Protest am Ammersee:"Wenn mich etwas stört, sag' ich das - auch in provokanter Art"

Dießen, Mühlbach Atelier, Stefanie Sanktjohanser

"Ich muss doch nicht höflich um Erlaubnis bitten, wenn ich sage, dass was falsch läuft": Stefanie Sanktjohanser ist in Dießen aufgewachsen und jetzt wieder zurück - mit vielen Ideen für den Ort.

(Foto: Georgine Treybal)

Stefanie Sanktjohanser bringt mit einer Initiative in Dießen Hunderte auf die Beine, um für mehr Raum für Kultur zu demonstrieren und Investoren auszubremsen. Während anderswo junge Menschen in die Stadt flüchten, will die 27-Jährige ihren Heimatort mitgestalten.

Von Laura Höring

Wenn in der Marktgemeinde größere Menschenansammlungen durch die Straßen ziehen, sind fast immer kirchliche Prozessionen, Beerdigungen oder Faschingsumzüge der Grund. Vor wenigen Wochen waren in Dießen jedoch Hunderte unterwegs, um für mehr kulturellen Freiraum zu demonstrieren. Initiatorin der Bewegung ist die 27-jährige Stefanie Sanktjohanser. Sie will im Ort eine Anlaufstelle für junge Menschen, Künstler, Musiker und Kreative schaffen. Dazu hat sie den neuen Verein "Freie Kunstanstalt Dießen" mitgegründet, sieht sich aber immer wieder mit Vorurteilen und bürokratischen Hürden konfrontiert. Was vielleicht auch daran liegen könnte, dass die junge Frau nicht unbedingt konservativen Normen entspricht.

"Sorry, ich hab' geschlossen, die SZ ist gerade da, weil ich ein paar Gemeinderäten auf den Sack gehe", sagt Sanktjohanser und lacht. Mit kurzgeschorenen blonden Haaren sitzt sie auf einem Hocker in ihrem Dießener Tattoo-Studio, im Hintergrund läuft Alternative Rock. Wenn sie sich über ein Thema aufregt und gestikuliert, wippen die goldenen Kreolen an ihren Ohren. "Wenn mich etwas stört, dann sag' ich das - auch in provokanter Art, die manche in der Kommunalpolitik und Verwaltung vor den Kopf stößt", meint sie. "Ich muss doch nicht höflich um Erlaubnis bitten, wenn ich sage, dass was falsch läuft." Ihre Kernkritik: Es gibt zu wenig Raum für Jugend und Kultur in Dießen.

Zur Demo für mehr Kultur kommen 300 Leute

Eigentlich sei es nie ihr erklärtes Ziel gewesen, sich zu engagieren, meint Sanktjohanser. Es ärgere sie aber einfach zu sehr, wenn beim Umbau des Skate- und Basketballplatzes - einem der wenigen Treffpunkte für Jugendliche in Dießen - monatelang nichts vorangeht. Oder wenn Immobilien der Gemeinde ungenutzt verfallen und die Verwaltung die Umsetzung von Kulturprojekten blockiere, wie sie es empfindet. In ihrer Initiative finden sich viele Mitstreiter einer Generation, der oft Politikverdrossenheit vorgeworfen wird. Während anderswo junge Menschen vom Land in die Städte flüchten, will Sanktjohanser ihren Heimatort mitgestalten - und nicht nur meckern, sondern anpacken.

Trotz Gegenwind hat Sanktjohanser in den vergangenen Monaten den Umbau des Dießener Skate- und Basketballplatzes vorangetrieben. Die Eröffnung ist nun endlich für den 18. September vorgesehen. Gemeinsam mit zwei weiteren jungen Frauen setzte sie sich für die Einrichtung eines Jugendbeirats ein. "Am Anfang hat man uns nicht ernstgenommen", sagt sie. Im Mai formierte sich der gemeinnützige Verein "Freie Kunstanstalt": Der Vorstand besteht aus zehn Hand- und Kreativwerkenden aus der Umgebung, viele davon sind auch Ende 20. Sanktjohanser ist erste Vorsitzende. Das Ziel ist, inklusive und integrative Begegnungsstätten zu schaffen sowie Kunst und Kultur zu fördern. Damit hat die Gruppe wohl einen Nerv getroffen. Im Juli protestierten gut 300 Menschen für mehr kulturellen Freiraum und forderten, den Charme Dießens zu erhalten - ein seltenes Spektakel für das Ammersee-Westufer.

Außerdem hat der Verein in den letzten Wochen ein Sommerferienprogramm auf die Beine gestellt, weil das Angebot des Dießener Jugendtreffs in diesem Jahr spärlich ausfiel. Im Garten des ehemaligen Hotels "Drei Rosen", der bis zum beabsichtigten Abbruch brach liegt, ist eine Oase der Kreativität entstanden. Kinder und Jugendliche können in Workshops unter anderem Textilfärben mit Naturmaterialien, analoge Fotografie, 3D-Druck und Filmproduktion in Stop-Motion-Technik erlernen. Die jungen Kursleiter haben eine Jurte aufgebaut, drumherum stehen selbst gebaute Möbel und bunte Stoffwimpel wehen im Wind. Auch eine längerfristige Zwischennutzung des Areals könnte sich die Freie Kunstanstalt gut vorstellen. "Derzeit heißt es vonseiten der Gemeinde aber, dass wir nach dem Sommer alles wieder abbauen müssen", sagt Sanktjohanser.

Hauptanliegen der Gruppe ist jedoch die kulturelle und kreative Nutzung der seit mehr als 20 Jahren leer stehenden Graphischen Kunstanstalt, unter Ortskundigen besser bekannt als "Huberhäuser". Nach einem langen Gerichtsverfahren gehören die drei Gebäude im Dießener Ortskern seit diesem Jahr der Marktgemeinde. Der Verein will die Gebäude dem Zugriff auswärtiger Investoren entziehen und sie als Industriedenkmal erhalten. Die Innenräume sollen für Veranstaltungen und Künstlerateliers genutzt werden, die Vereinsmitglieder wären bereit, bei der Instandsetzung selbst Hand anzulegen, um den zunehmenden Verfall der Häuser zu stoppen.

Im Gemeinderat erntet sie Gelächter, weil sie in ihrer Rede gendert

Doch Teile des Gemeinderats und der Rathausverwaltung würden der Initiative immer wieder "Steine in den Weg legen", kritisiert Sanktjohanser. Sie habe den Eindruck, dass manche Entscheidungsträger ihre Konzepte grundsätzlich ablehnen. "Man traut uns nicht zu, dass wir einen Plan haben, obwohl wir viel handwerkliche Kompetenz aus den eigenen Reihen und externe Experten wie Architekten bei der Erstellung von Nutzungskonzepten heranziehen", findet die Dießenerin.

Womöglich kommt hinzu, dass die unkonventionelle 27-Jährige mit ihrer frechen Art aneckt. "Manche halten uns für eine völlig seltsame linksextreme Künstlergruppe", sagt Sanktjohanser. Bei der Vorstellung des Konzepts im Gemeinderat erntete sie Gelächter, weil sie sich darum bemühte, gendergerecht zu sprechen. Sie sieht sich immer wieder sexistischen Kommentaren ausgesetzt und wird auf Social Media als "Göre" bezeichnet. "Einige fühlen sich überrannt von allem, was angeblich von außen kommt und ihrer Meinung nach nicht dazu gehört."

Auch wenn sie auf den ersten Blick wie eine Exotin in der Gemeinde wirkt, ist Dießen doch ihre Heimat, wie bei vielen anderen im Verein wohnt Sanktjohansers Familie seit Generationen im Ort. In der Schule war sie Klassensprecherin und Kapitänin des Fußballteams. Nach dem Abitur am Ammersee-Gymnasium wollte sie weg aus der Enge, studierte in Hamburg Illustration und durchlief parallel die Ausbildung zur Tätowiererin. Dort erlebte sie offene Kulturräume - etwas, das sie seit der Rückkehr an den Ammersee vor zwei Jahren vermisst. Dass die Kulturinitiative "zu einer sozialen Bewegung wird, hat uns niemand zugetraut", sagt sie: "Auch, wenn es von manchen so wahrgenommen wird, wollen wir aber nicht anti sein, sondern gemeinsam gestalten."

Für ihre Ziele in die Politik einzutreten, würde sie eigentlich lieber vermeiden. "Wenn das jedoch der einzige Weg ist, um Projekte voranzubringen wäre das aber der logische nächste Schritt", sagt Sanktjohanser.

© SZ vom 14.09.2021
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