Süddeutsche Zeitung

Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt:Spannender als Silvester

Vier weitere von 30 Galileo-Satelliten sind im All. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer verfolgt den Raketenstart von Oberpfaffenhofen aus, wo das Kontrollzentrum die Steuerung übernimmt.

Von Patrizia Steipe

Dix, neuf, huit, sept - auf französisch zählt der Missionsleiter im entfernten europäischen Weltraumbahnhof in Kourou den Countdown und Oberpfaffenhofen ist live dabei. Diesmal haben sich die Wissenschaftler nicht im Columbus-Kontrollzentrum versammelt, wie beim Start des deutschen Astronauten Alexander Gerst, sondern im benachbarten Galileo-Kontrollzentrum. Schließlich handelt es sich bei diesem Launch um den letzten Start einer europäischen Ariane-5-Rakete. Sie bringt vier weitere Satelliten für das zivile europäische Navigationssystem Galileo in den Orbit. "Das ist ja spannender als Silvester", meint ein beeindruckter Andreas Scheuer (CSU). Der Bundesverkehrsminister verfolgte den Raketenlaunch am Mittwoch auf der Brücke des Kontrollzentrums.

Der Satellitenstart habe Auswirkungen für jeden Bürger mit Smartphone, betonte Simon Plum, Geschäftsführer des Galileo-Programms. Tara, Samuel, Anne und Ellen - wie Kinder aus ganz Europa die Satelliten getauft hatten - waren die letzten noch fehlenden Satelliten im Orbit. Jetzt kann Galileo die ganze Erde abdecken. Viele Handys sind bereits mit Chips ausgestattet, die Signale, der in 23 222 Kilometer Höhe kreisenden Satelliten empfangen können. Knapp vier Stunden dauert der Flug, bis die neuen Satelliten auf ihrer Umlaufbahn ausgesetzt werden. Anfang 2019 sollen sie in den Regelbetrieb gehen. Ein Jahr später werden alle Dienste weltweit verfügbar sein. Dann umkreisen mindestens 30 Galileo-Satelliten die Erde. Um eine genaue Positionierung zu erhalten, benötige man die Daten von mindestens vier Satelliten, erklärte René Kleeßen, DLR-Raumfahrtingenieur.

Die ersten Tage im All werden die vier jüngsten Satelliten vom französischen Kontrollzentrum in Toulouse gesteuert. Dann übernimmt das Kontrollzentrum in Oberpfaffenhofen die Steuerung. Ein Galileo-Satellit braucht für eine Erdumrundung etwa 14 Stunden, weltweit gibt es 17 Orte, teils mit mehreren Bodenstationen, an denen die Galileo-Signale empfangen und verarbeitet werden können - von Svalbard auf Spitzbergen bis Troll in der Antarktis, von Tahiti bis La Réunion.

Den Besuch des Ministers nutzten verschiedene Start-Ups vom Anwendungszentrum Oberpfaffenhofen, um ihre Ideen im Foyer des Kontrollzentrums vorzustellen. Bei allen Prototypen und Musterteilen waren technischen Neuerungen aus der Galileo-Forschung auf irdische Produkte übertragen worden. Da gab es beispielsweise ein mit einem besonderen Antrieb versehenes E-Bike der Firma TQ oder eine Flugzeugdrohne, die Senkrecht starten könne und dadurch weder Landebahnen noch Fallschirmsysteme benötige. Dank der Sensoren könnten beispielsweise Menschenmengen bei Massenevents gezählt werden und bereits im Vorfeld drohenden Katastrophen wie auf der Duisburger Loveparade entgegen gewirkt werden, erklärte Armin Busse vom Start-up-Unternehmen Quantum. Die jungen Erfinder erhofften sich alle, dass Scheuer dank seiner guten Kontakte zu Behörden bei Problemen wie einer Straßenzulassung, einem Testfeld für laute Starts oder anderen Genehmigungen behilflich sein könne. Und Scheuer zeigte sich interessiert, verteilte Visitenkarten, lud zu sich nach Berlin ein. "Deutschland profitiert von den durch Galileo entstandenen Innovationen", freute er sich. Der nächste Start mit weiteren Satelliten als Ersatz soll Ende 2020 erfolgen. Dann mit der neuen Ariane 6 als Trägerrakete.

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Quelle:
SZ vom 26.07.2018
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