In der Hofmark prosten sich die Nachbarn mit Prosecco zu, auf der Herrenstraße verschönern Kinder mit Wachsmalkreiden die Fahrbahn. "Man hört die Vögel zwitschern", freut sich Peter Kaun junior. Zwei Stunden haben die Anlieger an Dießens am zweitstärksten vom Verkehr belasteten Straße an diesem Donnerstag ausnahmsweise Ruhe. Die Polizei hat diesen Abschnitt der Staatsstraße 2056 für eine sehr gemütliche Art von Demonstration gesperrt, während sich der Feierabendverkehr auf den Umleitungen staut. Und auch der Föhn trägt das seine zur mediterranen Stimmung zwischen Stühlen und Tischen bei, von der Hofmark aus scheint der Herzogstand ganz nah zu sein.
Dort zeigt der Maler Martin Gensbaur im "Kunstfenster" ein Video, das den Alltag vor seiner Tür wiedergibt. Er hat es ironisch mit Zitaten zur Umgestaltung der Mühlstraße unterlegt, mit der die Gemeinde mehr Lebensqualität für Bewohner und Passanten schaffen wollte. In Hofmark und Herrenstraße sieht die Realität ganz anders aus: haarsträubende Begegnungssituationen zwischen Lastwagen, Bussen und riesigen Zugmaschinen. Schulkinder und Radler werden buchstäblich an den Rand gedrängt. Zum Glück sei noch niemand ernsthaft verletzt worden, sagt Xaver Gattinger. Er lebt dort seit 70 Jahren und sei auch schon als Fußgänger von einem Lastwagen gestreift worden. Und als wäre der Motorenlärm nicht genug, könne man oft lautstarke Auseinandersetzungen und Raufhändel der Fahrer verfolgen, die auf der 5,19 Meter breiten Straße nicht aneinander vorbeikommen.
Weiter unten, vor der Einmündung in die Staatsstraße 2055, wird es noch viel enger. Dort ist der südliche Bürgersteig nur einen Fuß breit: "Schuhgröße 38, nein 36", meint Sabine Vöge, die dort seit fast drei Jahren ihr "Kleines Stoffhaus" führt. Ein vertrautes Geräusch sei das Knirschen der Felgen, die am Bordstein entlangschrammen. Erst vorgestern sei wieder ein Außenspiegel vor ihrer Tür abgefahren worden. Mario Arbia, Wirt des Restaurants "La Gondola", kennt die Lage seit 13 Jahren. Auf der Terrasse gegenüber vom Rathaus könne er oft wegen des Lärms keine Bestellung entgegennehmen: "Fast wie in Italien, nur da hupen die schimpfenden Autofahrer noch".
Kaun, Mitorganisator der Protestaktion, hofft, so in der Tempo 30-Zone auf eine "konsequente Geschwindigkeitsüberwachung und die Ableitung des Schwerverkehr durch eine Tonnagebeschränkung" zu erreichen. Nicht alle Anlieger sind auf seiner Seite: "Es wäre schön, einen realistischen Lösungsvorschlag zu bringen, bevor man protestiert", meint der Zinngießer Martin Schweizer. Er fühlt sich von der Sperrung überrumpelt - fürchtet freilich auch, dass eine Entlastung der Herrenstraße zu mehr Verkehr in der Neudießener Straße führe, wo er wohnt. Nun soll ein Ingenieurbüro die Erneuerung von Herrenstraße und Hofmark überplanen, weil ohnehin Fahrbahn und Wasserleitungen saniert werden müssen. Doch angesichts der Engstellen sieht Nadina Heiß vom Staatlichen Bauamt kaum Chancen, die Verkehrsbelastung zu verringern, es bleibe nur Raum für geringfügige Veränderungen.
