Marienmünster DießenDer Himmel auf Erden

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Barocke Pracht: Beim Festgottesdienst anlässlich des 280-jährigen Bestehens des Dießener Marienmünsters erklingt die Krönungsmesse von Mozart.
Barocke Pracht: Beim Festgottesdienst anlässlich des 280-jährigen Bestehens des Dießener Marienmünsters erklingt die Krönungsmesse von Mozart. Franz Xaver Fuchs

Der barocke Prachtbau am Ammersee sollte durch seine streng symmetrische Architektur und prunkvolle Gestaltung den Gläubigen vermitteln, was sie dereinst im Paradies erwartet.

Von Peter Bierl, Dießen

Wer an ein Leben nach dem Tod glaubt und sich nicht zu den Sündern rechnet, denen das Paradies versperrt bleiben wird, dem sei ein Besuch des Marienmünsters in Dießen empfohlen. Denn der Prunk dieses barocken Meisterwerks folgt einem Konzept. Nach dem Willen der Bauherren sollten Architektur und Ausstattung den Besuchern einen ästhetischen Ausblick darauf bieten, was den Gläubigen im Himmel erwartet. Daraus resultiert der Name „Dießener Himmel“ für die Anlage, die auf einer Anhöhe oberhalb des Ammersees thront.

Die Leitung des Neubaus hatte Propst Herkulan Karg. Als Baumeister konnte er Johann Michael Fischer gewinnen, der die Kirchenfassade entwarf. Der Turm trug im Lauf der Zeit verschiedene Mützen wie Spitz- und Satteldach, die Zwiebel wurde erst 1986 aufgesetzt. Das Eingangsgitter in der Kirche sowie der Hochaltar folgen Entwürfen von François de Cuvilliés, dem Münchner Hofbaumeister, erklärt Pastoralreferent Nikolaus Matosevic. Die Kanzel hat Johann Baptist Straub gefertigt.

Das Marienmünster von Dießen ist ein imposanter Prachtbau.
Das Marienmünster von Dießen ist ein imposanter Prachtbau. Nila Thiel

Eine schwarze, aus Kupfer getriebene Figur oben an der Fassade stellt Augustinus dar, den Patron des Chorherren-Ordens, dessen Stiftskirche das Münster war. Darunter prangt ein Wappen mit Adler und Löwe, ein Verweis auf die Grafen von Dießen-Andechs, Berchtold II. und seinen Bruder Otto, die das Kloster stifteten.

1132 schenkte Berthold II. große Teile seiner Dießener Ländereien dem von ihm gegründeten Augustiner-Chorherrenstift. Das Adelsgeschlecht besaß Ländereien in Franken, Österreich und Südtirol bis zur Adria, unterlag aber in den feudalen Konkurrenzkämpfen den Wittelsbachern.

Vielleicht war der Standort in Dießen, später auf einer neuen Burg in Andechs, ein Nachteil, verglichen mit München, das die Wittelsbacher gründeten, um vom Salzhandel zu profitieren. Die Familie der Dießen-Andechser starb jedenfalls 1248 mit Otto II. aus.

Über dem Haupteingang, dem sogenannten Paradiestor, das nur zu besonderen Anlässen geöffnet wird, steht eine Madonnenfigur im Wessobrunner Stil. Betritt man die Kirche durch den Seiteneingang, kann man zuerst einen Stempel für Pilger bekommen: In Dießen kreuzen sich Jakobsweg und Rassoweg.

Links vom Seiteneingang stehen drei Madonnen, die zu Mariä Himmelfahrt feierlich in die Kirche getragen werden. Rechts befindet sich ein Arme-Seelen-Altar von Franz Xaver Schmädl, er symbolisiert das Fegefeuer, die Figuren sehen traurig drein, dabei handelt es sich um die letzte Station vor dem Himmel.

Geht man ein paar Schritte weiter ins Kirchenschiff, hebt sich der Blick des Besuchers unwillkürlich in die Höhe, zu den üppigen bunten Deckenfresken, den goldenen Verzierungen, den Engelsfiguren, den insgesamt 396 Putten mit ihren feisten Backen und lächelnden Gesichtern. Oben an der Decke findet sich eine ungewöhnliche Uhr, deren Zeiger fixiert ist, während sich das Ziffernblatt dreht. Die Botschaft lautet: So wie sich die Erde um die Sonne dreht, so soll sich das Leben des Menschen um Gott drehen.

Es ist dieser Blick gen Himmel, den das gesamte Ensemble bieten will. Die strenge Symmetrie des Raumes soll dazu beitragen, die innere Mitte zu finden. Jedes Detail ist aufeinander abgestimmt. Die Empore links ist fake, sie hat keinen Zugang. Rechts stand oft Propst Karg, geplagt von einem Nierenleiden, und blickte im Gebet auf das Bild im Seitenaltar, den sterbenden Josef, der schon in den Himmel blickt.

Die strenge Symmetrie des Raumes soll dazu beitragen, die innere Mitte zu finden.
Die strenge Symmetrie des Raumes soll dazu beitragen, die innere Mitte zu finden. Peter Bierl

Der Neubau der Kirche begann 1720 unter Propst Ivo Bader. Als eigentlicher Schöpfer gilt jedoch Karg, sein Nachfolger ab 1728. Er vergab Aufträge an Künstler in ganz Europa, aus Schweden, Holland oder Italien. Bei Giovanni Battista Tiepolo in Venedig bestellte er ein Altargemälde des Märtyrers Sebastian um 500 Gulden. Als die Bestellung auf sich warten ließ, reiste Karg persönlich nach Süden und machte einen guten Deal: für 600 Gulden bekam er den verspäteten Tiepolo plus ein zweites Gemälde von Giovanni Battista Pittoni, ebenfalls für 600 Gulden, welches das Martyrium des heiligen Stefan zeigt.

Direkt vom Herzen Jesu an der Decke vor dem Altar spannt sich ein Seil, das eine Ampel mit dem ewigen Licht trägt, aufgehängt über dem Profeßstern auf dem Boden. Darunter befindet sich der Altar in der Gruft, in der die Augustiner-Chorherren bestattet sind. Vor den Stufen zum Altarraum unter der Platte des Stiftergrabes liegen die Gebeine der Grafen von Dießen.

Die Deckenfresken hat Johann Georg Bergmüller gestaltet. Sie zeigen Motive aus der Geschichte des Klosters und der Stifterfamilie. Erinnert wird an Rathardus, den Gründer des ersten Klosters, das um 815 etwas weiter westlich im heutigen Ortsteil St. Georgen entstand, niedergebrannt angeblich von den Ungarn.

Erst 1132 wurde die erste Kirche am heutigen Standort unter Regie von Propst Hartwig aus Rottenbuch errichtet. Das Fresko mit dem Namen Dießener Himmel zeigt alle 28 Heiligen und Seligen, die aus der Adelsfamilie der Grafen von Dießen-Andechs hervorgegangen sind.

Im Marienmünster gibt es einen Deckenspiegel wie im Vatikan.
Im Marienmünster gibt es einen Deckenspiegel wie im Vatikan. Nila Thiel

Ein Seitenaltar zeigt oben Hedwig von Andechs, in der Mitte Maria Magdalena und darunter Mechtildis von Dießen, die Tochter Berchtolds II., mit der allerlei Geschichten verbunden sind. Sie war Äbtissin im Kanonissenstift, das einst unterhalb des Klosters stand, und ist 1160 mit 34 Jahren gestorben. Ihr Ehrentitel ist „Brotmutter vom Ammersee“, weil sie nach zwei schlechten Ernten das Brot von ihren Ländereien spendete, um die Bevölkerung zu ernähren. Vor der Kirche wird zur Erinnerung daran bis heute ein kleiner Acker mit Getreide bebaut.

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Imposant ist die Orgel von Caspar König. Sie ist allerdings renovierungsbedürftig, die Kosten werden auf etwa 400 000 Euro beziffert. Um das Projekt zu fördern, hat sich im Januar 2025 der Verein Dall’ Abaco – Freundeskreis Marienmünster Dießen gegründet, benannt nach einem Schriftsteller und Historiker der Chorherren aus dem 18. Jahrhundert.

Der Hochaltar ist ebenfalls ein Entwurf Cuvilliés, mehr als 20 Meter hoch und 14 Meter breit. Das Altarbild lässt sich elektrisch senken, früher musste man eine Handkurbel betätigen, dadurch wird der Blick frei auf eine Mysterienbühne. Es gibt 14 Kulissen mit biblischen Motiven, etwa die Herbergssuche von Josef und Maria oder die Ölbergszene, die zu den jeweiligen Festtagen gezeigt werden. 1975 wurde das Stück vom Brandner Kaspar und dem ewigen Leben in einer Inszenierung von Kurt Wilhelm aufgezeichnet. Dabei diente die Kulisse des Hochaltares im Film als Himmelsportal.

Führungen für Gruppen durch das Marienmünster sowie das Pfarrmuseum mit über 200 Krippen aus vier Kontinenten können über das Pfarrbüro unter der Telefonnummer 08807/948940 gebucht werden. Direkt neben dem Münster befindet sich das Café Milu, das Kaffee und Kuchen oder Apfelstrudel bietet. Es ist donnerstags und freitags von 12 bis 16 Uhr, am Samstag von 12 bis 17 Uhr und am Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Wer mit dem Zug oder Dampfer nach Dießen kommt, findet auf dem Untermüllerplatz sowie unterwegs in der Mühlbach- und Herrenstraße eine Reihe von Cafés, Eisdielen und Restaurants.

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