Dieser schockierende Fall treibt die Menschen in der Ammersee-Region weiter um. Sie fragen sich, warum auf einem einstigen Vorzeigehof bei Dießen 80 Ziegen massiv vernachlässigt wurden und elendig sterben mussten. Und warum die Betreiber der „Ziegenbande“, wie sich der Hof nennt, sich nicht dazu erklären. Alles kam nur durch einen Hinweis am 6. Mai ans Tageslicht – und nur deshalb konnten noch 41 bereits geschwächte Tiere vom Veterinäramt gerettet werden. Doch nun könnte alles noch viel schlimmer kommen: Denn mittlerweile werden nicht mehr 80 weitere Milchziegen vermisst, sondern inzwischen 150.
Von dieser Anzahl geht das Landratsamt Landberg jedenfalls aus, weil auf dem betroffenen Hof insgesamt 270 Ziegen gemeldet gewesen seien, wie eine Sprecherin der Behörde mitteilt. Doch über den Verbleib dieser Tiere sei kein Nachweis erbracht worden. Das Nutztierhalteverbot gegen die Ziegenbande ist zudem inzwischen rechtskräftig und der Fall per Strafanzeige wegen Verstoßes gegen Tierschutzgesetze an die Staatsanwaltschaft Augsburg übergeben worden.
Diese schlimmen Vorgänge seien für die Anbieter regionaler landwirtschaftlicher Produkte sehr belastend und geschäftsschädigend, klagt Peter Kaun, Leiter des Viktualienmarktes in Dießen. Schließlich lebe die Bio-Branche vom Vertrauen und müsse glaubwürdig bleiben. Inzwischen aber fragten viele Kunden kritisch nach und man spüre, dass das Vertrauen erschüttert wurde. Der Dießener glaubt, dass die hohe Anzahl der Ziegen dem bäuerlichen Familienbetrieb irgendwann „über den Kopf gewachsen“ sei. Er verstehe aber nicht, warum die Halterin dann nicht um Hilfe beim Ziegenzuchtverband oder an anderen Stellen gebeten habe.
Auf dem Dießener Viktualienmarkt hat die „Ziegenbande“ bisher keinen Käse verkauft, wollte aber wie im vergangenen Jahr auf dem örtlichen Töpfermarkt Ende Mai wieder mit einem Imbissstand vertreten sein. Als sich jedoch bestätigte, dass auf dem Hof in Rieden 80 tote Ziegen entdeckt wurden, sprach die Gemeinde die Betreiber an. Es sei daraufhin auf einen Stand verzichtet worden, sagt Karl Heinz Springer, der Geschäftsleiter des Rathauses in Dießen. Man sei deshalb „nicht undankbar“ gewesen, merkt er an. Sein Amtskollege aus Inning, Jürgen Hafner, hatte seinerzeit auch schnell reagiert und schloss nach ersten Berichten bereits Anfang Juni den Hof vom Inninger Wochenmarkt aus – aus moralischen Bedenken und um die Ruhe auf dem Markt zu bewahren, so Hafner.
Die Betreiber der „Ziegenbande“ wollen keine Stellungnahme abgeben
Inzwischen haben die Ziegenhof-Betreiber von sich aus auf ihren Stand auf dem Uttinger Markt verzichtet. An diesem Freitag blieb auch ihr Platz auf dem Gautinger Markt verwaist. Nach dem Verlust ihrer Tiere hatte der Betrieb vom Ammersee die Bio-Ziegenmilch anderer Bauern zu Käse verarbeitet. Das wurde in einem Newsletter an Inhaber von Genussscheinen und Kapitalgeber mitgeteilt, die das „Regionale Investitionsprojekt“ unterstützen. Das ehrgeizige Vorhaben mit dem Bau eines großen Ziegenstalls mit Melkhaus und Käserei in Rieden war vor zwei Jahren gestartet worden.
Zumindest bis vor Kurzem gehörten die Ziegenbande-Produkte noch zum Sortiment eines Bio-Supermarktes in Utting. Auf Nachfrage der SZ erklärte dessen Geschäftsleitung jetzt: „Wir möchten dazu nichts sagen und halten uns aus dieser Sache raus.“ Die Betreiber des Ziegenhofs selbst verweigerten auch am Freitag wieder eine Stellungnahme zur Situation und zu den Vorwürfen. In einer Mail an seine Geldgeber soll der Betrieb aber darauf hingewiesen haben, dass ein Teil der Herde zwar gestorben, aber nicht verhungert und verdurstet sei. Tatsache sei vielmehr gewesen, dass die untersuchten Ziegen sehr stark verwurmt gewesen seien.

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Allerdings seien deren Halter nicht der Verpflichtung einer „dringenden erforderlichen Entwurmung“ nachgekommen, sagt dazu die Sprecherin des zuständigen Landratsamtes. Zudem hätten pathologisch-anatomische Untersuchungen darauf hingedeutet, dass die Tiere aufgrund von mangelnder Fütterung, Tränkung und Pflege verendet seien. Die Todesursache sei also „keine ominöse Krankheit“ gewesen, betont die Behördensprecherin.

