Dießen schickt sich an, eine Vorreiterrolle bei der Erzeugung von Strom aus regenerativen Quellen einzunehmen. Mit den bereits bestehenden Freiflächen-Photovoltaikanlagen lässt sich in diesem Jahr erstmalig der Verbrauch sämtlicher 5000 Haushalte der Marktgemeinde decken. Die Planung für weitere Solarfelder ist schon weit vorgeschritten und auf dem Höhenzug im Westen der Gemeinde könnten zudem Windkraftanlagen errichtet werden.
Die Produktion „grüner“ Energie kann in Dießen bereits auf eine 130-jährige Geschichte zurückblicken: 1895 wurde in der Klostermühle ein Rad zur Stromerzeugung aus Wasserkraft installiert. Noch heute befindet sich das örtliche Elektrizitätswerk im Besitz der Nachfahren des Klostermüllers Georg Gröbel. Auch der Urenkel Georg Stadler arbeitet mit dem Gefälle des Mühlbachs, aber der Anteil der selbst erzeugten Energie des Werks ist auf einen einstelligen Prozentsatz zurückgegangen. Dießens Grundversorger beliefert etwa 3500 Kunden und zählt zu Bayerns kleinsten privaten Stromnetzbetreibern.
Auch wenn die Wasserkraft keine große Rolle mehr spielt, bezieht das E-Werk mehr als 60 Prozent seiner Energie aus regenerativen Quellen. Wie die gesetzlich geforderte Kennzeichnung von 2023 ausweist, entfallen noch 27 Prozent auf Kohlekraftwerke und knapp zehn Prozent auf Erdgas. Der damit verbundene CO₂-Ausstoß liegt um ein Sechstel unter dem bundesweiten Mittel und der bei der Stromproduktion anfallende radioaktive Müll beträgt in Dießen nur ein Fünftel des deutschen Durchschnitts. Der örtliche Anbieter nimmt die Energiewende mittlerweile ernst: 2007 stammten noch 53 Prozent des gelieferten Stroms aus Kernkraftwerken und 39 Prozent aus anderen fossilen Quellen.
Inzwischen wird der Löwenanteil von extern bezogener Windkraft und Sonnenenergie gedeckt. Gleichzeitig wird im Gemeindegebiet immer mehr Solarstrom erzeugt. Im vergangenen Jahr ist eine Freiflächenanlage südlich von Dießen in Betrieb gegangen, die sich mit 2,9 Hektar über die Fläche von fünf Fußballfeldern erstreckt. Dort erzeugen 3874 Solarmodule genug Strom, um 1000 Zwei-Personen-Haushalte zu versorgen. Den finanziellen Ertrag teilt sich eine Betreibergesellschaft aus zwölf Kommanditisten, die aktiv am Projekt beteiligt sind. Auch die Gemeinde Dießen hält einen Anteil von 24,9 Prozent, sie profitiert zudem als einer der Grundstückseigentümer von Pachtzahlungen.

Allerdings ist es bislang nicht gelungen, den dort erzeugten Strom direkt ins örtliche Netz einzuspeisen – obwohl nur 900 Meter Leitung zum bestehenden Umspannwerk des Dießener E-Werks zu verlegen wären. „Das Ganze gestaltet sich sehr mühsam“, sagt Wolfgang Weisensee von der Betreibergesellschaft. Der Umweltreferent des Landsberger Stadtrats vermutet hinter dem zögerlichen Anschluss die Politik der großen Netzbetreiber, die sich ihren Anteil am Kuchen nicht nehmen lassen wollen. Gleichwohl hat Weisensee bereits den nächsten Solarpark im Visier: Südlich des Dießener Ortsteils Obermühlhausen ist für eine knapp fünf Hektar große Anlage die Bauleitplanung fast abgeschlossen. Auch deren Wertschöpfung soll nur örtlichen Beteiligten und der Gemeinde zugutekommen.
Ähnliches gilt für eine geplante Freiflächenanlage südwestlich des Dießener Ortsteils Dettenschwang. Das Planverfahren für das samt Ausgleichsflächen mehr als elf Hektar große Areal läuft noch, aber der Gemeinderat hat dem Vorhaben längst grundsätzlich zugestimmt und in der jüngsten Sitzung dafür auch vier Batteriecontainer genehmigt. Antragsteller ist das 2012 gegründete Ingenieurbüro Sing in Landsberg, das unter anderem die Bürger-Windparks in Berg am Starnberger See und in Fuchstal sowie die 15 Hektar große Photovoltaikanlage an der Autobahn A96 bei Gilching entwickelt hat. Der künftige Solarpark Dettenschwang-Süd „soll von einer örtlich ansässigen Betreibergesellschaft betrieben werden, an der sich auch der Markt Dießen beteiligen kann“, sagt Michael Keller vom Ingenieurbüro.
Auch die Dächer kommunaler Bauten sind mit Solarmodulen ausgestattet
Nördlich von Dettenschwang will die Energiebauern GmbH noch in diesem Jahr ein Sonnenkraftwerk errichten, das den Stromverbrauch von etwa 2000 Haushalten decken könnte. Der 2004 von Sepp Bichler in Aichach gegründete Familienbetrieb gehört zu den Branchenpionieren und zählt mit mehr als 100 Mitarbeitern und etwa 80 Solarparks zu den größten Betreibern von Freiflächenanlagen in Deutschland. Wie bei allen Energiebauern-Vorhaben soll auch das 6,7 Hektar große Feld „Dettenschwang-Nord“ von einer eigens gegründeten Projektgesellschaft bewirtschaftet werden, der Antrag für das Bauvorhaben wurde bereits 2019 an den Dießener Gemeinderat gestellt. Die älteste Freiflächenanlage im Gemeindegebiet findet sich nördlich von Dettenhofen. Dort erzeugt die Bayreuther Firma HCI Solarpark auf einer Fläche von rund zehn Hektar seit 2009 eine Leistung von 3,2 Megawatt Peak – was dem jährlichen Stromverbrauch von etwa 1000 Haushalten entspricht.
Bescheidener fällt das bislang einzige frei stehende Solarkraftwerk im ausschließlichen Kommunaleigentum aus: Die 50 Kilowatt Peak leistenden Paneele bei Bischofsried beliefern seit zweieinhalb Jahren nur die Pumpen der Dießener Wasserwerke mit Strom. Darüber hinaus hat die Rathausverwaltung in den vergangenen Jahren die Dächer vieler kommunaler Gebäude mit Photovoltaik zur Eigenversorgung bestücken lassen – wie Wasserwerk, Bauhof, Carl-Orff-Schule und Blaues Haus in Dießen, die beiden Kinderhäuser in Riederau, das Strandbad St. Alban und den Dorfstadel Obermühlhausen. Selbst auf dem Rathausdach sollen noch Solarmodule montiert werden, soweit es der Denkmalschutz zulasse, sagt Bauamtsleiterin Johanna Schäffert.
Im Staatsforst sollen fünf Windräder errichtet werden
Zudem bemühe man sich, Dießens in die Jahre gekommenes Solar-Pionierprojekt wiederzubeleben: Auf dem Dach der Mehrzweckhalle ging schon 2001 ein Bürgerkraftwerk in Betrieb, das elf privaten Betreibern und der Kommune viele Jahre lang – freilich bescheidene – Einnahmen bescherte. Zwar betrug die Einspeisevergütung anfangs noch 99 Pfennig pro Kilowattstunde (heute werden nur noch fünf bis zwölf Cent bezahlt) – doch der erzeugte Sonnenstrom von 5,5 Kilowatt reichte gerade aus, um den Bedarf von zwei Familien zu decken.

In ganz anderen Dimensionen denken die Bayerischen Staatsforsten: Auf dem Höhenrücken westlich des Ammersees soll ein Windpark entstehen, der für die Versorgung einer fünfstelligen Zahl von Haushalten ausreichen könnte. In Kürze sollen dort die Flächen für bis zu fünf Anlagen zur Pacht ausgeschrieben werden, zwei der ausgewiesenen Windkraft-Vorranggebiete liegen auf Dießener Flur. Bei der Auswahl der Betreiber sollen die Wünsche der Kommunen berücksichtigt werden, es muss eine Bürgerbeteiligung von mindestens 24,9 Prozent angeboten werden.
Bis die Windräder in Betrieb gehen, könnten allerdings noch vier bis fünf Jahre vergehen. Bei der Vorstellung des Projekts im Dießener Gemeinderat stimmte kürzlich eine klare Mehrheit dafür und machte sich für eine hohe Bürgerbeteiligung stark. Grundsätzliche Kritik übten hingegen Michael Lutzeier (Die Partei) und Michael Hofmann (Bayernpartei), die durch Windräder Landschaftsbild und Naturschutz beeinträchtigt sehen. Mit ihrem diesbezüglichen Antrag fielen sie jedoch durch. Der weitaus größere Teil der Kommunalpolitiker ist stolz darauf, dass Dießen in Sachen emissionsfreie Energieversorgung als Trendsetter gelten kann.

