Engagement Ein weiter Weg zur Inklusion

Weil die Genehmigung eines Schulbegleiters für behinderte Kinder oft viel zulange dauert, hat Susann Dohm eine Petition im Internet gestartet. In Starnberg bietet sie Eltern Informationen und Unterstützung an

Von Sylvia Böhm-Haimerl, Starnberg

Mathe ist das Lieblingsfach von Elias. Susann Dohm kämpft dafür, dass ihr Sohn eine Regelschule besuchen kann.

(Foto: Arlet Ulfers)

Elias sitzt am Küchentisch und macht Hausaufgaben. Mathe mag er am Liebsten. Seine Mutter Susann Dohm aus Starnberg ist stolz darauf, dass Elias seine Hausaufgaben selbständig erledigt. Das ist für einen Schüler der dritten Grundschulklasse eigentlich nichts Besonderes, für Elias aber schon. Denn Elias ist behindert. Damit ihr Sohn eine Regelschule besuchen kann, hat Susann Dohm vor Kurzem eine Petition im Internet gestartet (change.org) unter dem Motto "Starnberg verweigert behinderten Menschen Teilhabeleistung als Schulbegleitung (Inklusion)". Dohm will mindestens 500 Unterschriften zusammenbekommen, 350 hat sie schon gesammelt.

Elias kam viel zu früh auf die Welt. Bis heute leidet der Zehnjährige unter Entwicklungsverzögerungen und einer Immunstörung. Sein Kreislauf ist nicht stabil. Manchmal fällt sein Blutdruck so rasant ab, dass er Herzrhythmusstörungen bekommt und sich hinlegen muss. Manchmal wird Elias sogar ohnmächtig. "Wenn er sich aufregt, geht es auf die Lunge", erklärt seine Mutter. Und weil die Lunge nicht richtig arbeitet, fällt ihm auch das Laufen schwer. Doch Elias ist ein aufgeweckter Junge. Für die Eltern war klar, dass Elias eine Regelschule besuchen sollte. Eine Förderschule kam für sie nicht in Frage. "Ich möchte nicht, dass Kinder mit Behinderung aussortiert werden", betont die Mutter von drei Kindern. Doch der Besuch einer Regelschule, die zum Schulsprengel gehört, stellte sich als Katastrophe für Elias heraus. "Er wurde gemobbt und verprügelt", erzählt die Mutter. Elias erinnert sich, wie er von ein paar Buben bedrängt und ins Gesicht geboxt wurde. Einmal habe er sogar eine Gehirnerschütterung gehabt, sagt er. Nach den Erfahrungen seiner Mutter gibt es diese Probleme oft bei Kindern mit Entwicklungsstörungen. Die 49-Jährige weiß, wovon sie spricht. Ihr ältester Sohn ist ebenfalls behindert. Er hat einen Impfschaden.

Susann Dohm hat deshalb nach einer Regelschule mit einem speziellen Inklusionsprofil für Kinder mit erhöhtem Förderbedarf gesucht. Inklusion, also die Teilhabe von Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft, ist gesetzlich verankert. Doch in der Praxis mussten die Eltern viele Hürden überwinden. Im Landkreis Starnberg gibt es mit der Grund- und Mittelschule Tutzing nur eine einzige Einrichtung mit Inklusionsprofil. Die Warteliste sei entsprechend lang, so Dohm. Die Schule nehme deshalb nur Kinder auf, die auch im Schulsprengel wohnen. Die Starnberger Familie bekam nicht nur von Tutzing eine Absage, sondern von acht weiteren Schulen. Viele Schulen hätten Elias gerne aufgenommen, sagt Dohm. Wegen der großen Klassen seien aber keine Kapazitäten frei und die Bedingungen für behinderte Schüler schlecht gewesen. Nach langer Suche konnte Dohm ihren Sohn in der Grundschule Münsing im Nachbarlandkreis Bad Tölz-Wolfratshausen unterbringen. Dort sei er glücklich, sagt die Mutter. Für Elias steht eine Liege im Klassenzimmer. Er kann sich hinlegen, wenn sein Kreislauf wieder einmal nicht in Ordnung ist. Mobbing auf dem Pausenhof gebe es nicht, betont die Mutter. "Und im Unterricht kommt er gut mit." Eine Schulbegleitung brauche er nur aus medizinischen Gründen. Doch derzeit kann Elias nicht in die Schule gehen. Seine Schulbegleiterin ist im Mutterschutz und Dohm hat noch keinen Ersatz gefunden. Ein Problem sei, dass sich der Bezirk und das Jugendamt seit zwei Jahren um die Zuständigkeiten streiten, moniert Dohm, die die Erfahrung machen musste, dass ihre Probleme kein Einzelfall sind.

Vor zwei Jahren hat Susann Dohm die Elterninitiative "Inklusionsbewegung Starnberg" gegründet. Sie will betroffene Eltern informieren und erreichen, dass mehr Schulen mit Inklusionsprofil eingerichtet werden. Für Kinder mit erhöhtem Förderbedarf sollten Sonderpädagogen zur Verfügung stehen. "Ich will Eltern mit behinderten Kindern die Angst nehmen", sagt Dohm. Ein großes Problem sei, dass die meisten der betroffenen Kinder eine Schulbegleitung brauchen. Ohne Schulbegleitung sei Inklusion also nicht möglich. Eltern sollen deshalb bei der Suche nach Schulbegleitern unterstützt werden.

Schulbegleiter werden stundenweise bezahlt. Ihre Tätigkeit muss vom Schulamt genehmigt werden. Bei Elias müsste die Schulbegleiterin eine medizinische Ausbildung haben, die erkennt, wenn es ihm schlecht geht, sagt Dohm. Zwar hatte die Mutter schon jemanden gefunden. Doch das Genehmigungsverfahren habe so lange gedauert, dass die Bewerberin unterdessen eine andere Arbeit angenommen habe, bedauert sie. In der Petition wird daher gefordert, dass Anträge auf Schulbegleitung schnell bearbeitet werden und Schulbegleiter fest angestellt werden.

Informationen unter www.inklusionsbewegung-starnberg.de, Email: info@inklusionsbewegung-starnberg.de