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Energiewende im Landkreis Starnberg:Düstere Aussichten

Solarpark in Nordrhein-Westfalen

Nur elf Prozent der verbrauchten Energie im Landkreis stammt aus erneuerbaren Quellen, stellt der neueste Umweltbericht fest.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

In Tutzing scheitert ein Solarpark, der Strom für 1600 Haushalte erzeugen sollte. Denn der Gemeinderat will den Landschaftsschutz nicht antasten. Weil auch die Windkraft nicht vorankommt, trommelt Landrat Stefan Frey die Bürgermeister zusammen.

Von Manuela Warkocz

Bis zum Jahr 2035 will sich der Landkreis Starnberg komplett aus erneuerbaren Energien versorgen. So hat es der Kreistag 2005 beschlossen. Noch ein weiter Weg: Denn bislang liegt der Anteil bei gerade einmal elf Prozent, wie Landrat Stefan Frey (CSU) voraussichtlich an diesem Dienstag im aktuellen Umweltbericht im Umweltausschuss des Kreistags darlegen wird. "Das ist ein Wert, der noch ausbaufähig ist", wie er auf SZ-Nachfrage einräumt.

Wie schwer es im Einzelfall sein kann, ein zukunftsweisendes Vorhaben zu realisieren, musste jetzt ein Münchner Projektierer von Solarparks in Tutzing erfahren. Er ist verärgert, dass die Gemeinde eine Fotovoltaikanlage abgelehnt hat, die theoretisch Strom für 1600 Haushalte mit einem durchschnittlichen Verbrauch von 2500 Kilowattstunden jährlich produzieren könnte. Und das, ohne sich überhaupt näher mit den Details des Antrags zu befassen.

"Ich versuche hier als Start-up im Fotovoltaik-Freiflächen-Bereich aus Überzeugung etwas nachhaltig zu bewirken und dann wird so mit einem umgegangen." So platzt es aus Dominik Rechl heraus, nachdem er sich vom Bau- und Ortsplanungsausschuss in Tutzing eine Abfuhr geholt hat. Der Geschäftsführer der DR Solar GmbH plant zwischen dem Tutzinger Ortsteil Traubing und Aschering auf 36 000 Quadratmeter eine Solaranlage mit einer Höchstleistung von 4000 Kilowatt und einem Stromertrag von vier Millionen Kilowattstunden pro Jahr. Sein Projekt, rechnet der Unternehmer vor, würde etwa 2000 Tonnen Kohlendioxid jährlich einsparen, was etwa 500 000 Kubikmeter Erdgas entspräche.

Bei einem Energieversorger hat er die Netzeinspeisung an einem Punkt in akzeptabler Nähe beantragt. Und mit einem Traubinger Landwirt war er auch schon handelseinig geworden. Der würde ihm für 30 Jahre eine vier Hektar große Fläche verpachten. Die Gemeinde hätte ebenfalls was davon, betont Rechl. Denn die Betreibergesellschaft des Solarparks wäre in Tutzing ansässig, so dass dem Ort die Gewerbesteuer zukomme. Auch an einen Lehrpfad über Solartechnologie samt Blühpark für interessierte Bürger und Schulklassen ist gedacht. Die Investitionskosten belaufen sich auf zwei Millionen Euro, so der Geschäftsführer, finanziert von der Umweltbank. Rechl verfolgt nach eigener Aussage drei weitere Solarpark-Projekte in Bayern.

In Tutzing tat sich der Investor von Anfang an schwer. Seit November 2019 habe er im Rathaus immer wieder mit anderen Ansprechpartnern zu tun gehabt. Ein Gespräch mit der Bürgermeisterin sei gar nicht möglich gewesen. Nach sechs Monaten habe man ihn schließlich aufgefordert, mal ein Konzept zu schicken. "Alle Mitarbeiter haben mir immer versichert, dass sie sich melden. Gemeldet hat sich die Gemeinde nur einmal in der gesamten Zeit" - und das sei die E-Mail zur Einladung der Bauausschuss-Sitzung gewesen. Im Vorfeld besichtigten die Mitglieder den Standort nahe einer ehemaligen Kiesgrube.

Dieses Areal liegt nun ausgerechnet größtenteils in einem Landschaftsschutzgebiet. Zwar könne man auf Antrag der Gemeinde die Fläche möglicherweise aus dem Landschaftsschutz herausnehmen, hieß es von Seiten der Verwaltung. Doch dafür müsste ein vorhabenbezogener Bebauungsplan aufgestellt und der Flächennutzungsplan geändert werden. Genau das hat man ganz in der Nähe, östlich des Ascheringer Wegs, getan. Dort betreibt der Traubinger Markus Guggemos seit einigen Jahren zwei Solarparks. Sein Grund lag allerdings nicht im Landschaftsschutz.

Dass der Kreistag der Herausnahme zustimmt, stufte Tutzings Bauamtschef Christian Wolfert als unwahrscheinlich ein. "Das führt ins Leere", so seine Einschätzung. Das ist insofern verwunderlich, als größeren Gewerbegebieten oder Einheimischenmodellen durchaus der Weg geebnet wird, Landschaftsschutz hin oder her. Darauf verwies die Gemeinde- und Kreisrätin der Grünen, Christine Nimbach. Den Verfahrensaufwand mit ungewissem Ausgang wollte sich die Mehrheit der Kommunalpolitiker sparen. Bürgermeisterin Marlene Greinwald (Freie Wähler) befand: "Im Grundsatz eine wunderbare Sache für die Energiebilanz einer Gemeinde, aber es gibt geeignetere Standorte."

Doch wo? Ein prinzipielles Problem ist, dass es für Solaranlagen kein landkreisweites Konzept für Zulassung und Situierung gibt. Im Gegensatz zu Windkraftanlagen. Dafür haben viele Gemeinen Flächen ausgewiesen. Damit es bei diesen Themen vorangeht, will Landrat Frey in Kürze alle Bürgermeisterinnen und Bürgermeister zusammenholen, "um das weitere Vorgehen inhaltlich zu diskutieren, zu koordinieren und abzustimmen".

Für Dominik Rechl und seinen Solarpark in Traubing zeichnen sich auch noch Chancen ab. Denn vom Landratsamt erfuhr die SZ: "Bei einem Solarpark ist es im Einzelfall denkbar, dass die Fläche im Landschaftsschutzgebiet verbleiben kann." Jeder Einzelfall müsse geprüft werden. Eine Entscheidung hänge immer von den Schutzzielen der jeweiligen Landschaftsschutzverordnung und der konkreten Beeinträchtigung dieser Schutzziele durch die Anlage ab. Bisher sei das Vorhaben der Behörde nicht bekannt.

© SZ vom 07.07.2020

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