Erfindung Klettern wie in der Natur

Warum müssen beim Bouldern die Griffe eigentlich immer aus Plastik oder durchbohrt sein? Andreas Krause aus Stockdorf revolutioniert die Kletterszene mit unversehrten Steinen an der Wand.

Von Carolin Fries

Wenn es für den Kletterer ein Heiligtum gibt, dann ist es der Stein. Er arbeitet sich an ihm ab, verflucht ihn mitunter auch - doch vor allem bewundert er ihn voller Demut in seiner Größe und Beständigkeit. Auch Andreas Krause aus Stockdorf krallt die Fingerspitzen in seiner Freizeit am liebsten in kleinere und größere Vorsprünge, um im In- und Ausland Felswände zu bezwingen, zu seinen Lieblingsgebieten gehört das französische Écrins Massiv. Trainiert wird allerdings in der Halle, in denen die Wände meist mit Griffen aus Kunststoff bestückt sind. Es war im Oktober 2016 beim Bouldern im Zillertal, als der heute 40-Jährige einen Granitstein in den Händen hielt und sich fragte: "Gibt es nicht die Möglichkeit, so einen Stein auch in der Halle an die Wand zu bringen - ohne ihn zu verletzen?" Bis zu jenem Tag gab es in den Boulderhallen landauf landab wenn überhaupt nur "verletzte" Steine an den Wänden, durchbohrt von Schrauben.

Der Gedanke lässt dem Produkt- und Industriedesigner keine Ruhe mehr. Er packt sich ein paar Steine ein und gießt noch am selben Abend zu Hause in seiner Werkstatt einen in Kunstharz. Die Löcher zum Befestigen an der Wand setzt er um den Stein herum. "Hätte das nicht funktioniert, hätte ich gar nicht weitergemacht." Doch es klappt. Nur ein Jahr später sind zwei Qualifikations-Boulder bei der Deutschen Meisterschaft in Friedrichshafen mit seinen Griffen bestückt. Krause hat zwischenzeitlich ein "kleines Studium der Mineralogie" absolviert, sich mit Steinbrüchen in Europa ebenso wie mit Harz-Herstellern und DIN-Normen für Kletteranlagen auseinandergesetzt.

In seiner Werkstatt hat er eigens Prüfvorrichtungen gebaut, die jeden einzelnen Griff testen: Hält der Stein auf der faserverstärkten Kunstharzplatte das Gewicht von 250 Kilogramm auf der äußersten Kante im 90-Grad-Winkel auch aus? Nur dann darf er in den Handel. Inzwischen sind 16 Kletterhallen in Deutschland und eine in der Schweiz mit Krauses Steinen bestückt. In der Gilchinger Kletterhalle, die für Krause eine Art zweites Wohnzimmer ist, ist aktuell eine orange Route im Schwierigkeitsgrad 8- an die Wand geschraubt. "Da wechseln wir aber immer wieder was aus."

Eine wichtige Frage: Hält der Stein auf der faserverstärkten Kunstharzplatte das Gewicht von 250 Kilogramm auf der äußersten Kante im 90-Grad-Winkel auch aus?

(Foto: Privat)

Zuletzt hat ein Vertriebspartner aus Japan die Produkte aus der Stockdorfer Manufaktur für einen Messeauftritt bestellt. Krause ist gespannt, wie sich sein Unternehmen "Stoned" entwickeln wird. Noch stellt er jeden Griff selbst her - neben seiner Arbeit als Führungskraft bei BMW. In seiner Freizeit fährt er in die Steinbrüche und kauft Ruhpoldinger Marmor oder Granit aus dem Bayerischen Wald, Konglomerate oder roten Sandstein. Amphiboliten sind seine Lieblingssteine, "sehr dunkel, mit einem Gefüge und schwarzen Titanflecken. Auch schön zum Anfassen". Daheim schleift und reinigt er die Steine, manche bearbeitet er auch mit Hammer und Meißel, bevor sie vergossen werden. Längst bietet Krause die Steingriffe in verschiedene Größen und auf verschiedenfarbigen Fundamenten an, alles Unikate wie sich versteht. Die Preise pro Griff liegen bei durchschnittlich 20 Euro. Produkte für die Ewigkeit, wie er betont, der Stein hat im Gegensatz zum Kunststoff keinen Verschleiß.

Krause ist es gewohnt, Ideen zu Ende zu denken. "Ich kann nicht anders", sagt er. Dabei hilft ihm sein Skizzenbuch, in dem der gebürtige Trostberger erste Gedanken in Kugelschreiber-Zeichnungen fließen lässt. Blättert man durch die Seiten, so tauchen immer wieder kleine Wesen auf, die seine Zeichnungen kritisieren oder auf Fehler hinweisen. Er ist streng mit sich, ganz gleich, ob es um Entwürfe für das Logo seiner Firma Funktionalform geht, unter deren Dach er alle seine Produktideen versammelt, oder um Entwürfe für seine Fahrradsättel.

Damit begann vor zehn Jahren Krauses Selbständigkeit. Damals saß er selbst täglich stundenlang auf dem Mountainbike, um fit für Rennen zu sein, an denen er in seiner Freizeit teilnahm. Denn wenn er etwas macht, dann immer intensiv. Vier von Krauses Carbon-Modellen sind seither auf dem Markt erhältlich, an einem fünften Sattel arbeitet er aktuell mit Eugen Rasev vom Institut für neuroorthopädische Rehabilitation in Schweinfurt. Vier Jahre hat er daran getüftelt und getestet, jetzt freut sich Krause, wenn der Sattel endlich rauskommt.

Andreas Krause klettert am liebsten an Natursteingriffen. Weil es die ohne Bohrloch nicht gab, hat er sie selbst erfunden.

(Foto: OH)

Sein jüngster Coup allerdings gelang ihm mit einem Kletterprodukt: Sogenannte Volumen, welche man wie künstliche Felsvorsprünge flexibel an die Kletterwand schrauben kann, hat er aus einem Material gefertigt, das Löcher beim Herausnehmen der Schrauben wieder verschwinden lässt. Wie genau die eigenständige Verdichtung funktioniert, welche die Wandaufsätze quasi unbegrenzt nutzbar machen, verrät er freilich nicht. Nur, dass er das Grundmaterial von der Recyclingfirma Schenker aus dem Münchner Norden bezieht: Kunststoffmüll, nach Farben sortiert. Im November hat er seine Neuerung auf der Kletterhallen-Messe "Halls and Walls" in Nürnberg vorgestellt.

Man mag sich kaum vorstellen, dass Andreas Krause noch Zeit jenseits von Arbeitsplatz und Werkstatt verbringt. Tatsächlich hat er den Urlaub für 2019 auch schon gestrichen und das zeitintensive Radfahren aufgegeben. Bergsteigen ist seine neue Leidenschaft, im vergangenen Jahr habe er "sicher 30 Gipfel" gemacht. Wie hoch es 2019 hinaus geht? Da lässt er sich überraschen.