Süddeutsche Zeitung

Dissertation:Wie aus Herrsching ein "braunes Nest" wurde

Archivarin Friedrike Hellerer forscht über den Aufschwung der NSDAP im Landkreis.

Sämtliche Spruchkammerakten des Landkreises Starnberg habe sie in der Hand gehalten, berichtete die Herrschinger Archivarin Friedrike Hellerer. Das Ergebnis ihrer Recherchen über die NSDAP in Starnberg und Herrsching hat sie in einer 450 Seiten starken Dissertation zusammengefasst. Aus dem mit "magna cum laude" bewerteten Werk las Hellerer beim Verein für Archäologie und Geschichte Herrschings. Da ein Abend viel zu kurz für das Thema ist, wird Hellerer ihre Erkenntnisse an fünf weiteren Abenden vorstellen. Der erste Teil umfasste die frühe Entwicklung der NSDAP-Ortsgruppen Starnberg und Herrsching.

Fakt ist, dass Herrsching ein im Vergleich zu anderen Landkreisgemeinden ausnehmend übles "braunes Nest" gewesen ist, wie die promovierte Historikerin belegte. So seien die Nationalsozialisten bei der Wahl 1932 in Herrsching die stärkste Partei gewesen, "solche Ergebnisse gab es in den anderen Gemeinden nicht". Ein Grund könnte der Herrschinger Fritz Reinhardt gewesen sein, mutmaßt die Herrschinger Hobbyarchäologin. Der stramme Nazi ist heute vor allem als Gründer der Reichsfinanzschule bekannt.

In Hellerers Forschungsarbeit spielt er neben dem ehemaligen Starnberger Bürgermeister Franz Xaver Buchner eine Hauptrolle in Sachen NSDAP. Per Zufall habe sie Buchners Machwerk "Kamerad! Halt aus! Aus der Geschichte des Kreises Starnberg der NSDAP" aus dem Jahre 1940 in die Hand bekommen. Ein für Hellerer besonders wertvolles Buch, denn darin habe Buchner aus Protokollbüchern und Unterlagen des NSDAP-Kreisarchivs zitiert, die nach dem Krieg "verschwunden" waren.

Es ist ein Werk, das vor überzogenem Pathos nur so "trieft", erklärte Hellerer. Schmähungen, Hassreden, Aufrufe zu Gewalt gegenüber politischen Gegnern und Juden, viele Ausrufezeichen und ein eigenwilliger expressiver Schreibstil seien bei den Lesern gut angekommen.

Der Autor schildert in seinem Buch die Anfänge der NSDAP in Starnberg 1925 und Herrsching 1926. Der 1898 in Starnberg geborene Buchner arbeitete als Inspektor im Starnberger Vermessungsamt. 1933 wurde er zum Starnberger Bürgermeister ernannt. Die aggressive Propaganda und der militante Charakter der NSDAP gefielen ihm früh. Bereits 1923 trat er der Partei bei.

Im Bezirk Starnberg lebten damals nur wenige Juden, so Hellerer. "Sie waren geschätzte Sommerfrische-Gäste". Ab 1925 wurden sie auf der Starnberger Seepromenade Opfer vom "Kesseltreiben" der Nazis mit Buchner vornweg. Die jüdischen Villenbesitzer verkauften ihre Häuser nach und nach. "Nicht schlagen und kampfunfähig wollen wir die Gegner machen - vernichten wollen wir sie! Ausrotten! Gewalt wird mit der Faust gebrochen! Schaut weg, Ästheten, wenn euch schlecht wird!", solche Zeilen im Buch belegen die Geisteshaltung des überzeugten Nazis.

1926 veranstaltete Buchners NSDAP einen "Deutschen Tag", zu dem auch Adolf Hitler eingeladen wurde. Fotos davon prangen in dem Nazi-Werk. Ein paar Monate später wurde nach Starnberg die zweite NSDAP-Ortsgruppe im Landkreis im Herrschinger "Bahnhofhotel", dem heutigen Andechser Hof, gegründet. Der Handelsschuldirektor Fritz Reinhardt und 18 Herrschinger waren die ersten Mitglieder. "Die Berufsangaben umfassen einen beachtlichen Ausschnitt der Herrschinger Bevölkerung, die zu dieser Zeit circa 1400 Einwohner zählte", hat Hellerer herausgefunden. Bauern fehlten völlig, manche alteingesessene Familie war vertreten.

Reinhardts politische Karriere ging mit Eintritt in die NSDAP steil nach oben. Er wurde Gauleiter, war stellvertretender Herrschinger Bürgermeister (1929 -1932), Reichstagsmitglied und von 1933 bis 1945 Staatssekretär im Reichsfinanzministerium. Zur Ortsgruppe Starnberg gehörten die "Orte am West- und Ostufer des Starnberger Sees, die Dörfer zwischen Wolfratshausen und Erling, im Süden bis nach Bernried und Seeshaupt, das Bachhauser Filz und die Höfe im Isartal. Das Herrschinger "Kampfgebiet" umfasste "sechzig feindliche Widerstandsnester", hatte Buchner in seinem Nazi-Werk protokolliert.

Reinhardt normierte die Versammlungen und gründete als Reichspropagandaleiter II die Rednerschule der NSDAP. Das "Rednermaterial" erschien anfangs in der kleinen Druckerei der Andechser Rundschau in Herrsching. Die ausgebildeten Redner verbreiteten ihr Gedankengut dann auf Veranstaltungen wie den "Sprechabenden", auf denen Parteimitglieder und Sympathisanten unter Ausschuss der Öffentlichkeit über die Parteiarbeit "aufgeklärt" wurden. Mit großem Erfolg: Die Wirkung der nationalsozialistischen Vorträge gerade in kleinen, ländlichen Gemeinden sei für die Wahlerfolge 1931 und 1932 ausschlaggebend gewesen, so Hellerer.

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SZ vom 07.11.2017
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