Eching Mückenalarm am Ammersee

Die Plagegeister sind vor allem am Nordwestufer aktiv. Darunter leiden Anwohner wie Urlauber. Eine Initiative um den Schondorfer Gemeinderat Rainer Jünger setzt sich für den Einsatz von Chemie ein

Von Anna Gleiser, Eching

"Die Leute sehen aus wie Streuselkuchen", erzählt Miriam Pavic, Inhaberin des Strandhauses in Eching. Gerade für die Kinder sei es besonders schlimm, weil man sie ja nicht mit Chemiekeulen einsprühen könne. Es geht um das leidige Thema Mücken. Auch in diesem Jahr leiden Anwohner, Gastronomen und Gäste vor allem am Ammerseer Nordufer wieder unter den Plagegeistern. Die kleinen Zweiflügler sind das Gesprächsthema Nummer eins unter den Gästen des Strandhauses, wenn sie es denn bis auf die Terrasse des Restaurants direkt an der Echinger Liegewiese schaffen. Einige machen schon auf dem Parkplatz wieder kehrt, berichtet Pavic. Sobald man aus dem Auto steigt, ist man umringt von den kleinen summenden Quälgeistern. Viele ergreifen gleich wieder die Flucht, beklagt die Wirtin. Und diejenigen, die kommen, sitzen in Tücher gehüllt, mit Kapuze und langärmlig oder ganz kreativ mit Ventilator am Tisch. Die Pächterin des Strandhauses hat von einigen verzweifelten Gästen schon gehört, dass sie Gift in ihre Hecken sprühen, um der Lage ein wenig Herr zu werden. Denn gemütliches Draußensitzen und Grillen ist in Eching kaum noch möglich. Teilweise reisen Urlauber sogar vorzeitig ab, weil sie es nicht mehr aushalten, erzählt die Gastronomin weiter. "Für uns ist es wirklich geschäftsschädigend. Ich bin mir sicher, dass die Terrasse abends voll wäre, aber die Leute flüchten nach dem Baden regelrecht."

Mit Citronella-Kerzen versucht Miriam Pavic, der Mücken auf der Terrasse des Strandhauses Eching Herr zu werden.

(Foto: Arlet Ulfers)

Aus diesem Leidensdruck heraus hat sich die Initiative "Mückenplage - Nein Danke" rund um den Schondorfer CSU-Gemeinderat Rainer Jünger gebildet. Auch viele ansässige Gastronomen, wie Miriam Pavic, unterstützen die Initiative. Ziel ist eine möglichst umweltschonende Bekämpfung der Überschwemmungsmücke am Ammersee.

An Chiemsee, Oberrhein und entlang der Amper wird das Bodenbakterium Bacillus thuringiensis israelensis (Bti) bereits seit bis zu 40 Jahren eingesetzt. Dies möchten Jünger und seine Mitstreiter nun auch für die am Ammersee betroffenen Gebiete erreichen. Bti ist ein Eiweiß, welches im Darm der Larven reagiert und sie tötet. Die Initiative sammelt Unterschriften, um in der jeweiligen Gemeinde einen Antrag auf Verwendung von Bti zu stellen. Man möchte "einen ordentlichen, demokratischen Willensbildungsprozess", so der Schondorfer Gemeinderat. Derzeit erhält er etwa 40 bis 50 neue Unterschriften täglich. "Wir müssen ja kein Quorum erreichen. Wenn wir 2000 bis 3000 Unterschriften bekommen, ist das auch schon ein deutliches Zeichen der Bürger", sind sich Jünger und Mitinitiator Philipp Wagner aus Eching einig. Einen konkreten Zeitpunkt, bis wann sie dieses Ziel erreichen wollen, nennt Rainer Jünger nicht, aber er ist sehr zuversichtlich, dass sie im September mit der Auswertung der Unterschriften beginnen können.

Die Stechmücke ist ein echter Quälgeist.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Geht ein Antrag im Gemeinderat durch, wird das Gebiet zunächst kartiert, um die genauen Überschwemmungsgebiete und ansässigen Mücken zu definieren. Reagiert würde dann situativ. Wenn es Überschwemmungen gibt, würden Proben in den Gebieten entnommen und analysiert, um abzuschätzen, ob daraus eine Plage werden könnte. Erst im Anschluss daran würde das Bakterium "ganz zielgerichtet", so Rainer Jünger, ausgebracht werden. Die Initiatoren betonen, dass es nicht darum geht, die Mücke am Ammersee auszurotten, sondern zielgerichtet gegen die Überschwemmungsmücke vorzugehen und deren Ausbreitung einzudämmen, um die Lebensqualität der Anwohner und Urlauber zu verbessern.

Bti

Es gibt genaue Vorschriften, wie und wo das Bodenbakterium Bacillus thuringiensis israelensis (Bti) zur selektiven Bekämpfung von Stechmücken ausgebracht werden darf: Nur bei einer hochgradigen Belastung von Wohn- und Erholungsgebieten, nach Prüfung der höheren Naturschutzbehörden und nur in stehenden Gewässern ohne Zufluss zu Seen oder Flüssen. Die Ausbringung erfolgt per Helikopter oder Handapplikation. Am Ammersee geht es vor allem um die Bekämpfung der Überschwemmungsmücke, deren Larven äußerst robust sind. Sie werden von den Weibchen in Ufergebieten von Gewässern, deren Pegelstand sich oft verändert, oder in Tümpeln, die bei Hochwasser entstehen, ausgebracht. Die Larven können bis zu zehn Jahre überleben und dann bei hohen Niederschlägen in Tümpeln, Pfützen oder überschwemmten Wiesen und Feldern schlüpfen. glan

Es sei ein Abwägungsprozess zwischen dem Leidensdruck der Betroffenen und dem Eingriff in die Natur, so Rainer Jünger. Miriam Pavic stellt die Frage, "ob es denn besser sei, dass die Leute damit anfangen, in ihren Gärten Gift auszubringen", um den Sommer doch noch draußen genießen zu können, wenn es doch eine schonendere Alternative gäbe.

Der Schondorfer Bürgermeister Alexander Herrmann (Grüne) sieht die Situation kritischer: "Es wird immer Jahre geben, in denen es mehr Mücken gibt, aber ich glaube nicht, dass die Mücken-Population am Ammersee insgesamt zugenommen hat." Er versteht durchaus, dass sich die Leute durch die Plagegeister gestört fühlen. Gerade für die Kleinsten sei es ein Problem, aber die Lösung könne nicht ein derartiger Eingriff in die Natur sein. Gerade weil die Langzeitauswirkungen auf das Ökosystem noch nicht ausreichend erforscht seien. Das Fehlen wissenschaftlicher Erkenntnisse bestätigt auch Felix Sauer, Doktorand an der Universität Oldenburg, der über Stechmücken in Deutschland forscht. Die Fachwelt ist sich bezüglich der Auswirkungen von Bti nicht einig. Es sei zwar ein sehr selektives Gift, das hauptsächlich die Stechmücke bekämpft, aber auch andere Zweiflügler, die in stehenden Gewässern laichen, können betroffen sein. Bürgermeister Herrmann meint, dass das Thema zu sehr aufgebauscht wird und sich die Leute wie bei Pippi Langstrumpf die Welt machen wollen, wie sie ihnen gefällt. "Man kann doch nicht aufs Land ziehen und dann erwarten, dass es nicht nach Mist riecht oder die Kirchturmglocken läuten."