Ehrenamt:Feuerwehren fehlt der Nachwuchs

Brand eines Gartenhauses in Herrsching

Immer weniger Jugendliche und Bürger wollen sich bei den Feuerwehren des Landkreises engagieren. Auf unserem Foto waren etwa Feuerwehrleute aus Herrsching und Andechs im Einsatz, um den Brand eines Gartenhauses zu löschen.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Weil sich immer weniger Freiwillige finden, droht der Gruppe in Hanfeld nun sogar die Auflösung. Kreisbrandrat Markus Reichart will nun verstärkt um Frauen werben, nachdem die Jugendlichen kaum noch die nötige Zeit finden.

Von Astrid Becker, Starnberg

Wer in diesen Tagen Kreisbrandrat Markus Reichart begegnet, wird ein paar Sorgenfalten auf seiner Stirn entdecken. Lange Zeit blieb der Landkreis Starnberg vor Nachwuchsproblemen bei der Feuerwehr verschont. Erstmals geht nun aber auch hier die Zahl der aktiven Einsatzkräfte zurück. Hanfeld trifft es am härtesten: Dort ist laut Reichart sogar zu befürchten, dass die Feuerwehr irgendwann ganz aufgelöst wird.

In Bayern ist der Nachwuchsmangel bei den Freiwilligen Feuerwehren schon seit Jahren gravierend. 2004 zum Beispiel gab es noch etwa 330 000 aktive Feuerwehrleute, 2015 waren es der Statistik des Bayerischen Innenministeriums zufolge nur mehr 313 000 Ehrenamtliche. "Gegen diesen rückläufigen Trend konnten wir lange Jahre anstehen", sagt Kreisbrandrat Reichart. Doch dies ist nun vorbei.

Auch im Landkreis hat die Zahl der Menschen, die sich aktiv bei einer der 44 Feuerwehren engagieren, abgenommen. Waren es Ende 2015 noch 1807, hat Reichart Ende 2016 nur mehr 1773 zu verzeichnen. Es handelt sich dabei durchweg um freiwillige Helfer, eine Berufsfeuerwehr gibt es nur in Städten mit mehr als 100 000 Einwohnern. In Bayern sind das gerade einmal sieben. Trotzdem wird die Feuerwehr durchschnittlich im Freistaat alle zwei Minuten alarmiert, die Zahl der Einsätze wächst weiter, weil auch die Anforderungen an die Feuerwehr zugenommen haben.

"Wenn wir beispielsweise Hochwasser oder Unwetter haben, die Keller volllaufen, schnalzt die Zahl unserer Einsätze allein deswegen ganz schnell um 500 bis 800 nach oben", sagt Reichart. Bisher, so sagt er, konnten sie noch bewältigt werden. Das liegt ihm zufolge aber auch daran, weil die Feuerwehren im Kreis die Zahl ihrer auch tagsüber zur Verfügung stehenden Einsatzkräfte recht konservativ rechnen. Reichart nennt Oberpfaffenhofen als Beispiel: Dort würden immer sechs Einsatzkräfte für den Tag gemeldet, real sind es dann aber doch zehn bis zwölf. Sorgen muss sich derzeit also noch niemand im Kreis machen, nicht von der Feuerwehr gerettet zu werden.

Künftig aber wird es etwas kritischer - vor allem in Hanfeld. Wenn dort noch ein einziger Feuerwehrler aufhört, ist der Fortbestand der Truppe massiv gefährdet. Denn das Gesetz schreibt eine dreifache Besetzung vor. Das heißt: Zur Verfügung stehen müssen drei Mal neun Leute, also insgesamt 27. In Ausnahmefällen darf eine Wehr aus nur 18 Aktiven bestehen, aus weniger aber nicht. In Hanfeld sind es derzeit genau 18: "Das ist gerade noch vertretbar. Auf Dauer geht das aber nicht", sagt Reichart. Da müsse man womöglich irgendwann über eine Auflösung nachdenken - wie es gerade der Feuerwehr Eckartshausen bei Schweinfurt ergangen ist, die deshalb geschlossen worden ist.

Länger im Dienst

Während 1970 in Bayern noch etwa 140 000 Menschen geboren wurden, waren es 2015 nur etwa 118 000. Freiwillige Feuerwehren könnten unter diesen Voraussetzungen nicht mehr einsatzfähig sein, betont der Vorsitzende des Landesfeuerwehrverbands, Alfons Weinzierl, immer wieder. Der Verband setzt daher nicht nur auf umfangreiche Werbekampagnen für die Feuerwehr, sondern auch auf eine Gesetzesänderung, die im Juli in Bayern verabschiedet werden soll. Darin soll das Altersgrenze für aktive Feuerwehrleute von 63 auf 65 Jahre angehoben werden. Zudem dürften demnach Feuerwehren auch Gruppen für Kinder ab sechs Jahren einrichten, um sie an die Feuerwehr zu binden. Zudem sollen sich kleinere Feuerwehren auf dem Land zu Zweckgemeinschaften zusammenschließen und Synergien nutzen.

Im Landkreis Starnberg sind die Feuerwehren 2016 453 Mal nach Brandmeldungen ausgerückt, 1145 Mal zu technischen Hilfeleistungen, 186 Mal zu sonstigen Einsätzen und 1541 Mal als "First Responder". Dabei leisten die Feuerwehrleute nachts, an Feiertagen oder an Wochenenden schnelle Hilfe bei medizinischen Notfällen im Ort. First Responder werden zusätzlich zum Rettungsdienst alarmiert. abec

Dieser Negativtrend hat diverse Ursachen. Viele, so sagt Reichart, könnten nicht mehr so einfach weg, aus familiären Gründen oder auch aus beruflichen. Auch die Gesundheit spiele nicht immer mit - zum Beispiel, wenn einer der Atemschutzträger erkältet sei, könne er keinen Einsatz fahren. Immerhin gibt es hier Positives zu vermelden. Die Zahl derer, die sowohl körperlich als auch von der Ausbildung her befähigt sind, ein Atemschutzgerät zu tragen, hat im Kreis zugenommen: Von 652 im Jahr 2015 auf 675 bis Ende 2016.

Allerdings fehlt Reichart dennoch der Nachwuchs. Es melden sich also zu wenig Jugendliche, die Mitglied bei der Feuerwehr werden wollen: 2015 waren es noch 431, 2016 nur mehr 419 sogenannte Feuerwehranwärter. An schlechter Jugendarbeit liegt dies aber offenbar nicht.

Reichart führt hier als einen Grund für den fehlenden Nachwuchs auch das G 8, das sich, selbst wenn es abgeschafft wird, noch die nächsten Jahren auswirken lässt: "Der Druck ist für viele zu groß, um sich noch für ein Ehrenamt zu engagieren." Dazu komme das ohnehin große Freizeitangebot im Speckgürtel Münchens und vielfältigere Vereinsangebot als in anderen Gegenden.

174 Frauen

engagieren sich derzeit bei den Feuerwehren des Landkreises, sagt Kreisbrandrat Markus Reichart. Er möchte mehr weibliches Personal rekrutieren, um die rückläufigen Mitgliederzahlen zu verbessern. Damit sich auch mehr Jugendliche für die Wehren interessieren, plädiert er für einen Ausbau der Feuerwehrhäuser.

Verstärkt bemühen sich die Feuerwehren im Kreis nun auch um Frauen: Immerhin gibt es mittlerweile 174 (2015 waren es noch 163) Feuerwehrfrauen und 100 Feuerwehranwärterinnen (2015: 92). Und Reichart setzt auch weiterhin auf einen konsequenten Ausbau der Feuerwehrhäuser: "Wir brauchen dort Aufenthaltsräume, in denen sich die Jugend auch einfach mal so treffen kann, das ist wichtig", meint er und belegt das am Beispiel Kempfenhausen, das sich regen Zulaufs erfreut und sich sehr engagiert - bei der Jugendfeuerwehr und der Kinderfeuerwehr, die es seit 2012 gibt. Dort, so sagt Reichart, gebe es aber kaum andere Vereine: "Und das Feuerwehrhaus hat sich als Treffpunkt für die jungen Leute entwickelt."

© SZ vom 06.05.2017
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