"Digital Detox" in DießenEine Überdosis analoges Leben gegen die Internetsucht

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Die Psychosomatischen Klinik im früheren Kloster steht nun auch Kassenpatienten offen und kann die Nachfrage kaum bewältigen. Die Bundesdrogenbeauftragte Daniela Ludwig will eine Aufklärungskampagne starten.

Von Armin Greune, Dießen

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Nicht weniger als "ein Leuchtfeuer für Bayern" hat Daniela Ludwig, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, in der Psychosomatischen Klinik Dießen erlebt. Gut möglich, dass sie berauscht war, von legalen Suchtmitteln selbstverständlich. Die bietet das Akutkrankenhaus der Artemed-Gruppe im einstigen Augustiner-Chorherrenstift überreichlich: traumhafte Ausblicke über Dießen und den Ammersee. Weitläufige Parks in unmittelbarer Nachbarschaft des barocken Marienmünsters und der wildromantischen Schlucht des Tiefenbachs. Leuchtendgrüne, sanft abfallende Wiesen mit Apfelbäumen, auf denen Therapieschafe für Fortgeschrittene weiden. Lange, kühle Gänge, ein malerischer Innenhof. Eine Atmosphäre, die dank behutsamer Renovierung noch die Würde des jahrhundertealten Gemäuers atmet und reduziert, aber stilvoll ausgestattet ist.

Das Kloster bleibt auch als Klinik ein Ort der Besinnung. Alles strahlt vollkommene Harmonie aus und entspricht dem Klischee des idyllischen Oberbayerns so sehr, dass es fast schon inszeniert wirkt. Sicher sind Ludwigs Suchtrezeptoren für diese Reize empfänglich, sie kommt aus dem Chiemgau. Ihr Besuch steht aber nicht unter genießerischen Aspekten, auch wenn die Abgeordnete fast drei Stunden in Dießen verbringt. Sie habe erkannt, dass nicht nur verbotene oder erlaubte Rauschmittel, sondern auch Verhaltenssüchte zu ihrem Aufgabenbereich gehören. "Das wird in den kommenden Wochen Schwerpunkt meiner Tätigkeit," sagt sie, demnächst will Ludwig eine neue Aufklärungskampagne zum Thema Medienkonsum starten.

Bundesdrogenbeauftragte Daniela Ludwig (Mitte) informiert sich bei Chefarzt Bert te Wildt und Inga Lettgen von der Klinikleitung über Computersucht und das Therapieangebot in Dießen.
Bundesdrogenbeauftragte Daniela Ludwig (Mitte) informiert sich bei Chefarzt Bert te Wildt und Inga Lettgen von der Klinikleitung über Computersucht und das Therapieangebot in Dießen. Arlet Ulfers

Sie hat sich dazu intensiv bei Chefarzt Bert te Wildt informiert, aber auch das Einzelgespräch mit einem Patienten gesucht, der nicht nur an Computersucht, sondern auch in der Folge an einer schweren Depression erkrankt war. Der Medienentzug, "Digital Detox", könne mit psychogenen körperlichen Symptomen einhergehen, sagt Ludwig, "doch die Forschungslage ist noch relativ dünn." Vor allem sei schwer abgrenzen, ab wann Medienkonsum krankhafte Züge annimmt. Immerhin hat die Weltgesundheitsorganisation vor zwei Jahren Computer- und Videospielsucht offiziell als Erkrankung anerkannt. Te Wildt gilt als Deutschlands führender Experte zum Thema: Sein Buch "Digital Junkies" ist zum Standardwerk für Fachleute und Betroffene avanciert. Immer wieder hat er Patienten, die eine fünfstellige Zahl an Stunden am Bildschirm verbracht haben, der Rekord läge bislang bei zweieinhalb Jahren an Netto-Lebenszeit, erzählt te Wildt.

Im vormaligen Kloster begegnet man digitaler Sucht mit Gruppen- und Einzeltherapien, die Patienten analoge Spiel- und Lebensräume erschließen und sie im Umgang mit den Medien wieder die Impulskontrolle erlangen lassen. Derzeit leide etwa jeder fünfte Patient in der Klinik unter dieser Form der Abhängigkeit, sagt te Wildt. Was auch daran läge, "dass sich nicht so viele Computersüchtige behandeln lassen" - eingeschränkte Krankheitseinsicht ist ein typisches Symptom von Internetsucht. Bei Therapiewilligen liege oft zudem eine Depression vor, die der häufigste Grund für einen Klinikaufenthalt sei.

Markus Schnitzler und Daniel Afscharian-Olszewski betreuen die Therapieschafe.
Markus Schnitzler und Daniel Afscharian-Olszewski betreuen die Therapieschafe. Arlet ulfers

Weiter werden in Dießen Patienten mit Angst-, Ess- und Persönlichkeitsstörungen, ADS-Symptomen und Burnout aufgenommen, ein Alter von 18 ist Voraussetzung. Verhaltenssüchte seien gewaltig im Vormarsch, sagt te Wildt - "aber ein Therapieplatz für Sex- oder Kaufsucht ist in Deutschland kaum zu finden". Und wer unter posttraumatischer Belastungsstörung leidet, müsse sich derzeit auf mehrere Monate Wartezeit einstellen. "Die Klinik kann sich über mangelnden Zuspruch nicht beklagen", hat Ludwig in Dießen erfahren.

Die Kapazität kann dort längst nicht mehr mit dem Bedarf mithalten, lange Aufenthaltszeiten von sechs bis zwölf Wochen tragen dazu bei. Seit Ende 2019 ist das Haus keine Privatklinik mehr, im bayerischen Bettenplan wurde Dießen inzwischen von 18 auf 48 Kassenpatienten aufgestockt. "Der Bedarf ist erkannt worden", sagt Chefarzt-Assistentin Alexandra Hansch: Auch wenn der Andrang stark angestiegen ist, wolle man weiter nur langsam wachsen, was Mitarbeiter und Patienten betrifft. Derzeit sind 56 Betten vorhanden, bis Jahresende sollen 64, im endgültigen Ausbau 98 zur Verfügung stehen.

Das Kloster ist auch als Klinik ein Ort der Besinnung und Klarheit geblieben.
Das Kloster ist auch als Klinik ein Ort der Besinnung und Klarheit geblieben. Arlet Ulfers

Hansch führt durch die vormaligen Klosterräume, präsentiert die gemütliche, lichtdurchflutete Bibliothek und das Restaurant im Souterrain. In der eigenen Küche verarbeitet man vor allem regionale Produkte, auch die Patienten tragen dazu bei: Im April etwa haben sie an der Schlucht Bärlauch gesammelt, bald wird gemeinsam Apfelsaft gepresst. Die Pflege des Klostergartens und der Bienenvölker ist Teil der naturgestützten Therapie, ebenso Exkursionen ins Grüne. An Wochenenden seien die Patienten dazu angehalten, selbständig Ausflüge in die Umgebung zu organisieren, sagt Hansch. Der Kunsttherapieraum ist ständig von Patienten belegt, da würden Besucher nur stören. Also geht man raus, auf einer Obstwiese findet eine Therapiestunde statt.

Der Dießener Schäfer und Metzger Markus Schnitzler leitet eine Gruppe junger Menschen im Umgang mit einer Herde "Scottish Blackface" an. Diese ursprüngliche Rasse lässt sich nur kurz und mit großer Anstrengung einpferchen. Die Schwarzgesichter reagieren auf Menschen ganz anders als ihre Artgenossen, die im Klinikbetrieb als Streicheltiere eingesetzt sind - wie zwei Lamas und sechs Esel. Der Therapiehund ist noch Azubi. Tiere sind gerade für Mediensüchtige wichtig, um emotionale Nähe und Wärme aufzubauen. Und mit Taekwondo lernen auf Computerschlachten fixierte Abhängige, "kämpfen wieder auf eine sinnliche Ebene zurückführen", sagt Hansch. Genau gesehen ist das ganze Ambiente in Dießen dazu gedacht, alle Sinne zu betören: "Unsere Klinik bietet quasi eine Überdosis schönsten analogen Lebens", sagt te Wildt.

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