Der Blick in die Schöpfkelle verheißt nichts Gutes: In dem Wasser, das Mitglieder des Vereins „Mückenplage? Nein, danke!“ aus überschwemmten Flächen genommen haben, wimmeln Dutzende Mückenlarven. „Dieses Jahr wird es eine gewaltige Mückenplage geben, die frühere noch toppen wird“, prognostiziert der Vereinsvorsitzende Rainer Jünger aus Schondorf am Ammersee. Noch immer stehen viele Flächen westlich der Amper bis hin zum Ammersee und südlich der A 96 unter Wasser – ideale Brutstätten für Milliarden Überschwemmungsmücken.
Der Begriff „Mückenplage“ lässt sich übrigens spezifizieren. Eine Plage besteht, wenn ein Mensch mehr als 20 Mal pro Minute gestochen wird, so Biologin Doreen Werner in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Spiegel. „Die ersten Mücken sind schon geschlüpft, die Belastung nimmt täglich zu“, weiß Jünger. Es könnte bis Mitte August dauern, bis sich die Lage wieder beruhigt. Er erinnert sich gut an die Mückenjahre 2017 und 2019, als man bei schönstem Wetter wochenlang bei geschlossenen Fenstern zu Hause blieb. Jeder Gang nach draußen wurde mit 20, 30, 40 Stichen bestraft. Die Antimücken-Sprays halfen zwar etwas, „aber die Rückstände belasten das Wasser. Das landet alles in der Amper“, befürchtet Jünger.
Dabei gäbe es ein wirksames Mittel gegen das Übermaß an Überschwemmungsmücken. 2019 hatten sich die besonders leidgeplagten Echinger in einem Ratsbegehren mit fast 80 Prozent dafür ausgesprochen, deren Population durch ein spezielles Bakterien-Eiweiß, genannt Bti, zu regulieren. „Sie sollen nicht ausgerottet, sondern auf ein erträgliches Maß dezimiert werden“, sagt Jünger. Dieses Mittel wird bereits erfolgreich am Oberrhein und am Chiemsee eingesetzt. Es wirkt ausschließlich bei Larven von Überschwemmungsmücken, indem es deren Darm platzen lässt. Es gibt bereits Untersuchungen und Pläne wie und wo Bti (Bacillus Thuringiensis Israelensis) ausgebracht werden soll, „aber über die Pläne hinaus wurden keine Maßnahmen getroffen. Auch wurden die erforderlichen Anträge bei den Behörden nicht gestellt“, bedauert Jünger, der dies als „eklatantes Versäumnis, den klaren Bürgerwillen umzusetzen“ sieht. Allerdings gibt er zu, dass die Situation mit den Mücken in den vergangenen beiden Jahren erträglich war. „Der Mensch vergisst dann schnell“.
Der Einsatz von Bti ist umstritten
Doch jetzt ist das Thema wieder aktuell. Um zu dokumentieren, wie gravierend die Lage derzeit ist, nehmen Vereinsmitglieder alle ein bis zwei Tage Schöpfproben in Absprache mit dem Biologen Matthias Galm, einem Spezialisten im Bereich der Überschwemmungsmücken. So soll die Larvenkonzentration an verschiedenen Orten, die Entwicklungsstufe der Larven und der Zeitpunkt des Schlüpfens ermittelt werden. Außerdem beobachtet das Team, ob nach der ersten Welle noch weitere Generationen heranreifen. Für den Bti-Einsatz ist es heuer allerdings zu spät. Weder das Mittel noch eine geschulte Einsatzgruppe, die ausschließlich die zuvor bestimmten Flächen besprüht, stehen bereit und die ersten Larven sind bereits geschlüpft. Dafür wurden in Eching CO2-Fallen angeschafft. Mückeneier sind übrigens besonders langlebig, weiß Jünger. Sie können bis zu zehn Jahre lang im Trockenen warten, bis es endlich wieder Hochwasser gibt und sie zu Larven mutieren können.

Der Einsatz von Bti ist umstritten. „Es gibt auch Nachteile“, gibt Jünger zu. Zwar sei das Mittel für Menschen und Tiere ungefährlich, es könnten aber Zuckmücken, die nicht dezimiert werden sollen, sterben. Die Gefahr könne man seiner Meinung nach begrenzen, indem typische Zuckmücken-Gebiete beim Bti-Einsatz ausgelassen werden. Überhaupt kann das Mittel nur nach Abstimmungen mit den Naturschutzbehörden an überschwemmten Mulden und Tümpeln ohne Ablauf eingesetzt werden. In anderen Gewässern fressen Fische oder andere Tiere die Mücken. Sinnvoll wäre es, wenn alle Ammerseegemeinden an einem Strang ziehen, so Jünger. Auch wenn die Situation beispielsweise in den sumpfigen Bereichen von Herrsching-Lochschwab ähnlich belastet ist, hat der dortige Gemeinderat den Bti-Einsatz vor ein paar Jahren abgelehnt. In anderen Gemeinden sieht es ähnlich aus.
Die Bürger am Ammersee wappnen sich indessen vor der bevorstehenden Plage. Sie versehen ihre Fenster mit Mückennetzen, kaufen CO₂-Fallen, deren Duftstoff Mücken in Fangbeutel lockt. Manche setzen auch umweltschädliche Insektizide ein, die andere Insektenarten mit vernichten, kritisiert Jünger. „Der Sommer wird für viele wieder einmal mehr im Haus stattfinden, weil es draußen kaum auszuhalten sein wird“.

