Am Anfang stand Muk: Der Filzdackel ist so etwas wie das Wappentier von Res Anima. Vielleicht verkörpert er die Seele der Dinge oder die beseelte Sache eher als eine edle Decke oder ein raffiniert konstruierter Stuhl. Das mehrdeutige lateinische Label steht für das preisgekrönte Designbüro von Ina Woelk und Philipp Hinderer. Die Geschäfts- und Lebenspartner leben mit ihren beiden kleinen Söhnen seit drei Jahren in Dießen. Derzeit statten die beiden in Bayreuth beziehungsweise Starnberg aufgewachsenen Diplomdesigner einen kleinen Laden in Dießens Prinz-Ludwig-Straße mit einer Auswahl handverlesener Objekte aus.
Zuvor war dort 17 Jahre lang Christiane Grafs Strick- und Textilgeschäft Moda Nova untergebracht. Seit dem Tod der Handweberin, Künstlerin und Modedesignerin stand der Laden weitgehend leer, nur in einem Nebenraum werden noch bis Mitte des Jahres Remittenten ausverkauft.
Woelks und Hinderers beseelte Dinge sollen auch ein bisschen dazu beitragen, dass Dießens überlastete Hauptverkehrsader wieder an Leben und Aufenthaltsqualität gewinnt, so sagen die beiden Designer. Am 9. April wird eröffnet - "mit Corona zwar ein blöder Zeitpunkt, aber wenn man immer nur wartet, passiert auch nichts," findet Hinderer. Seine Partnerin will den Tag auf jeden Fall feiern: "Wir freuen uns total darauf, jetzt einen Treffpunkt zu haben," sagt Woelk. "Endlich haben wir einen eigenen Laden."
Im Sortiment sind bislang nur ein knappes Dutzend verschiedener Designprodukte
Bislang wurden ihre Produkte nur in ausgewählten Concept Stores in Großstädten oder über das Internet angeboten und verkauft. Es sind bislang bloß ein knappes Dutzend Artikel, die Res Anima selbst entwickelt und auf den Markt gebracht hat. Das Preisniveau entspricht der hohen Wertigkeit von Entwurf, Material und Handwerkskunst. Manche Artikel sind dennoch einige hundert Male verkauft worden.
Das gilt etwa für die Decke "Meander", die für 250 Euro in drei Farbkombinationen erhältlich ist. Sie wird in einem aufwendigen Verfahren in Oberfranken gewebt. Verwendet wird ausschließlich Merinowolle aus erster Schur, durch den sehr langsamen Vorgang am Lochkartenwebstuhl ist das Material nach der Verarbeitung extrem weich. "Wir waren schon beim Anweben dabei, das war ganz spannend", erzählt Woelk. Hinderer erläutert, dass sie nie den günstigsten Anbieter suchen, sondern langfristige Partnerschaften anstreben: "Es ist uns wichtig, dass die sagen, da haben wir auch Bock darauf." Idealerweise sind die Werkstätten nicht weit vom Designstudio entfernt: So wird etwa die Ahorn-Version von "Tembo" in Inning gefräst, den stilisierten Elefanten gibt es aber auch in Eisen- und Bronzeausführung aus einer süddeutschen Kunstgießerei.
Noch reicht der Verkauf der kleinen Seelendinge nicht zum Leben
Freimütig räumt Hinderer ein, dass die eigenen Kreationen allein noch nicht ausreichen, um der jungen Familie ein Auskommen zu sichern. Res Anima bietet deshalb auch Dienstleistungen als Kommunikationsdesigner an und erstellt ganze Marketingkonzepte - vom Logo über Filme bis zum Webauftritt. "Vor allem Messestände sind noch das Brot- und Buttergeschäft", sagt Hinderer. Für den mehr künstlerisch-gestalterischen Anspruch hat sich Res Anima 2017 selbst einen Stand auf der Mailänder Möbelmesse spendiert. Um dort in der Reihe "Salone Satellite" antreten zu können, musste man sich mit einer Mappe bewerben und eine fünfstellige Summe investieren.
So richtig durchgestartet ist Res Anima danach nicht. Was vor allem am Timing lag, weil Woelk und Hinderer kurz darauf ihren ersten Sohn bekommen haben und dieser seinen Anteil an elterlicher Aufmerksamkeit beanspruchte. Dennoch habe sich die Präsenz in der europäischen Designelite langfristig ausgezahlt: Man konnte Kontakte knüpfen und kam so mit einer italienischen Firma ins Geschäft, die nun die einzelnen Teile für ihren Stuhl "Hockl" herstellt. "Die haben gleich gesehen, was wir wollen, und gehen begeistert jeden Produktionsschritt mit, auch was kleine Änderungen betrifft," sagt Woelk.

"Natürlich macht es uns mehr Spaß, etwas zu entwerfen und daran herumzutüfteln als reihenweise Stühle herzustellen", sagt Hinderer, "wir haben auch noch einige Ideen in der Schublade." Der Res-Anima-Bierkrug verrät mit dem Namen "Seidla" bereits seine (und Woelks) oberfränkische Herkunft: Das Halblitergefäß entsteht in Handarbeit in einer Porzellanmanufaktur im Frankenwald, die auf mehr als 100 Jahre Tradition zurückblicken kann. Der Steinkrug wurde 2017 auf der Möbelmesse in Köln im Rahmen der Ausstellung "Neues deutsches Design" präsentiert, trotz des Preises von 50 Euro gingen sogar aus Amerika Bestellungen ein.
Bei der Wohnungssuche hätten sie "einfach viel Glück gehabt" sagt Hinderer, beide fühlen sich im kreativen Millieu am Ammersee sehr wohl. Sie konnten einen ehemaligen Bauernhof mieten, in dem sich nicht nur ihr Designbüro, sondern auch eine Modellbauwerkstatt unterbringen lässt. Woelk betont, dass sie die Prototypen für Res Anima allesamt selbst herstellen. Beide haben ihr Berufsleben als Praktiker mit einer Schreinerlehre begonnen: Hinderer in Traubing und dann an der Münchner Meisterschule, Woelk in der seit mehr als 150 Jahre bestehenden Schnitzschule Garmisch-Partenkirchen.
Ihren Abschluss haben die beiden an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart gemacht
Das Modewort "Nachhaltigkeit" nehmen beide nicht in den Mund, obwohl es sowohl auf ihre Seelendinge zutrifft wie auch auf das gemeinsame Unternehmen. "Wir wollen lieber langsam wachsen als Kredite aufnehmen", sagt Hinderer. Mit dem Filzdackel Muk haben sich beide auch viel Zeit gelassen: "Für ihn haben wir 25 Schnittmuster gebraucht, bis alles gepasst hat", sagt Woelk. Er war Teil der gemeinsamen Diplomarbeit an der renommierten Staatlichen Akademie der Bildenden Künste (AbK) Stuttgart, wo sich beide auch im Studium kennengelernt haben: Der Filzdackel diente als eines von mehreren Beispielen zum Thema "Was Dinge wertvoll macht". Mit ihrer Abschlussarbeit und Muk wurden die beiden Designer 2013 auf der 21. Designmesse "Blickfang" mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Im Jahr darauf gründeten sie ihr Label - und Res Anima wurde auf Anhieb für den German Design Award nominiert.
Noch sind die Auslagen mit Papier verhüllt und man darf gespannt sein, welche Objekte am 9. April die Schaufenster an der Prinz-Ludwig-Straße schmücken werden. Woelk und Hinderer wollen im nur 60 Quadratmeter großen Laden auch Arbeiten ehemaliger AbK-Kommilitonen präsentierten: Lea Dohle und Katherina Bourjau etwa steuern Grafiken und Illustrationen bei, Sarah Schrof ist Textildesignerin, den Nussknacker aus der Kollektion "Rumms" bezieht Res Anima aus einer alten Schmiede in Oberammergau. Das Multifunktionsmöbel "X-Brick" des Stuttgarter Studios haben die Dießener Designer mitentwickelt. Woelk kann es kaum erwarten, mit Kunden persönlich ins Gespräch zu kommen: "Wir können zu jedem Produkt eine Geschichte erzählen." Was Muk betrifft, liegt die Seele des Dings jedenfalls nahe: "Der Dackel gewinnt erst an Leben, wenn er geknuddelt wird," sagt Woelk.

