Denkmalschutz in DießenIndustriebrache am Ammersee soll wieder belebt werden

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Nicht nur der Putz bröckelt: die Gebäude der ehemaligen „Graphischen Kunstanstalt“ in Dießen, auch Huber-Häuser genannt.
Nicht nur der Putz bröckelt: die Gebäude der ehemaligen „Graphischen Kunstanstalt“ in Dießen, auch Huber-Häuser genannt. (Foto: Franz Xaver Fuchs)

Die denkmalgeschützten Huber-Häuser mitten in Dießen müssen dringend saniert werden. Dafür liegen mehrere Konzepte vor. Jetzt muss die Gemeinde entscheiden.

Von Renate Greil, Dießen

Die Gemeinde Dießen strebt eine neue Nutzung ehemaliger Industriebauten an. Es geht um die frühere „Graphische Kunstanstalt Jos. C. Huber KG“. Seit Jahren bröckelt der bekannteste Lost Place von Dießen, die sogenannten Huber-Häuser, vor sich hin. Bis auf drei Wohnungen steht die Immobilie seit Langem leer, nach Erbstreitigkeiten ist diese seit 2021 im Eigentum der Marktgemeinde. Die Industriebrache hat Charme, ist aber auch herausfordernd: eine schmale Zufahrt, beengte Verhältnisse an der Durchgangsstraße, kaum Parkplätze, Altlasten. Zudem steht der gesamte Gebäudekomplex unter Denkmalschutz.

Dennoch gab es Bewerbungen bei der ersten Stufe der Ideenwerkstatt, die von Eigentumswohnungen bis zum freien Kulturzentrum reichten.   „Fünf tolle Konzepte“, wie Bürgermeisterin Sandra Perzul (Dießener Bürger) fand, wurden nun der Einwohnerschaft vorgestellt. Perzul erwartete sich von der Informationsveranstaltung auch Rückmeldungen von den rund zweihundert Interessierten, die in die Aula der Carl-Orff-Schule gekommen waren. Die Bürgermeisterin erläuterte auf Nachfrage, dass ein Investor nicht habe öffentlich auftreten wollen und ein weiterer Vorschlag nur für eine Parkplatzgestaltung eingereicht worden sei.

Ein „Mix aus Gewerbe- oder Co-Working-Räumen, Räume für Kultur, Kunst oder Vereine sowie Wohnraum“ in der für den Ort wichtigen Immobilie war in der Ideenwerkstatt von der Gemeinde gewünscht worden. Diesem Anspruch kamen die meisten Konzepte in unterschiedlichen Gewichtungen nach. Angeboten wurde eine Umwandlung in Eigentumswohnungen, eine Generalsanierung, ein Bauherrenmodell und zwei Modelle mit Erbpacht.

Die Kunstanstalt unterstützte Rechtsextreme - daran soll erinnert werden

Auf die bewegte Geschichte der Häuser, eines fungierte von 1862 bis 1879 als Rathaus, und der Graphischen Kunstanstalt, die Zeitungen, Flugblätter und sogar Geldscheine druckte und in der Weimarer Republik Rechtsextreme unterstützte - man leistete sich sogar einen Rechtsstreit um den Titel des „ältesten nationalsozialistischen Verlags“ -  wurde in den Konzepten eingegangen: als kleines Museum, Dauerausstellung oder Ort der Aufklärung.

Etwa 200 Dießnerinnen und Dießner hören sich die Vorstellung der unterschiedlichen Sanierungskonzepte an - unter ihnen auch Bürgermeisterin Sandra Perzul (Bildmitte vorn, roter Blazer).
Etwa 200 Dießnerinnen und Dießner hören sich die Vorstellung der unterschiedlichen Sanierungskonzepte an - unter ihnen auch Bürgermeisterin Sandra Perzul (Bildmitte vorn, roter Blazer). (Foto: Franz Xaver Fuchs)

Auf eine Verpachtung setzen die beiden Konzepte aus der Bürgerschaft. Im Ranking um den lautesten Applaus hatte die neue Gruppierung „Kulturwerkstatt“ die Nase vorn, aber auch das Engagement des Vereins „Freie Kunstanstalt“ wurde lautstark gewürdigt. Der Verein hatte von Anfang an die Huber-Häuser im Blick und legt den Schwerpunkt auf einen öffentlichen Kulturbetrieb und eine frei zugängliche Infrastruktur für Künstler.

Günstige Arbeitsräume, Bühne und Wirkungsstätte für Kunstschaffende, Handwerker und Akteure sollen entstehen, zudem soll die Musikschule und das Jugendzentrum einziehen. Workshops, Theateraufführungen, Lesungen, Musik und ein Ferienprogramm für Kinder und Jugendliche sind angedacht. Der Verein würde sofort mit einer Zwischennutzung als Lager beginnen, dann solle Stück für Stück saniert werden, erläuterte Stefanie Sanktjohanser.

Sie kritisierte den Umgang der Kommune mit Leerstand in gemeindlichen Immobilien. „Es war Bedarf da“, sagte Sanktjohanser zur Bewerbung um die Huber-Häuser vor vier Jahren und verwies auf die vielen Aktivitäten, und Veranstaltungen, die der Verein seit 2022 in der alten Schreinerei Graf anbietet. In dieser Zwischennutzung stehen auch günstige Ateliers zur Verfügung. Gerechnet wird in diesem Konzept mit Kosten zwischen einer und zehn Millionen Euro, je nach Ausbaustufe.

Die „Freie Kunstanstalt“ vertreten (von links) Tamara Piuzebouni, Felix Binder und Steffi Sanktjohanser.
Die „Freie Kunstanstalt“ vertreten (von links) Tamara Piuzebouni, Felix Binder und Steffi Sanktjohanser. (Foto: Franz Xaver Fuchs)

Auf ein Genossenschaftsmodell setzt das zehnköpfige Team „Kulturwerkstatt – Ideen für Dießen“. Unterstützt wird es von dem Sanierungsexperten Christian Skrodzki aus dem Allgäu. In die Häuser sollen auch Dießener Institutionen wie Musikschule, Bücherei, Repair-Café, Co-Working und Volkshochschule einziehen, Gewerbetreibende und Kunstschaffende sollen wie bei den meisten Konzepten ebenso eingebunden werden. Eine Gastronomie ist eingeplant. Günstiger Wohnraum, auch temporär als „Co-Living-Konzept“, soll geschaffen werden. Im hinteren Bereich sollen ein paar Parkplätze entstehen.

„Wir wollen alle mitnehmen“, sagte Bauingenieurin Anni Sander. Der Finanzbedarf wird bei 20 Millionen Euro gesehen, aus Fördertöpfen erwartet die Gruppe mindestens 15 Millionen Euro. Spenden, Genossenschaftsanteile und Eigenleistung soll den Rest abdecken. Der laufende Betrieb soll sich selbst finanzieren.

Die Ideen der „Kulturwerkstatt“ präsentieren (von links) Christian Skrodzki, Michael Haag, Annette Rießner und Anni Sander.
Die Ideen der „Kulturwerkstatt“ präsentieren (von links) Christian Skrodzki, Michael Haag, Annette Rießner und Anni Sander. (Foto: Franz Xaver Fuchs)

Auf weniger Gegenliebe beim Publikum stieß die Vermarktungsidee der Immobilienmaklerin Irina Aigner, die seit drei Jahren in Dießen wohnt. Sie plant 37 Eigentumswohnungen, einen Gewerbebereich, ein kleines Museum sowie eine Tiefgarage mit 45 Plätzen. Sie schätzt die Kosten dafür auf 15 bis 20 Millionen. Einen anderen Weg schlägt ein Duo der Münchner Firma „EB - Erhaltung von Bauwerken“ aus Wirtschaftsingenieur Matthias Kaufmann und Architekt Bernhard Asböck ein. Sie wollen die Huber-Häuser für die Kommune als Generalplaner im moderaten Standard sanieren.

Zur Finanzierung schlagen sie ein Wohnhaus mit acht Wohnungen im hinteren Gartenbereich vor, das verkauft werden soll. Darunter soll eine Tiefgarage gebaut werden. Im Dachgeschoss sollen drei Wohnungen neu geschaffen werden. Die Gebäudestruktur an sich wollen sie grundsätzlich erhalten. Ein multifunktionales Kultur- und Kreativzentrum soll so entstehen. Sie kalkulieren mit etwa zehn Millionen Euro. Nach Abzug der Fördermittel müsste die Gemeinde noch drei Millionen Euro zahlen.

Kapital und Kunst will eine Gruppe aus Architekten (Caroline Willy, Susanne Knopp und Markus Wassmer) mit dem Schongauer Unternehmer Christoph Reiter zusammenbringen. Acht Millionen Euro Kapital soll von Investoren kommen, die besondere Steuervorteile bei Denkmalprojekten nutzen und weniger auf die Rendite schauen müssen. Als Blaupause sollen die „Schongauer Altstadtfonds“ genutzt werden. Reiter lockte mit „günstigen Mieten für Ateliers und Wohnungen“. Gebaut werde im Bauherrenmodell und nach einer Laufzeit von fünfzehn bis zwanzig Jahre habe die Gemeinde, die das Gebäude einbringt, ein Vorkaufsrecht.

Studentischer Vorschlag: Der Dießner Architekturprofessor Nicolas Kretschmann und seine Studenten haben sich ebenfalls Gedanken über die gestalterische Zukunft der Huber-Häuser gemacht. Ihr Modell stellten sie schon vor einiger Zeit vor.
Studentischer Vorschlag: Der Dießner Architekturprofessor Nicolas Kretschmann und seine Studenten haben sich ebenfalls Gedanken über die gestalterische Zukunft der Huber-Häuser gemacht. Ihr Modell stellten sie schon vor einiger Zeit vor. (Foto: Franz Xaver Fuchs)

Nach dem Prinzip „Nutzung trifft Gebäude“ sollen geförderte gemeindliche Einrichtungen Platz finden, sagte Willy. Ein Café, Co-Working und offene Werkstätten und Wohnungen, auch mit Dachausbau, kommen dazu. Diese Gruppe rechnet mit einem Finanzbedarf von 15 Millionen Euro, davon fünf Millionen aus Fördertöpfen und 1,2 Millionen soll je zur Hälfte von der Kommune und den Bürgern kommen.

Welches Konzept zum Zuge kommt oder ob es eine Kombination sein wird, darüber wird der Gemeinderat in „mehr als einer Sitzung“ beraten, kündigte Perzul an. Zudem müsse die Liegenschaft mit einer Fläche von an die 3000 Quadratmeter noch einmal rechtssicher ausgeschrieben werden. Wie Kapital, Kommune und Kunst zusammenkommen, bleibt also weiterhin in der Diskussion.

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