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Erfindung:Trinkwasser aus der Luft

Eine Start-up-Firma aus Gilching hat ein Verfahren entwickelt, das den Menschen auch in den trockenen Regionen der Welt die lebensnotwendige Ressource liefern könnte. Ein erster Praxistest startet in Marokko

Von Peter Haacke, Gilching

Wasser ist Grundlage allen Lebens somit die wichtigste und kostbarste Ressource für die Menschheit, die aber nicht überall gleich auf der Erde verteilt ist. In vielen wasserarmen Regionen setzt man auf den Bau immer tieferer Brunnen oder auf Meerwasserentsalzungsanlagen, die jedoch sehr viel fossile Energie verbrauchen und Umweltschäden verursachen. Einen technologisch anderen Weg geht die Gilchinger Firma "Aquahara Technology GmbH" mit Wassergewinnung aus der Luft durch Kühlung und Kondensation. Ziel des engagierten Start-up-Unternehmens ist eine kostengünstige, umweltfreundliche und dezentrale Wasserversorgung in allen Regionen der Welt, in denen die Ressource knapp ist. Ein erster Praxistest startet in den kommenden Wochen in Marokko.

Das junge, innovative Unternehmen existiert seit Mitte 2017 und hat seinen Forschungsstandort vor den Toren Gilchings. Die Gemeinde hatte Aquahara fast zwei Jahre lang kostenlos ein Grundstück am Ende des neuen Gewerbegebietes an der Nicolaus-Otto-Straße überlassen. In zwei Containern und einem Holzverschlag wurde die technische Entwicklung vorangetrieben: Es entstand ein erster Prototyp, der mit Solarenergie und speziellen Salzen unter Einsatz hochmoderner Technik und widerstandsfähiger Werkstoffe Trinkwasser aus der Luftfeuchtigkeit produziert.

Trinkwasser

Die Firma Aquahara Technology hat einen Prototypen entwickelt, der eine kostengünstige, umweltfreundliche und dezentrale Wasserversorgung in wasserarmen Regionen verheißt.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Philippe Verplancke, Geschäftsführer und Managing Director des Unternehmens, tüftelt mit seinem Team seit Monaten am Prototypen zur Wassergewinnung, der im Prinzip wie eine Klimaanlage funktioniert - mit zwei Unterschieden: Statt Strom nutzt Aquahara Solarwärme, und statt Kondensation benutzt man Salz. Einige Salzarten ziehen so viel Wasser an, dass sie nicht nur kleben, sondern sogar flüssig werden. Diese Salzlösung wird dann auf chemisch und thermisch resistenten, mit Graphit verstärkten Kunststoffröhren per Solarwärme aufgeheizt und gibt das Wasser in Form von Dampf wieder frei. Der Dampf wird abgekühlt und kondensiert zu sauberem Frischwasser. Um das destillierte Wasser genießbar zu machen, müssen am Ende Mineralien hinzugesetzt werden.

Pro Quadratmeter Sonnenkollektor - so haben es die Techniker errechnet - können pro Tag drei Liter Wasser gewonnen werden. Eine kleine Anlage mit sieben Quadratmetern Kollektoren erzeugt täglich somit etwa 20 Liter. Die Anlage soll auch in Wüsten mit trockenster Luft bei mehr als 40 Grad Celsius funktionieren. Ein Kubikmeter Luft enthält laut Verplancke bis zu sieben Milliliter Wasser. In 30 Kubikmetern - also die Raumgröße eines kleinen Zimmers - ist demnach ungefähr Feuchtigkeit für ein Glas Wasser. Und Luft gibt es reichlich, auch in den heißen Wüstenregionen von Marokko, wo der in einem Schiffscontainer untergebrachte Prototyp in den nächsten Monaten südlich von Marrakesch weiter getestet werden soll.

Gilching Aquahara Technology

Mitarbeiter der Gilchinger Firma Aquahara Technology: Entwicklungsingenieur Ilyes Ben Hassine, Cordula Krüsmann und Geschäftsführer Philippe Verplancke (v.li.).

(Foto: Georgine Treybal)

"Es ist noch nicht marktreif", gesteht Verplancke, der für sein Vorhaben bislang auf eine halbe Million Euro privater Sponsoren zurückgreifen konnte. Doch auch der Freistaat ist interessiert: Das bayerische Ministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie fördert das Start-up mit weiteren 250 000 Euro. Größter Hemmschuh, um Wasser aus Luft zu produzieren, sind die Kosten. Entscheidend sind Kriterien wie Lebensdauer, Wartung und Reparaturanfälligkeit der Anlage.

Aquahara verfolgt zwei Ansätze: Angestrebt ist zum einen die Entwicklung einer Mini-Anlage zur Selbstmontage, die später etwa 1500 Euro kosten soll. Zum anderen hofft Verplancke auf "Wasserkioske" in trockenen Regionen, die in Zusammenarbeit mit solventen Mittelständlern auf 600 Quadratmeter Fläche täglich knapp 2000 Liter Wasser erzeugen sollen. "Wir sind daran, an allen Ecken und Enden die Kosten zu reduzieren", sagt Verplancke. Zudem soll die Anlage noch drastisch kleiner werden. Die Container in Gilching werden nun abgebaut. Von 2020 an sollen erste Pilotanlagen in Marokko und Tunesien laufen.

© SZ vom 11.10.2019

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