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Ehe und Familie:Objekt der Begierde

Der Himmel auf Erden für Brautpaare? Das ehemalige Wohn- und Arbeitshaus der Künstler Anna Sophie und Matthias Gasteiger.

(Foto: Arlet Ulfers)

Ein Hochzeitstermin im Künstlerhaus Gasteiger ist für Brautpaare offenbar so etwas wie der Sechser im Lotto. Wer dort heiraten will, muss entweder sehr früh aufstehen oder 130 Mal anrufen, um durchzudringen. Heuer sind nur 55 Trauungen vorgesehen

Von Armin Greune, Utting

Den 17. Oktober 2019 muss sich Claudia Breier nicht mehr rot im Kalender markieren, das Datum vergisst sie nicht. Es wird der Tag sein, an dem schon Schlangen vor dem Uttinger Rathaus warten, bevor aufgesperrt wird. Der Tag, an dem Breier schon am frühen Nachmittag heiser ist, weil sie pausenlos Anfragen im Standesamt oder am Telefon beantworten muss. Die meisten davon abschlägig, denn die 50 Termine, die sie und ihre Kollegin Claudia Maisterl für 2020 vergeben können, sind rasch weg - da helfen auch nicht kaum verblümte Bestechungsversuche.

Wer im Künstlerhaus Gasteiger heiraten will, muss sehr früh aufstehen oder einen langen Atem haben. Wie die Anruferin, von der Helga Schraidt erzählt, die Kastellanin des Anwesens: Die Frau bemühte 130 Mal das Telefon, um zu einem Trauungstermin zu kommen. Obwohl Schraidt nicht im Standesamt arbeitet, erreichen auch sie viele Bittgesuche: "Das größte Problem sind ehemalige Uttinger, die heiraten wollen, wo sie aufgewachsen sind. Die rufen bei mir an, weil sie mich noch kennen", sagt Schraidt. Wer aktuell im Ort lebt, wird bevorzugt behandelt: "Uttinger Brautpaare sehen wir als Pflichttermine", sagt Breier, notfalls springe Bürgermeister Josef Lutzenberger ein, um "Kurzentschlossene, Hochschwangere und Steuerpflichtige im Dezember" im Künstleranwesen zu trauen. Von den 55 Hochzeiten, die heuer dort terminiert sind, übernimmt der Rathauschef elf. Etwa drei lange im Voraus getroffene Termine pro Jahr werden kurzfristig abgesagt, die Warteliste der potenziellen Nachrücker ist lang, sagt Breier. Im Schnitt treffen im Rathaus täglich drei Anfragen von Brautleuten ein. Wenn dann im September die verfügbaren Termine fürs Folgejahr im Internet veröffentlicht werden, steigt die Frequenz noch einmal.

Natürlich wären die Standesbeamtinnen angesichts der immensen Nachfrage bereit, mehr Ehen im Gasteigerhaus zu schließen - doch ihre übrigen Aufgaben lassen es nicht mehr zu. Seit ein Organisationsgutachter festgestellt hat, dass sie mit ihrem Ressort unterfordert wäre, muss sich Breier im Rathaus auch noch mit Wahlen und sicherheitsrelevanten Fragen befassen. In der Folge sind die verfügbaren Trauungstermine stark zurückgegangen: Im Rekordjahr 2006 gab es 224 Brautpaare, die sich im Gasteiger-Anwesen das Ja-Wort gaben. Das war auch der Staatlichen Schlösser- und Seenverwaltung zu viel, man fürchtete eine zu starke Abnutzung ihrer denkmalgeschützten Immobilie. Danach war die Zahl der Heiratstermine jahrelang auf 150 beschränkt gewesen.

Inzwischen wären die Hauseigentümer wohl froh, wenn es wieder so viele wären, vermutet Breier. Denn seitdem die Mieteinnahmen mit den Hochzeitern schwinden, bliebe immer weniger Geld für Restaurierungen übrig. Christoph Straßer, Baureferent der Schlösserverwaltung, verneint da einen Zusammenhang: Daran, dass man in dieser Winterpause "nur schlic hte Notwendigkeiten" im Haus erledigen konnte, seien die hohen Baufirmenpreise und andere Aufgaben schuld - etwa an der Alten Villa Utting. Wer aber nicht gerade in dem idyllischen Gasteiger-Haus mit seinem großzügigen Park und den blühenden Wiesen am See heiraten will, ist immer willkommen. Und auch das Haus selbst ist mit dem kleinen Museum vom 7. April an wieder sonntagnachmittags für Besucher geöffnet.

© SZ vom 05.04.2019
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