen samt den Einträgen der prominenten Gäste. Denn fast alles, was in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts in Europa und darüber hinaus Rang und Namen hatte, logierte in der Feldafinger Nobelherberge und genoss den zeitlos schönen Blick auf See und Berge. "Es fehlt eigentlich nur der Papst", stellt die Chefin lapidar fest. So spiegeln die Gästebücher die längst verflossene Zeit der Bonner Republik und des Wirtschaftswunders. Sie wirken wie das Fotoalbum einer vermögenden Großfamilie. Neben die Einträge hat Erika Borchard fein säuberlich die Fotos platziert. Viele noch in schwarz-weiß, einige aber schon in Farbe. Kaiserliche Hoheiten und Könige, berühmte Wissenschaftler und Philosophen, Schlagersänger und Filmstars geben sich da die Ehre mit Schriftstellern, Präsidenten und Gottheiten wie dem Dalai Lama und dem Schah von Persien.

Ein Gästebuch voll prominenter Namen

Seit 50 Jahren im Hotel: Die Direktorin Erika Borchard.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

"Mr. R. Pahlavi", steht da schlicht und einfach mit Kuli geschrieben, und daneben ebenso profan "Farah Pahlavi". Ein neuntägiger Staatsbesuch in Deutschland, darunter in München, hat den Schah und seine Gattin Farah Diba an das Westufer des Starnberger Sees geführt. Auf den Fotos trägt der damals 47 Jahre alte Herrscher eines der 20 größten und bevölkerungsreichsten Länder der Erde einen schlichten dunklen Anzug, beziehungsweise einen Trenchcoat. Die Schahbanu, seinerzeit 28, winkt huldvoll im hellen Regenmantel, keckem Hut und Handtasche. Unter den Autogrammen hat Reza Pahlavi noch das Datum vermerkt - auf Französisch: 1. Juin 1967.

Ein Gästebuch voll prominenter Namen

Romy Schneider 1972 mit Luchino Visconti

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Der nächste Tag wird in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen. Am 2. Juni 1967 besucht der Staatsgast das geteilte Berlin. Gegen die autoritäre Herrschaft des Schahs und seiner Geheimpolizei gibt es heftige Studentenproteste. Sogenannte "Jubelperser" schlagen im Auftrag des Herrschers auf die Studenten ein, ohne dass die deutsche Polizei etwas dagegen unternimmt. In der aufgeheizten Atmosphäre gibt der Polizist Karl-Heinz Kurras am Abend in einem Hinterhof einen tödlichen Schuss auf den Studenten Benno Ohnesorg ab. Daraufhin wird sich die Studentenbewegung radikalisieren und später zum Terror der RAF führen.

Ein Gästebuch voll prominenter Namen

Der Schah von Persien 1967 mit Gattin Farah.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

"Diesem schönen Hause und seinen netten Menschen die besten Wünsche, Ihr Peter Alexander", heißt es ein paar Seiten weiter. Der österreichische Unterhaltungsstar der 1950-er und 1960-er Jahre reist mit "25 Metern Koffern" (Borchard) an, bleibt aber nur einen Tag, den 18. August 1969.

Wie beim Besuch des Schahs wimmelt es während des Aufenthalts von Prinz Hassan von Jordanien und seiner Familie nur so von Sicherheitsleuten. Die kommen in arge Bedrängnis, als eine Nichte Erika Borchards ihr Pony einspannt und Hassans Kinder im Pferdewägelchen über den Golfplatz kutschiert. Ihre Maschinenpistolen hindern die Leibwächter, einigermaßen mitzuhalten. Hinter den Bodyguards rennt Neffe Tino von Gleichenstein, der wiederum seine Schwester Annette ermahnt, nicht so schnell zu fahren.

Ein Gästebuch voll prominenter Namen

Loriot feiert 1980 mit seiner Familie in Feldafing.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Der erste Eintrag ins Gästebuch stammt am 23. Dezember 1955 von dem Schauspieler Hubert von Meyerinck (1896 bis 1971). Mit Glatze, Schnurrbart und Monokel wurde er zu einem bekannten Gesicht des deutschen Films. "Hier könnt ich's leicht aushalten", schreibt die Karikaturistin Franziska Bilek (1906 bis 1991) im Sommer 1960 zu einer Skizze, in der sie in einem Liegestuhl liegt und ihre Beine lässig auf das Balkongeländer streckt. Eingeladen vom damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel, weilt 1966 das Traumpaar westdeutscher Illustrierter, Thailands König Bhumibol (1927 bis 2016) mit Gattin Sirikit (geboren 1932) am Starnberger See. Unter anderem besucht das Herrscherpaar auch die futuristische Erdfunkstelle in Raisting, die gerade zwei Jahre in Betrieb ist. Eine festlich gekleidete Menschenmenge harrt voller Erwartung des hohen Besuchs, schreibt der Ammersee Kurier. Dann kommt die Eskorte, viel Polizei, viele Limousinen - eine darunter ganz besonders auffällig: Der Mercedes 600 Cabriolet mit den Majestäten König Bhumibol und seiner bildhübschen Frau, Königin Sirikit. Die letzten Meter zum Radom legt das Paar zu Fuß zurück. Das kommentiert eine Bäuerin mit den Worten: "Dass a Kini z'Fuaß geht, hätt i aa net glaabt."

Ein Gästebuch voll prominenter Namen

König Carl Gustav und Königin Silvia bei der Hochzeit der Nichte Sibyla mit Cornelius von Dincklage.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Natürlich bevölkert der Hochadel bereits vor dem Besuch des thailändischen Königspaars die Nobelherberge. Erstmals bezieht die österreichische Kaiserin Elisabeth (1837 bis 1898) im Jahr 1870 mit großem Gefolge das "Hotel Strauch", wie es zunächst heißt. Das komplette Haus wird für die Kaiserin, 50 Bedienstete, einen Koch, einen Konditor, eigenes Geschirr, 15 bis 18 Pferde und mehrere Equipagen frei geräumt. Sogar Baron Rothschild aus Paris muss seine Suite räumen und im Dorf Logis nehmen.

Ein Gästebuch voll prominenter Namen

Prinz Hassan von Jordanien mit Familie, unten seine Töchter in der Kutsche.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Entstanden ist das Hotel aus einem Terrassengasthof, den der gegenüber wohnende Industrielle Joseph Anton Ritter von Maffei zu einem Hotel ausbauen lässt. Um näher bei ihrer Verwandtschaft in Possenhofen und Garatshausen zu sein, verbringt "Sisi" von da an 23 Sommer im Feldafinger Hotel. Kaiser Franz Josef und ihr Sohn, der unglückliche Kronprinz Rudolf, kommen zu Besuch. Gegen Mitternacht erscheint öfter ein ganz besonderer Gast: Sisis Vetter, der bayerische König Ludwig II. Neben einem Teil der herrlichen Südterrasse, einer Feuertreppe (in der Kirche in Traubing) und den Pferdeställen ist aus dieser Zeit nur noch ein "Menubuch" erhalten. Nach dem Ausbau im "Schweizer Stil" folgt dem Adel die große und mondäne Welt, beginnt die Glanzzeit des Hauses.

Ein Gästebuch voll prominenter Namen

Ließ 1969 eine Lampe zerplatzen: Klaus Kinski.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

1894 kommt Sisi zum letzten Mal. 1898 wird sie in Genf ermordet. 1904 kauft Georg Kraft, Vorfahre von Erika Borchard, das Anwesen und erwirbt vom Hofmarschallamt in Wien die Erlaubnis, es nach der Kaiserin Elisabeth benennen zu dürfen.

Georg Kraft erweitert die Terrasse, auf der es im Sommer immer noch nach Veilchenparfüm und Davidoff-Zigarren duftet, und baut moderne Hoteltechnik ein. 1926 entsteht der Golfplatz, 1933 wird an den Speisesaal ein Bankettsaal angebaut. Während des Zweiten Weltkriegs ist ein Lazarett untergebracht. In der Besatzungszeit ziehen Golfplatz und Whisky-Vorräte des Hotels amerikanische Soldaten an.

Ein Gästebuch voll prominenter Namen

Einträge von Romy Schneider als Kaiserin Elisabeth (links) und mit Helmut Berger als bayerischer König in Viscontis "Ludwig II." (rechts) im Gästebuch.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

"Sisis" Zeiten werden noch einmal lebendig, als der italienische Regisseur Luchino Visconti (1906 bis 1976) im Frühjahr 1972 am Westufer den Film "Ludwig II." dreht. Die gesamte Film-Crew logiert in der "Kaiserin": Allen voran Visconti selbst, Romy Schneider (Kaiserin Elisabeth), Helmut Berger (Ludwig II.), Helmut Griem (Graf Dürckheim), und Umberto Orsini (Graf von Holnstein). Das Gästebuch widmet dem Ereignis mehrere Seiten mit Fotos der Schauspieler und Bildern vom Set: Ludwig geheimnisvoll im Schlosspark, Ludwig mit Sisi im Casino auf der Roseninsel, das Dampfschiff "Tristan" am Steg der Roseninsel. Es sind turbulente Tage, in deren Verlauf die König-Ludwig-Freunde drohen, die Roseninsel in die Luft zu sprengen, falls das Andenken des Königs in den Schmutz gezogen werde. Darauf spielt Helmut Griem an, als er sich für den angenehmen Aufenthalt bedankt und in Klammern dazu setzt: "Ich hoffe, ich komme heil aus Bayern heraus und erliege nicht noch einem Anschlag des Ludwig II.-Clubs!"

Später sind es wieder die Habsburger, die zu Familienfesten ihr "Stammhaus" bespielen. Otto von Habsburg (1912 bis 2012) sowieso, der älteste Sohn des letzten österreichischen Kaisers, der im benachbarten Pöcking wohnte. Zum Beispiel im Juni 1980, als seine Tochter Monika einem spanischen Blaublütigen die Hand gibt. Auch die Großmutter feiert mit. Im Gästebuch findet sich ihr seltenes Autogramm: "Kaiserin Zita von Österreich". Sogar Papst Johannes Paul II. schickte ein Glückwunschtelegramm. Der schwedische König Carl Gustav und Königin Silvia weilen 1998 zur Hochzeit ihrer Nichte Sibyla mit dem Baron Cornelius von Dincklage hier.

Die Liste der Berühmtheiten ließe sich noch lange fortsetzen. Heutzutage wirkt das Hotel "Kaiserin Elisabeth" wie aus der Zeit gefallen. Für all jene, die das mögen, konserviert es Zeitgeschichte. 1995 schrieb der Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann zum Abschied: "Hoffentlich bleibt Ihr Hotel, wie es ist!" Und wie kam das Kinski-Foto ins Gästebuch? Als Erika Borchard ihn um ein Foto mit Autogramm bittet, wirft Kinski eine Hand voll Fotos auf den Boden und sagt: "Suchen Sie sich eins aus."

© SZ vom 30.12.2017
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