Süddeutsche Zeitung

Filmveranstaltung:Berührender Auftakt

Zur Eröffnung des Dießener Kurzfilmfestivals thematisiert der Film "Wasserläufer" die Not der Kriegsflüchtlinge. Der Verein "Heimatstern" zeigt, wie man dem Elend Taten entgegensetzen kann - und am Ende gibt es sogar Grund zum Lachen

Erinnern wir uns an die Situation vor einem Jahr: 40 000 Flüchtlinge kommen an einem Wochenende am Münchner Hauptbahnhof an, Behörden und freiwillige Helfer sind am Limit der Belastbarkeit angelangt, der Fernverkehr nach Salzburg ist unterbrochen. Inzwischen ist die Not der Asylsuchenden aber nicht geringer geworden, sie hat sich nur verlagert: nach Serbien, Griechenland oder in die Türkei. Am Mittwoch stand das Thema zur Eröffnung des siebten Dießener Kurzfilmfestivals in der Kinowelt am Ammersee im Fokus.

Erstmals hat sich die viertägige Veranstaltung für fremdsprachige Beiträge geöffnet, das Thema Menschenrechte und Vertreibung lag daher nahe. "Der Gedanke, das Festival international zu machen, hat viel Neues ausgelöst", sagte Ulrike Kreutzer vom Heimatverein, die sich mit Nina Munker die Festivalleitung teilt. Sie konnten zwölf Filmemacher im Publikum begrüßen, die bis aus Tel Aviv und Turin an den Ammersee gereist waren.

Die Bühne vor der Leinwand aber gehörte zunächst einem Kollegen, der in Leipzig lebt und als Kameramann arbeitet: Beston Zirion präsentierte seinen schon mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilm "Wasserläufer": Das Porträt einer aus Syrien geflüchteten, sechsköpfigen Familie, die in Istanbul mit dem Straßenverkauf von Mineralwasser und Brezeln ihr Überleben sichern muss. 600 Lira (knapp 200 Euro) kostet die Mini-Wohnung, 20 Lira verdient der 12-jährige Djudi am Tag, ein Eis für 6 Lira bleibt da ein unerfüllbarer Traum. Zirion setzt nicht auf Rührseligkeit oder Pathos. Er lässt der Familie Zeit, ihre Geschichten zu erzählen und blendet auch nicht ab, als die Tochter längst verstummt ist und ihr ganz langsam die Tränen kommen.

Einem Großteil der Zuschauer ging es ähnlich - und auch Zirion selbst ließ sich nach der Vorführung ein Taschentuch von Moderator Thies Marsen reichen: "Immer wieder, selbst nach 10 000-mal schneiden" schieße ihm das Wasser in die Augen. Der Titel seines Films gewinnt so eine ganz neue Bedeutung. Der Filmemacher erzählte, wie er im Sommer 2015 eigentlich mit Freundin und Kind Urlaub in der Türkei machen und sich auf die Spuren der eigenen Flucht begeben wollte - der Kurde war 1994 aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Als er den arbeitenden Kindern nachts auf der Straße begegnete, war die Urlaubsstimmung verflogen: "Ich dachte, das kann nicht wahr sein". Aus einem spontanen Impuls heraus rannte er los, um sich in Istanbul das Equipment zu kaufen und drehte den Film an zwei Nachmittagen.

Eine ähnliche Initialzündung erlebte Torben Trulsen, als er im Urlaub die Bilder von den Flüchtlingsströmen im Münchener Bahnhof sah. Der Mitinitiator des Vereins "Heimatstern" brachte erschütternde Bilder aus Militärcamps in Nordgriechenland mit, wo 60 000 Menschen in Zelten in Lagerhäusern hausen müssen Trulsen konnte aber auch berichten, dass "Heimatstern" inzwischen neun 40-Tonner-Lkw mit Hilfsmitteln nach Thessaloniki schicken konnte.

Zum Abschluss kam dann doch noch etwas Heiterkeit im Saal auf, als Abdul Abbasi sein Videoblog "German Life Style" vorstellte. Zusammen mit zwei anderen in Deutschland lebenden Syrern nimmt er in seinen Clips selbstironisch Vorurteile und kulturelle Unterschiede aufs Korn: "Wir wollen einfach das Eis brechen".

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Quelle:
SZ vom 07.10.2016
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