Der Markt Dießen ist nicht nur für seinen jährlichen Töpfermarkt bekannt, der als die größte Veranstaltung dieser Art in Europa gilt. Viel länger, seit rund 150 Jahren, genießt das Ammersee-Westufer auch einen Ruf als Künstlerdomizil – was Schondorf, Utting, Holzhausen und Dießen wohl zunächst ihrer reizvollen Landschaft verdanken. „Und vielleicht auch dem Glück, dass es Gegenden gibt, in denen die Kunst besonders wertgeschätzt wurde und wird“, schreiben Clara Gensbaur-Shao und ihr Vater Martin Gensbaur in ihrem gerade erschienenen Buch „Malen unter dem Dießener Himmel – Dießener Maler (1876-1976)“.
Auf 60 reich illustrierten Seiten schildern die Kunsthistorikerin und der Dießener Maler, wie sich ihr Heimatort zum Anziehungspunkt kreativer Geister entwickelt hat. Ausgangspunkt der Betrachtungen ist das Marienmünster, für dessen Bau und Ausstattung Probst Herkulan Karg um 1740 weder Kosten noch Mühen scheute: Unter anderem gab er in Venedig ein Altargemälde des Heiligen Sebastian bei Giovanni Battista Tiepolo in Auftrag. Die Kunstschätze und das Fresko des „Dießener Himmels“ im Münster ziehen fortan Kulturbegeisterte und Kunstschaffende an.
Mitte des 19. Jahrhunderts gewinnt für Maler auch der reale Dießener Himmel als Motiv an Interesse: Nachdem Ölfarben nun in Tuben zur Verfügung stehen, ist die Plein-Air-Malerei im Freien en vogue. Mit der Eröffnung der Neuen Pinakothek 1853 entwickelt sich die „Münchner Schule“ zur bedeutendsten deutschen Kunstströmung, so die Autoren. Und immer mehr Landschaftsmaler finden den Weg nach Dießen, wie etwa Carl Spitzweg, der den Ort mehrmals besucht. Der erste namhafte Vertreter der Zunft, der sich dauerhaft am Ammersee-Westufer niederlässt, ist Wilhelm Leibl, der von 1875 bis 1878 zeitweise in Schondorf lebt und arbeitet.
Die beiden Autoren zählen 13 örtliche Maler auf, nach denen Straßen in Dießen benannt sind.
Realisten, Impressionisten, Expressionisten und abstrakt arbeitende Künstler: In den folgenden 100 Jahren ziehen so viele Maler in die Gegend, dass sich das Namensregister am Ende des Buchs über drei volle Seiten erstreckt. An anderer Stelle zählen die Autoren 13 örtliche Maler auf, nach denen in Dießen Straßen benannt sind. Eigene kurze Kapitel sind Leibl, Thomas Theodor Heine, dem „Entenmaler“ Alexander Koester und Fritz Winter gewidmet. Mit dem Tod dieses Pioniers der deutschen Moderne 1976 endet der Zeitrahmen des Buchs.
Auch wenn sich 1934 die Arbeitsgemeinschaft Dießener Kunst formierte, die seitdem im Pavillon in den Seeanlagen regelmäßig Ausstellungen organisiert, blieben die Maler am Ammersee eine locker verbundene Gruppe. Anders als etwa in der Künstlerkolonie Worpswede fanden sie zu keinem gemeinsamen Stil, von einer „Dießener Schule“ konnte nie die Rede sein. Dort wurden keine revolutionären Strömungen ins Leben gerufen oder gar neue Kapitel der Kunstgeschichte geschrieben: „Am Ammersee trafen sich die Künstler der Münchner Akademie, die abseits derer, die den großbürgerlichen Kunstgeschmack der Gründerzeit auf den Kopf stellten, ungestört malen wollten: den See, die Landschaft, deren Bewohner, manche auch die Enten“, heißt es da leicht spöttisch im Buch.

Die Autoren betonen aber auch, dass hinter der Anziehungskraft des Ammersees auf Künstler knallharte ökonomische Gründe steckten. Bis zur Industrialisierung galt die Gegend als wirtschaftlich unterentwickelt: Es gab kaum Rohstoffvorkommen und die Böden warfen nur bescheidenen landwirtschaftlichen Ertrag ab. Doch im Umkreis des Dießener Klosters siedelten sich seit dem späten Mittelalter künstlerische Handwerker wie Keramiker, Zinngießer oder Wachszieher an. Viele dieser Arbeitsplätze blieben auch nach der Säkularisation erhalten und brachten eine gewisse kulturelle Weltoffenheit mit sich.
Trotzdem wirkte sich am Ammersee-Westufer bis vor 50 Jahren der Siedlungsdruck aus München kaum aus. Relativ moderate Immobilienpreise und Mieten ermöglichten auch weniger betuchten Künstlern die Ansiedlung: „Für den Ort Dießen als Wahl spielte nicht zuletzt die Tatsache eine Rolle, dass man hier noch immer für wenig Geld leben konnte“, schreiben die Autoren.

