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Ein Stück Dorfgeschichte:Späte Ehre

Machtlfing Stele

Der Entwurf der Stele für den Widerstandskämpfer Albrecht Haushofer stellen Toni Aigner, Anna Neppel und Franziska Ghirardo (v. li.) vor.

(Foto: Georgine Treybal)

Machtlfing erinnert mit einer Stele an Albrecht Haushofer, Widerstandskämpfer im Dritten Reich. Eine Klosterschwester, ein Arztehepaar und andere Bewohner hatten ihn wochenlang vor den Häschern versteckt

Sie waren ganz junge Burschen, als in ihrem Dorf Geschichte geschrieben wurde: Johann Sontheim, heute 89 Jahre alt, und Rudolf Pfänder, 80, erinnern sich noch ziemlich genau an die Tage im Sommer 1944, als die Machtlfinger zusammenhielten und sieben Wochen lang dem Widerstandskämpfer Albrecht Haushofer Unterschlupf gewährten. Um den Dorfpfarrer Enzensberger und den jungen Arzt Martin Otto hatte sich ein Netzwerk von Bürgern gebildet, die Haushofer in wechselnden Verstecken versorgten. Ihre Bereitschaft, in der vergifteten Atmosphäre des untergehenden Nazi-Regimes das Leben zu riskieren, soll nun mit einem Denkmal geehrt werden. Die Bildhauerin Franziska Ghirardo stellte nun in Machtlfing den Entwurf einer freistehenden Stele aus Bronze vor.

Der rechteckige Rahmen umfasst zwei Textblöcke, die in verschieden großen Lettern mal rechts-, mal linksbündig verlaufen. Die Buchstaben werden freigestellt gegossen, so dass ein Bild aus Text entsteht. Die Stele soll leicht und transparent wirken. Auch über den Standort haben sich Bürgermeisterin Anna Neppel und der Initiator des Denkmals, der Andechser Gemeinderat Johann Albrecht, bereits Gedanken gemacht. Die Abzweigung der Pähler Straße von der Hauptstraße unweit der Bushaltestelle Richtung Tutzing halten sie für den geeigneten Ort. "An der Ecke rührt sich was", bringt es Albrecht auf den Punkt. Stündlich hält der Bus, morgens tummeln sich dort die Schulkinder. Auch sie will Albrecht erreichen. "Eine Ausstellung wird nach acht Woche wieder eingerollt", sagt der gebürtige Machtlfinger. Er wünscht sich dauerhafte Erinnerung, "die sich in der Ortschaft wiederfindet." Am Donnerstagabend ging es darum zu klären, ob auch die heutigen Dorfbewohner sich ein solches Denkmal vorstellen können. Die Resonanz war bis auf eine kritische Stimme durchweg positiv, auch ein bisschen Stolz schwang mit.

"Das ganze Dorf hat dichtgehalten," erzählt Toni Aigner, der sich seit Jahren mit dem Fall Haushofer beschäftigt. Aigner ist Vollbluthistoriker. Im Ruhestand promovierte der ehemalige Andechser Volksschullehrer über "Das Andechser Heiltum. Religion und Politik im Hause Wittelsbach." Mit dem Schicksal von Albrecht Haushofer hat der 79-Jährige eine neue Herausforderung gefunden. Im vergangenen Jahr initiierte er in Tutzing eine große Ausstellung zu Haushofers 70. Todestag. Die wiederum weckt die Aufmerksamkeit von Gemeinderat Johann Albrecht.

Aufgewachsen ist Albrecht Haushofer auf dem Hartschimmelhof zwischen Pähl und Andechs, gewirkt hat er als Professor für politische Geographie und Geopolitik in Berlin. Privilegiert geboren im Jahr 1903 und bestens ausgebildet, steigt er unter der Protektion von Rudolf Heß, dem Stellvertreter Hitlers, und einem engen Freund seines Vaters in Berlin schnell auf. Doch je näher er ins Zentrum der NS-Macht rückt, desto klarer die Erkenntnis, dass der Weg der Nazis nicht der richtige sein kann. Bereits 1941 wird er erstmals in Haft genommen. Die Überwachung nach seiner Entlassung hindert ihn nicht daran, sich im Untergrund an den Planungen für eine Reichs- und Verwaltungsreform im nachsozialistischen Deutschland zu beteiligen. Am Attentat vom 20. Juli 1944 ist Haushofer nicht direkt beteiligt, muss sich aber dennoch versteckt halten. Zu eng sind seine Verbindungen zu den bekannten Widerstandskreisen.

Er flieht in die Heimat. Mit der Unterstützung einiger mutiger Mitbürger gelingt es ihm, sich immerhin sieben Wochen vor den Häschern Hitlers zu verstecken. Wesentlichen Anteil daran haben die Benediktinerin Symphorosa Kohler vom Klostergut Kerschlach und der Machtlfinger Arzt Dr. Martin Otto mit seiner Frau Elisabeth. Sie beweisen, was heute Zivilcourage genannt wird, und organisieren ein Netzwerk von Helfern, die Haushofer in diversen Schlupfwinkeln versorgen, darunter ein Stadel auf Kerschlacher Flur und der Kirchturm in Machtelfing.

Am 18. September 1944 wird es eng. Ein Kommando der SS durchkämmt die Gegend. Auch Johann Sontheim, der die frische Milch mit dem Traktor nach Feldafing bringt, wird kontrolliert. Schwester Symphorosa und das junge Ehepaar Otto werden verhaftet, dem gesuchten Widerstandskämpfer aber gelingt die Flucht auf einen Bauernhof bei Garmisch. Dort setzt ihn die Gestapo am 7. Dezember fest. In der Nacht zum 23. April 1945 wird Haushofer in Berlin von einem Kommando der SS ermordet. Wenige Tage bevor der zweite Weltkrieg sein Ende nimmt.

Während seiner Gefangenschaft im Berliner Gefängnis Moabit verfasst er einen Zyklus von achtzig Gedichten, die der Bruder bei seiner Leiche findet. Eines trägt den Titel "Heimat". Die zweite Strophe wird auf der Stele in Machtlfing zitiert: "Ich wollte nicht aus meiner Heimat gehen,/ sie schien mir lange guten Schutz zu gönnen./ Dann hat auch sie mich nicht mehr bergen können./ Ich werde lebend kaum sie wiedersehen."